Unterrichten in Zeiten von Corona
Schule

(Fern-)Unterrichten in Zeiten von Corona

Innerhalb von nur einem Wochenende im März hat sich das Unterrichten radikal verändert. Grundsätzlich findet Lernen in und durch Beziehungen statt. Was bedeutet es, wenn man als Sekundarlehrer gezwungen ist, diese Lernbeziehung über das Telefon oder über Videokonferenzen zu pflegen und aufrechtzuerhalten?
Text: Samuel Zingg 
Bild: Rawpixel.com / zVg
Was sonst im Klassenzimmer mit einem Blick oder einer kurzen Antwort auf eine offene Frage beendet wird, wurde für alle zur Kraftprobe: Schülerinnen und Schüler mussten mit viel Selbstdisziplin die Lehrperson anrufen und warten, bis diese Zeit hatte. Sie konnten nicht einfach auf eine Aufgabe zeigen und fragen: «Sie, wie mache ich das?», sondern mussten genau erklären, was sie wissen wollten. Und ich musste erklären, ohne zeigen zu können – und das jeweils innerhalb von drei Minuten, so lange dauerte in der Regel ein telefonischer Kontakt zwischen Schüler und Lehrperson. Eine Herausforderung für beide Seiten.

Was es für mich als Lehrperson bedeutet, aus der Ferne zu unterrichten, habe ich nachfolgend aufgeschrieben.
«Im Fernunterricht fühlte ich mich oftmals mehr als Buchhalter denn als Lehrperson.»
Um halb sechs Uhr in der Früh starte ich zu Hause den PC auf und logge mich ins Mailprogramm und in Teams ein. Meine Kolleginnen und Kollegen haben gestern Abend spät die Tagespläne für die Schülerinnen und Schüler für heute vorbereitet. Ich kann nun meine Inhalte für den Tag einfügen. Die Unterschiede zum Präsenzunterricht beginnen bereits in der Vorbereitung. Während ich mir normalerweise stichwortartig die Aufträge aufschreibe, mich gedanklich auf die Lektion vorbereite, meine Unterlagen bereitlege und an der Tafel die Ziele und einen kurzen Ablauf notiere, ist dies beim Fernunterricht komplett anders.

Ein Produkt eines Schülers ist um 23 Uhr im Posteingang eingetroffen

Es bedarf der gleichen Gedanken, nur dass der Auftrag aufgenommen oder schriftlich und möglichst vollständig formuliert werden muss. Im Klassenzimmer können die Schülerinnen und Schüler sofort nachfragen, das ist im Fernunterricht ein grosses Hindernis für sie. Am Vorabend habe ich gesehen, dass von drei Schülerinnen und Schülern die geforderten Produkte vom Montag noch fehlten und eine Schülerin krank war. Im Posteingang finde ich ein weiteres Produkt, es ist am Vorabend um 23 Uhr eingetroffen, so viel zu den Onlinezeiten der Jugendlichen.

Also kontrolliere ich das Produkt und schreibe auf Teams eine Rückmeldung, erkläre, was noch verbessert werden muss. Eine Tätigkeit, der ich sonst direkt vor der Abgabe im Klassenzimmer oder gar während des Entstehungsprozesses nachgehen kann und die mich nun zehn Minuten kostet. Eine schriftliche Rückmeldung, die vom Lernenden möglichst genau so verstanden wird, wie ich mir das vorstelle, braucht Zeit – Rückfragen und Missverständnisse würden nämlich noch mehr Zeit brauchen. Ich lade die Lösungen und Hilfsmittel auf Teams hoch und schreibe noch einige Starttipps für die Klassen in die Klassenchats. Um 7.30 Uhr bin ich bereit. 
Drei Minuten dauerte in der Regel ein telefonischer Kontakt zwischen Schüler und Lehrperson. Eine ­Herausforderung für beide.
Ich sage meinen Kindern guten Morgen und weise sie darauf hin, dass das rote Mäppchen an der Türe hängt. Das soll ihnen zeigen, dass ich am Arbeiten bin und sie nicht stören dürfen. Um 8 Uhr gehts los. Fragen über Fragen, Telefonate, Videochats, Konferenzen, kurze WC-Pause und weiter mit Videoüberprüfungen zu Französischaufträgen.

