Schule

«Wer geliebt werden will, ist im Lehrerberuf verloren»

Lehrpersonen an Brennpunktschulen sind oft mit besonders schwierigen Lehrsituationen konfrontiert. Lehrerin und Buchautorin Maike Plath über die Frage, wie auch Lehrpersonen anderer Schulbetriebe von diesem reichen Erfahrungsschatz profitieren können.
Interview: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler 
Bild: Franziska Messner-Rast

Frau Plath, Sie haben einige Jahre als Lehrerin an einer Schule in Neukölln gearbeitet, einem Bezirk Berlins, der als «sozialer Brennpunkt» bekannt ist. Wie haben Sie Ihre Zeit an dieser Schule erlebt?

Für mich war die Situation nach vor­herigen acht Jahren an einer musisch orientierten Gesamtschule nahe Hamburg im Vergleich absurd. In meiner damaligen Wahrnehmung waren an der Berliner Schule 90 Pro­zent der Jugendlichen «nichtdeut­scher Herkunft» und insgesamt die Zustände chaotisch. Mir erschien es so, als ob die Lehrkräfte versuchten «Schule zu spielen», aber die Jugendlichen spielten nicht mehr mit. Das, was ich als «Unterricht» bezeichnet hätte, war nicht möglich. Den Jugendlichen waren Noten egal, sie verweigerten den Unterricht, tobten durch die Gegend, pöbelten sich gegenseitig an und waren kaum ansprechbar. Gewalt lag in der Luft, es flogen auch hin und wieder Möbel aus dem Fenster und Dinge gingen zu Bruch.
Zur Person: Maike Plath ist Autorin, Theaterpädagogin und Lehrerin. Als konstruktive Antwort auf ihre Erfahrungen im Berliner Schulalltag entwickelte Plath während ihrer neunjährigen Tätigkeit an einer Brennpunktschule ihr partizipatives künstlerisches Konzept, das so genannte Mischpult-Prinzip. Dieses vermittelt selbstbestimmte und individuelle Strategien demokratischer Führung und ist über die Theaterarbeit hinaus auf andere Kontexte übertragbar.  Weitere Informationen: www.act-berlin.de, www.maikesblog.de
Zur Person: Maike Plath ist Autorin, Theaterpädagogin und Lehrerin. Als konstruktive Antwort auf ihre Erfahrungen im Berliner Schulalltag entwickelte Plath während ihrer neunjährigen Tätigkeit an einer Brennpunktschule ihr partizipatives künstlerisches Konzept, das so genannte Mischpult-Prinzip. Dieses vermittelt selbstbestimmte und individuelle Strategien demokratischer Führung und ist über die Theaterarbeit hinaus auf andere Kontexte übertragbar.
Weitere Informationen:
www.act-berlin.de, www.maikesblog.de

In den Medien wird immer wieder gefordert, die Schule müsse in solchen Situationen hart durchgreifen, um den Jugendlichen Respekt beizubringen.

Ich glaube, es ergibt Sinn, sich zu fragen, warum Jugendliche «keinen Bock» auf Schule haben, und die eigene Perspektive auf das «Chaos» zu hinterfragen. Diese Jugendlichen an der Hauptschule fühlten sich als Menschen zweiter Klasse abgestem­pelt, und zwar nicht unbedingt von einzelnen Lehrkräften – zu denen hatten sie teilweise sogar ein gutes Verhältnis –, sondern vom System Schule.

Wie meinen Sie das?

Ich glaube, dass diese Schülerinnen und Schüler ununterbrochen ver­wundert und gelangweilt sind von der Art und Weise, wie und was sie lernen sollen. Sie wehren sich gegen die ständige Bevormundung und die aus ihrer Sicht irrelevanten Lern­inhalte, weil sie für sich sowieso kei­ne Chance sehen, in diesem System erfolgreich sein zu können. Meiner Erfahrung nach empfinden sehr viele Jugendliche die Schulzeit als eine Phase, die sie irgendwie durchhalten müssen, die ihnen aber persönlich oder gar für ihre Zukunft nicht viel bringt. Darunter litten auch die Lehrkräfte an meiner Schule. Sie hat­ten das Gefühl, den Schülerinnen und Schülern individuell nicht gerecht werden zu können.

Und daraus ergibt sich eine feindselige Stimmung?

Richtig. Die Aggressionen oder die innere Emigration der Jugendlichen sehe ich als Reaktion auf die Demü­tigung, als Versager behandelt zu werden. Die Lehrkräfte begegnen den Jugendlichen in ihrer Hilflosig­keit oft autoritär, was das Gefühl der Demütigung aber nur noch ver­stärkt. Deren Reaktion darauf – damals an der Brennpunktschule – war wiederum, die Lehrkräfte zu beleidigen und zu demütigen, und so entstand ein Teufelskreis, in dem alle Beteiligten der Schule ununter­brochen damit beschäftigt waren, Herabsetzung, Frust und Kränkung zu kompensieren: sowohl die Schü­lerinnen und Schüler als auch die Lehrerinnen und Lehrer.
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«Ein rebellierendes Kind ist ein gesundes Kind.»
Lehrerin und Buchautorin Maike Plath

Also wehrten sich die Schüler gegen die Unterdrückung, gegen die Gesellschaft, das Lernangebot, die Zukunft, die man ihnen in Aussicht stellt, und die Art, wie man mit ihnen umgeht?

