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Schule

Schule in Hombrechtikon gegen häusliche Gewalt

Gewalt zu Hause ist weit verbreitet und darüber zu sprechen ein grosses Tabu. Zu Besuch an der Oberstufe in Hombrechtikon, wo Schülerinnen und Schüler nicht länger wegschauen wollen. 
Text: Florian Blumer
Bilder: Roshan Adhihetty / 13 Photo
Elsa und ihre Kollegen verdrehen die Augen. Die vier Peacemaker der Oberstufe Hombrechtikon ZH sitzen mit dem Leitungsteam zusammen. Dieses hat eben eine kühne Idee präsentiert: Häusliche Gewalt soll an ihrer Schule kein Tabu mehr sein. Schülerinnen und Schüler, die von ihren Eltern geschlagen oder psychisch misshandelt werden, sollen sich Schulkollegen oder Lehrpersonen gegenüber öffnen und über ihr Leiden sprechen. Die Peacemaker der Schule sollen das Eis brechen und ihre Kolleginnen und Kollegen für das Thema sensibilisieren und vielleicht sogar konkret unterstützen, falls nötig. Elsa, 16, spricht aus, was alle denken: «Wer wird sich schon bei diesem Thema outen?»
 
Die Peacemaker, das sind je zwei Schülerinnen und Schüler aus jeder Klasse, die Ansprechpersonen sind für Probleme aller Art: Streit, Drohungen, Mobbing oder auch Liebesdramen. Die «Friedensstifter» werden auf diese Themen sensibilisiert und sind dazu angehalten bei ihren Kolleginnen und Kollegen hinzusehen und bei Bedarf Hilfe bei den Betreuern zu suchen. 
Seit bald 17 Jahren gibt es dieses Programm am Schulhaus Gmeindmatt in Hombrechtikon nun schon – «eine Erfolgsgeschichte», wie Lothar Janssen stolz erzählt. Der Theologe, Psychotherapeut und ehemalige Lehrer ist Beratungs- und Präventionsbeauftragter an der Schule und leitet die Peacemaker zusammen mit Ulrike Spitznagel, Klassenlehrerin, und Therese Odermatt, Sportlehrerin. «Von Mobbing bis Suizidgedanken: Die Jugendlichen kommen mit allen Problemen zu uns», sagt Janssen. Mit einer Ausnahme: «Noch nie hat sich jemand mit einem Fall von häuslicher Gewalt gemeldet.» 

Jedes fünfte Kind leidet unter häuslicher Gewalt

Zu Hause erlittene Gewalt ist ein weit verbreitetes Problem, auch in der Schweiz. Eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) lässt aufhorchen: Jedes fünfte Kind in der Schweiz leidet zu Hause unter schwerer körperlicher Gewalt, das sind Schläge mit der Faust, mit Gegenständen, Prügel. Ganze acht von zehn Jugendlichen kennen Züchtigungen als Erziehungsmethoden: Ohrfeigen, Stossen oder hartes Anpacken.
Das Thema ist ernst, das heisst aber nicht, dass nicht auch einmal gelacht werden darf: Lothar Janssen bespricht sich mit den Peacemakern Elsa, Jessica und Angelo in seinem Büro.
Das Thema ist ernst, das heisst aber nicht, dass nicht auch einmal gelacht werden darf: Lothar Janssen bespricht sich mit den Peacemakern Elsa, Jessica und Angelo in seinem Büro.
Die Zahlen sind gross, das Schweigen auch. Häusliche Gewalt gilt als eines der grössten Tabus in unserer Gesellschaft. Auch Schulen spüren den Deckmantel des kindlichen Schweigens, der über Vorfällen von häuslicher Gewalt liegt: «Betroffene Kinder wollen ihre Eltern decken, sie  schämen sich», bestätigt Matthias Borer, Schulleiter in Hombrechtikon. «Es ist die grösste Angst der Kinder, ihren Eltern weggenommen zu werden.» Und das sei für die meisten, trotz aller Gewalt, das schlimmste Szenario. Er zieht den drastischen Schluss: «In manchen Fällen lieben Kinder ihre Eltern mehr als umgekehrt.» 
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Gewalt kommt in den besten Familien vor

Die ZHAW-Studie kommt zum Schluss, dass körperliche Gewalt besonders häufig in Familien vorkommt, die finanziell und sozial schlechter gestellt sind. Hombrechtikon, eine 8600-Seelen-Gemeinde, oberhalb der Zürcher Goldküste auf dem Rücken des Pfannenstiels gelegen, ist kein sozialer Brennpunkt. Trotzdem ist häusliche Gewalt auch hier ein Thema – wie sich den Peacemakern bald zeigen wird.

«In manchen Fällen lieben Kinder ihre Eltern mehr als umgekehrt.» 
Schulleiter Matthias Borer
Elsa und ihre Kollegen lassen sich überzeugen, das Experiment zu wagen. Sie bereiten eine Präsentation für die Schule vor: Sie führen Interviews, drehen Videos, üben Theaterszenen ein und kreieren ein Armbändchen mit der Aufschrift: «Probleme zu Hause? Such eine Lösung – Mach eine Pause!» 

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