Tagesschulen in der Schweiz
Schule
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Dem Bedürfnis nach Ruhe Raum geben

Im Essbereich trennen Vorhänge den Raum. Innerhalb dieser Bereiche können die Kinder ihren Platz selbst wählen. Stufenweise und gestaffelt essen sie gerade zu Mittag. Reis. Fotos aller Kinder werden bei der Meldestation auf einer meterlangen Tafel an den Ort verschoben, an dem sie sich aufhalten werden. Ben und Diego haben das bereits erledigt und spielen hochkonzentriert ein Kartenspiel, neben Bergen von Schuhen, die sich vor der Barfusszone bei der Lego-Ecke stapeln. Bei Tischtennis und Tischfussball um die Ecke werden die Regeln selbst gemacht. 

Rund 30 Kinder wuseln hier um die Tische hinter den Stellwänden. «Die Kinder und Jugendlichen brauchen Rückzugsmöglichkeiten, und Gemeinschaftsräume, die Lärm schlucken», so Saladin. Mylène Nicklaus vergleicht die Situation bei der Umstellung von einer Regel- in eine Tagesschule mit der Energie an Kindergeburtstagspartys: «Gerade am Anfang kann es für Kinder vor lauter Spielmöglichkeiten und Freunden schwierig sein, das eigene Bedürfnis nach Ruhe wahrzunehmen.» Das kann zu Überforderung und Reibungsflächen führen. Ruheräume seien deshalb ein sehr zentraler Punkt bei der Umstellung eines Gebäudes auf das Konzept Tagesschule. Hinter einer gläsernen Tür im Erdgeschoss, zugehängt mit vielfarbigen Vorhängen, findet sich ein solcher Ruheraum. Kinder aus der Unterstufe ruhen sich hier aus, auf Teppichen und Sofas, mit Decken und Kissen. 

 Für die Mittel- und Oberstufe sind Räume im Keller ausgestattet worden, wo sie sich mit hier um die Tische hinter den Stellwänden Games und Instrumenten, auf Sitzsäcken und hinter Schminktischen zurückziehen können. Fragt man bei Schülerinnen und Schülern nach, ist die Lautstärke kaum Thema. Besa und Dani gehen in die erste Sek und sind keine Fans von Handyzonen. Das ist das Einzige, was sie bemängeln. 
Kinder mit Migrationshintergrund: Tagesschule ist auch eine Form der Intergration. 
Abgesehen vom Menüplan, auf dem zu oft Reis stehe. Dass sie mehr Zeit mit Freunden verbringen können, beim Pingpong oder im Kreativraum, finden sie ziemlich cool, und es sich anders vorzustellen, fällt ihnen schwer. Ab 15 Uhr nutzen hier nun viele das Angebot «IL», individuelles Lernen. Omkar und Arda aus der zweiten Sek kommen täglich. 

Nicht nur, um für Tests zu lernen, sondern auch um an Bewerbungsunterlagen zu arbeiten. Besonders wenn Deutsch nicht die Muttersprache der Eltern ist, sei das Lernen hier ein grosser Vorteil. Um bei fast 600 Kindern und 110 Angestellten nicht den Überblick zu verlieren, werden Betreuerinnen und Betreuer bestimmten Stufen zugewiesen. «Die Kinder wählen selbst aus, zu wem sie den stärksten Bezug haben. Das geschieht ganz automatisch», so Saladin. 

Sollte in schwierigen Situationen keine nahe Bezugsperson anwesend sein, dann seien alle dazu angehalten, einen Konflikt lediglich zu stoppen und die Person zu holen, welche die Kinder gut kennt. «Feststellen statt überreagieren.» Ein regelmässiger und intensiver Austausch zwischen Lehrpersonen und Betreuung ist auch deshalb zentral für das Funktionieren einer Tagesschule. Und das Wohlbefinden aller. 


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