Ja. Irgendwann habe ich verstanden, dass ein rebellierendes Kind ein gesundes Kind ist: Denn es wehrt sich noch gegen die ständige Ver­letzung seiner Würde. Es gab auch Kinder, die bereits aufgegeben hat­ten, nur noch apathisch rumsassen oder die Schule schwänzten. Das fand ich noch viel schlimmer. Aber in diesem ganzen systemischen Dilemma fand ich es beeindruckend, dass sich trotz allem immer wieder individuell menschliche Beziehun­gen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern entwickelten, und dass überhaupt nur dann kleine Momente von konstruktivem Ler­nen möglich wurden. Diese Erfolge wurden aber häufig dadurch wieder zunichte gemacht, dass die Lehrkräf­te dann wieder Noten geben mussten und der Kreislauf der Demütigung dadurch von Neuem in Gang gesetzt wurde.

Was braucht es, damit die Zusammenarbeit möglich ist? 

Lehrkräfte haben, glaube ich, eine grosse Sehnsucht, menschlich zu agieren und den ihnen anvertrauten Jugendlichen reale Chancen auf ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu eröffnen. Ich glaube, dass wir grund­sätzlich unterscheiden müssen zwi­schen autoritärem, normenbasiertem «Herrschen» auf der einen Seite und menschlicher Führung auf der anderen Seite. Die berühmte und angestrebte Augenhöhe, durch die ein wertschätzender und demokra­tischer Umgang miteinander und in der Folge dann auch Lernen gelingt, ist nicht möglich, wenn über Angst, Strafe und Belohnung beziehungs­weise Noten von oben herab regiert wird.

Was wäre die Alternative?

Das Wichtigste ist, sich mit den Kin­dern und Jugendlichen – und deren Eltern – zu solidarisieren und ihre Perspektive einzunehmen. Es geht nicht darum, die Menschen in Raster einzuhegen, sondern herauszufin­den, wo ihre individuellen Bedürf­nisse und Stärken sind, und uns – als Lehrkräfte – als Experten dafür zu begreifen, erfolgreiche Biografien zu ermöglichen.

Wie schafft man das als Lehrperson?

Indem wir unsere Führungsaufgabe wahrnehmen. Das heisst: sowohl streng als auch liebevoll sein können, je nachdem, was individuell und situativ notwendig ist, um einem Kind den nächsten Entwicklungs­schritt ermöglichen zu können. Vor allem aber müssen die Schülerinnen und Schüler stärker mit einbezogen werden! Derzeit sind die Demokra­tien in der Welt gefährdet. Meiner Meinung nach ist unsere wichtigste Aufgabe im Bereich Bildung derzeit, die Grundlagen für demokratisches Denken und Handeln in einer sehr veränderten Welt wieder neu und gleichzeitig konkret erfahrungsbasiert zu vermitteln. Dafür muss auch der Führungsstil demokratisch und partizipativ ausgerichtet sein. 

Wie kann man sich das im Alltag vorstellen?

Es gibt in unserer Arbeit beispielsweise die «Veto-Regel»: Jede Person im Raum kann jederzeit «Veto» sagen und eine Anweisung – ohne Begründung – verweigern. Erst dadurch entsteht der innere Freiraum, sich auf Neues und Fremdes einzulassen und sich zu trauen, Risiken einzugehen.

Das Thema Führungsverantwortung nimmt in Ihren Büchern viel Raum ein. 

Der Lehrerberuf erfordert Führungskompetenz. Das heisst: sowohl die Fähigkeit, anderen Menschen individuell und zugewandt zu begegnen und sich in andere einzufühlen, als auch deutlich Grenzen zu setzen und Entscheidungen zu verantworten, die unter Umständen auch mal grosse Widerstände bei den Jugendlichen auslösen.

Inwiefern wird man in der Ausbildung darauf vorbereitet?

In der Ausbildung lernen Lehrkräfte häufig nur, dass sie «wertschätzend» mit den Schülerinnen und Schülern umgehen sollen, was natürlich richtig ist, aber oft dazu führt, dass Lehrkräfte sich nicht trauen, konsequent zu führen. Was wir alle uns fragen müssen, ist: Wo ist unsere Einfühlsamkeit einer Harmoniebedürftigkeit geschuldet? Bin ich freundlich, weil ich «geliebt» werden will oder weil ich es – auf das übergeordnete Ziel bezogen – verantworten kann? Wer geliebt werden will, ist im Lehrberuf verloren. Das habe ich persönlich spätestens in Berlin-Neukölln gelernt.

Was wünschen Sie sich für die Schule?

Der Lehrerberuf ist einer der wichtigsten Berufe überhaupt. Es ist absurd, dass ausgerechnet Lehrkräfte sich überfordert, gefrustet und fremdbestimmt fühlen. Sie sollten erkennen, dass unsere Zukunft nicht unwesentlich von ihrem individuellen alltäglichen Handeln abhängt. Lehrkräfte sollten sich nicht länger als Opfer eines Systems begreifen, sondern als die Akteurinnen und Akteure der nächsten relevanten Emanzipationsbewegung. Dafür sollten wir uns zusammentun und kooperieren, statt einsam jeden Tag das Unmögliche zu versuchen.

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