Was haben meine Schülerinnen und Schüler verstanden, was nicht? Wo muss ich noch genauer erklären? Wo braucht es mehr Unterstützung und Tipps? Die Zeit rast; schon ist es 12.15 Uhr. Offiziell hätten die Schülerinnen und Schüler nur bis 11.30 Uhr Unterricht. 
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Um 13 Uhr gehts weiter. Gegen 16 Uhr wird es langsam ruhiger, auch hier wäre die «Unterrichtszeit» der Jugendlichen auf die Stunden zwischen 13.30 Uhr und 15.30 Uhr beschränkt, aber auch sie wollen es gut machen und ihre Aufträge beenden. Schliesslich schreibe ich den Schülerinnen und Schülern eine Rückmeldung zu ihrer Arbeit und bereite den nächsten Tag vor. ­Meinen Arbeitstag beende ich um 21 Uhr.

Mein Job hat sich seit Beginn der Corona-Krise gefühlsmässig stark verändert. Meine Kernaufgabe als Lehrperson ist die Gestaltung einer Lernbeziehung – im Fernunterricht fühlte ich mich oftmals mehr als Buchhalter. Wer hat den Auftrag eingereicht und wie wurde er gemacht? Wie viele unterschiedliche offene Aufträge habe ich in der ­Klasse Z? Viel lieber würde ich folgenden Gedanken nachhängen: Schülerin X hat heute super gearbeitet und einen fröhlichen Eindruck gemacht. Offenbar haben sich die Streitigkeiten unter den Mädchen beruhigt.
Es sind Kompetenzen in den Fokus geraten, ­welche die Kinder sonst kaum in dieser kurzen Zeit ­erworben hätten.
Ein abschliessendes Fazit aus der Fernunterrichtszeit zu ziehen, erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht. Dennoch steht für mich fest: Nicht nur mir, sondern auch den Schülerinnen und Schülern hat der gezielte Austausch gefehlt. Im Fernunterricht vermisse ich die Lernbeziehungen. Als Lehrperson habe ich gemerkt, wie ich mit nonverbalen Signalen das Lernen positiv beeinflussen kann. In dieser Phase sind nun eher andere Kompetenzen in den Fokus geraten, welche die Kinder sonst kaum in dieser kurzen Zeit erworben hätten. Ich denke an digitale Kompetenzen, aber auch an Kompetenzen im Bereich der Selbstorganisation. Dort habe ich sie noch besser kennengelernt.

Es gibt noch Investitionsbedarf in der digitalen Transformation

Leider kommen gewisse Fächer wie beispielsweise die Fremdsprachen im Fernunterricht viel zu kurz. Der Kontakt mit der Sprache, der für das Erlernen derselben so wichtig ist, wird auf sehr kurze und einseitige Sequenzen reduziert.
Die Fernlernphase hat aber auch gezeigt, dass digitale Werkzeuge ein pädagogisches Mittel sein können, um gewisse Inhalte individualisierend zu gestalten. Die Struktur der Schule hilft, die Chancengerechtigkeit möglichst hoch zu halten. Nicht nur die technischen Barrieren, sondern auch das Umfeld (zum Beispiel kleinere Geschwister, enge Platzverhältnisse in der Wohnung) haben einen Einfluss, wie gut jemand dem Fernunterricht folgen kann.

Für die Schule erhoffe ich mir längerfristig einen positiven Effekt dieser Phase. So wurde klar aufgezeigt, wo die digitale Transformation noch Investitionen bedarf, sowohl bei den technischen Voraussetzungen und den Lehrmitteln als auch in der Aus- und Weiterbildung der Lehrerschaft.

Es bleibt noch so einiges zu tun. 

<div><strong>Samuel Zingg</strong> ist Lehrperson an der Sekundarstufe I in Buchholz GL und Mitglied der Geschäftsleitung des LCH. Der Vater einer siebenjährigenTochter und eines fünfjahrigen Sohnes wohnt in Mollis GL.</div>
Samuel Zingg ist Lehrperson an der Sekundarstufe I in Buchholz GL und Mitglied der Geschäftsleitung des LCH. Der Vater einer siebenjährigenTochter und eines fünfjahrigen Sohnes wohnt in Mollis GL.

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