Schule

Die Handschrift hat ausgedient? Von wegen!

Muss in Zeiten fortschreitender Digitalisierung das Schreiben von Hand im Unterricht noch geübt werden? Unsere Autorin findet ja – wenn die Zweckmässigkeit und nicht die Schönschrift im Vordergrund steht. 
Text: Ruth Fritschi
Bild: Bruce Mars / Pexels
Schreiben Sie im Alltag noch mit der Hand? Ich selbst relativ viel. Mein Notizheft, ein Bleistift und  ein Gummi sind bei meiner täglichen Arbeit als Schulische Heilpädagogin immer mit dabei.  Alles, was ich nicht vergessen darf, was ich strukturieren und aufgleisen muss, schreibe ich zuerst einmal  handschriftlich auf. Eine persönliche, flüssige Handschrift dünkt mich eine wichtige Fertigkeit für alle Menschen.

Ich bin der Meinung, dass es trotz Laptops in den Klassen und Smartphones zu Hause die Handschrift weiterhin braucht. In der Diskussion «digitale Geräte versus Handschrift» werden Themen vermischt, die nicht zusammengehören. Der Umgang mit digitalen Geräten ist eine Fertigkeit, die heute jeder braucht. Dazu zählt auch das Schreiben  auf der Tastatur. Aber deswegen ist das Erlernen der Handschrift  keineswegs überflüssig geworden. 
Von Hand schreiben unterstützt Kinder beim Merken von Faktenwissen wie beim inhaltlichen Verständnis.
Vielmehr braucht es die Förderung des Handschriftlichen in einem sinnvollen, digitalen Kontext. Konkret geht es darum, einen achtsamen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Digitalen zu finden. Wir dürfen unsere bewährten Kulturtechniken aus Faszination für die neuesten Gadgets nicht aufgeben. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz nimmt als Partner an der deutschen STEP-Studie 2019 teil. 

Gemeinsam mit dem Verband für Bildung und Erziehung und seinen 16 Landesverbänden führt das Schreibmotorik-Institut eine bundesweite Online-Umfrage unter den Lehrkräften aller Schulformen durch. Die Studie verfolgt das Ziel, weitere Erkenntnisse zum Handschrifterwerb zu erhalten und neue praktische Ansätze in einer Kombination der analogen und der digitalen Welt zu erproben. Wenn es gelingt, die Praxis gemeinsam mit den Pädagogen neu zu gestalten, könnten digitale Medien und innovative Technologien das Schreibenlernen in Zukunft sogar erleichtern.

Kinder haben zunehmend Probleme, mit der Hand zu schreiben

Meine persönlichen Erfahrungen und die meiner Teamkolleginnen in der Schulpraxis bestätigen die  Behauptung, dass die Kinder von heute zunehmend Probleme haben, mit der Hand zu schreiben. Ein Grund ist offenbar, dass die Buben und Mädchen schon mit weniger  motorischen Kompetenzen in den Kindergarten beziehungsweise in die Schule eintreten als früher. Schauen wir zunächst, welche motorischen Fähigkeiten Kinder entwickeln müssen, damit sie überhaupt von Hand schreiben können.  
Die Entwicklung der kindlichen  Motorik vollzieht sich vom Kopf bis zu den Füssen und von innen nach  aussen. Man kann auch sagen, dass die motorische Entwicklung von grossen zu kleinen und immer präziseren  Bewegungen verläuft. Wir beobachten Kinder, die versuchen, ihre Schreibbewegungen mit der Schulter zu steuern, der Arm ist vom Tisch abgehoben, die  Finger bewegen sich beim Schreiben nicht. Dies ist zwar für eine kurze Zeit möglich, führt aber schnell zu  grosser Ermüdung. Um eine erfolgreiche Schreibbewegung über längere  Zeit ausführen zu können, ist es nötig, den Arm auf dem Tisch abzulegen.

Nur so können die Handgelenks- und Fingerbewegungen kontrolliert werden. Bevor Kinder dazu fähig sind, müssen sie durch vielfältige Erfahrungen beim Spielen und Handeln ihre feinmotorischen Fähigkeiten und ihre Koordination von Auge und Hand aufbauen.

