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Schule

Wenn die Schul-Software Schwänzer verrät...

Text: Anna Jungen
Unsere Autorin, eine angehende Sek-II-Lehrerin, schreibt eine Polemik darüber, wie Kinder mit einer neuen Administrations-Software im Kanton Baselland in der Schule an ein Leben in totaler Überwachung gewöhnt werden. Eine gute Nachricht für alle Helikoptereltern?
SAL, die Schuladministrationslösung:  Was Lehrpersonen eine Lösung verspricht, kann auch zur Überwachung der Schülerinnen und Schüler dienen und verleitet zu professionellem Rätschen. Das Administrationstool, welches seit rund einem Jahr an den Baselbieter Sekundarschulen obligatorisch ist, verlangt von den Lehrerinnen und Lehrern, dass sie alle Noten und Absenzen der Schülerinnen eintragen. Und: Die Eltern haben Zugriff auf diese Daten.

Klar, so eine SAL kann man praktisch finden, und mit solchen Argumenten wurde es auch eingeführt: «Schaut her, nun könnt ihr online den Computerraum reservieren! Toll!» 

Aber Überwachung kommt immer freundlich daher und die Freundlichkeit kann sich als Trojanisches Pferd erweisen. SAL enthält nämlich auch eine besonders fragwürdige Spalte: Beobachtungen. Darin können Lehrkräfte vermerken, wie sich Jan heute so angestellt hat in der Schule. Wenn die Lehrperson das freigibt, können die Eltern von Jan auch diese Spalte lesen. «Du hast mit deinem Banknachbar geredet?! Pfui! Du hast statt effizient zu arbeiten ein bisschen zu lange aus dem Fenster geschaut? Wehe Dir, das schreib ich auf!»

Lehrpersonen, die schon immer lieber über ihre Schülerinnen und Schüler gelästert haben, als deren guten Ruf zu verteidigen, haben nun das passende Tool und die Legitimation von ganz oben dafür. Noch ist das Ausfüllen der Beobachtungsspalte  freiwillig und nur die besonders rätschigen und zum Denunziantentum neigenden Lehrpersonen schreiben bisher da was rein. Lehrpersonen, die in vorauseilendem Gehorsam jede Spalte ausfüllen, würden das wahrscheinlich auch dann tun, wenn nach der vermuteten sexuellen Orientierung gefragt würde. Diese dürfte die Eltern schliesslich auch brennend interessieren.
 
Die mühsamen Seiten der Schüler werden nun also nicht mehr im Lehrerzimmer besprochen, und gehen dann  wieder vergessen. Nein, jetzt kann es einen offiziellen Eintrag geben, den Mama und Papa auch sofort per Mausklick anschauen können. Liebloser geht immer. 

Der SAL-Ausdruck in den Bewerbungsunterlagen

Was, wenn die Beobachtungs-Spalte nächsten Sommer schon nicht mehr freiwillig ist? Das läuft doch meistes so. Gilt es etwas Heikles neu einzuführen, dann ist es erst mal freiwillig, nur für die, die wollen. Irgendwann hat man sich an den Gedanken gewöhnt, dass es da so eine Beobachtungsspalte gibt, und dann stört es auch nicht mehr, wenn  das Ausfüllen obligatorisch wird.

Die reine Existenz dieser Spalte ist doch schon ein Hinweis darauf, dass sie zukünftig bitte auch genutzt werden soll. Warum wäre sie sonst da? Verwaltungen machen nicht einfach so Spalten aus Freude an Spalten. Was die sich ausdenken, soll früher oder später auch Ergebnisse liefern.

Zum Beispiel solche, die man dann auch bei Bewerbungen für eine Lehrstelle beilegen muss.
Dann sind das häufige Schwatzen mit dem Banknachbar, das aus dem Fenster gucken und das hin und wieder Schwänzen nicht mehr tempi passati. Nix mit Strich drunter und neu anfangen. Nein, die kleinen Vergehen sind dann festgehalten im unerbittlichen SAL-Gedächtnis, in welches nun auch der Lehrmeister Einblick hat. Ja, das ist Zukunftsmusik. Aber schon heute sind die Baselbieter Schülerinnen und Schüler bereits ein Stück gläserner geworden. 

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