In den Grundlagen zum Lehrmittel «Unterwegs zur persönlichen Handschrift» wird Skifahren lernen mit Schreibenlernen verglichen. Beide Tätigkeiten eignet man sich durch Bewegungslernen an, sie sind nicht im Menschen angelegt. Beide Tätigkeiten machen erst richtig  Freude, wenn Kopf und Körper frei sind für die gekonnte Gestaltung. Es braucht Anleitung und Übung, und  sowohl beim Skifahren als auch beim Schreiben von Hand ist nicht sicher, ob es die nächste Generation überhaupt noch beherrschen wird.
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«Schönschreiben» – abgeschafft mit der Einführung des Lehrplans 21 

Im Zusammenhang mit der Einführung des Lehrplans 21 wurde schweizweit über den Schrifterwerb in der Schule diskutiert: Soll im schulischen Schreibunterricht weiterhin eine schöne, exakte und normierte Handschrift, soll «Schönschreiben» gelehrt werden? Nein, sagten die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren und stützten ihr Urteil auf Berichte aus der Schulpraxis und aus der Forschung ab. 

Nach einer zehnjährigen Entwicklungs- und  Erprobungszeit im Kanton Luzern wurde ab 2011 die Luzerner Basisschrift verbreitet, und die  Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz hat diese Luzerner Variante 2014 als neue Schulschrift für die Deutschschweiz empfohlen. 
Beim Schreiben mit der Hand arbeiten über 30 Muskeln und  17 Gelenke zusammen.
Dieser Entscheid hat mich persönlich sehr gefreut, bei vielen Lehrpersonen  liess er aber Bedenken aufkommen, dass der Schreibunterricht in Zukunft zu kurz kommen wird. Ich absolvierte eine Kaderausbildung zur Kursleiterin Deutschschweizer Basisschrift und führte in  den vergangenen drei Jahren mehrere Kurse dazu durch. Es ist mir ein grosses Anliegen, das Grundverständnis zu verbreiten, dass trotz dicht gefülltem Stundenplan regelmässig Unterricht zur Förderung  der Grafomotorik stattfindet. Als Lehrerin für Kinder mit  Schulschwierigkeiten gefällt mir, dass der Umweg über die «Schnürlischrift» wegfällt.

Die Kinder können  in den ersten zwei Schuljahren das Grundalphabet der Basisschrift lernen  und vertiefen. In der dritten Klasse der Primaschule werden erste Verbindungen geübt und ab der vierten Klasse darf sich aus dem  Grundalphabet die persönliche Handschrift entwickeln. Das Ziel ist, eine leserliche und flüssige Handschrift zu erwerben, keine Schönschrift. Die Förderung des Handschreibens ist nach wie vor wichtig, denn von Hand schreiben spielt beim Lernen eine zentrale Rolle.

Von Hand schreiben, bildet

Fachleute haben festgestellt, dass beim Schreiben mit der Hand mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke zusammenarbeiten. Beim Handschreiben treten 12 Hirnareale in Aktion, das Gehirn legt eine motorische Gedächtnisspur an. Von Hand schreiben unterstützt Erwachsene und Kinder beim Einprägen von Wortbildern, beim Merken von Faktenwissen und beim inhaltlichen Verständnis. 

Man kann sagen: Von  Hand schreiben bildet die Menschen. Deshalb werde ich in meinem beruflichen Alltag alles daran setzen, dass die Förderung des Handschreibens nicht zu kurz kommt. Die Kinder sollen regelmässig Gelegenheit bekommen, ihre Grafomotorik auf vielseitige Art weiterzuentwickeln. Mit Übung und Anleitung sollen die  Kinder erfahren, dass ihnen die Strichführung immer besser gelingt. In diesem Sinne ermuntere ich auch Sie als Eltern, den Kindern ein Vorbild zu sein und immer wieder mal etwas von Hand zu notieren.

Über die Autorin:

Ruth Fritschi, GL-Mitglied des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH und Schulische Heilpädagogin auf der Kindergarten- und Primarstufe.

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