Samuel: «Manchmal sass ich ­einfach da und wartete»
Schule

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«Manchmal sass ich einfach da und wartete»

Ab der Mittelstufe wurde für ­Samuel, 14, aus Schüpfen BE in der Mathematik die Zeit knapp. Alles ging zu schnell. So schnell, dass er nicht mehr in die Schule gehen wollte. Eine Lernzielreduktion, ­heilpädagogische Unterstützung und seine Mutter Sabine halfen ihm.
Text: Sarah King 
Bilder: Marion Bernet
Samuel: «In der 4. Klasse weinte ich viel. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Ich kam in der Mathematik nicht mehr mit. Es war wie ein ICE, der vorbeirast. Alle fünf Minuten fragte ich den Lehrer, wie ich es richtig machen muss. Der Lehrer fand das gut. Aber ich fühlte mich dumm. Manchmal sass ich einfach da und wartete. Zu Hause sagte ich: ‹Mami, du musst mir helfen, ich komme nicht weiter.›»

Sabine: «Ich merkte früh, dass er mehr Zeit braucht. Er litt darunter, wollte nicht mehr in die Schule gehen. Jeden Tag musste ich ihm Mut machen. Dabei hatte ich selbst Angst um ihn, um seine Zukunft. Manchmal flossen bei uns beiden die Tränen. Ich meinte, ich müsse mehr mit ihm lernen. Aber das schürte nur Unruhe. Rechneten wir beiläufig, dann ging es: Wie viele Tulpen haben wir im Garten? Wie viele Wagen hat der Zug?»

Samuel: «Die zähle ich immer noch. Der Zug, der aussieht, als käme er aus dem Weltraum, der hat vier Wagen. Ausser in der Mathematik kann ich mir Dinge gut merken.» 
«Alle fünf Minuten fragte ich den Lehrer, wie ich es machen muss. Er fand das gut. Aber ich fühlte mich dumm.»
Sabine: «Ja, in alltäglichen Dingen ist er schnell. Das sahen nicht alle. Manchmal bekam er Sprüche zu hören wie ‹Er ist halt nicht der Hellste›. Das verunsicherte noch mehr. Mit der Unterstützung der Heilpädagogin Cécile Oehen gewann er langsam Selbstvertrauen.»

Samuel: «Zu Frau Oehen kam ich, weil alles zu schnell ging. Im Franz tat ich, was ich konnte. Im Deutsch hatte ich ein paar Steine im Weg. In der Mathi waren es ganze Berge. Ich erhielt eine Lernzielreduktion und einen eigenen Plan: Zum Beispiel am Montag die Seite 5 im Mathematik­heft und die Hohlmasse von Gefässen bestimmen. Nur das. Frau Oehen sagte: ‹Nein, du bist nicht dumm, sondern intelligent. Du musst fragen, zuhören, arbeiten und wieder fragen.› Sie erklärte mir die Aufgaben sehr genau. Alles wurde leichter, die Mathematik lebendiger. Wir füllten Messbecher mit Wasser oder stapelten Klötze. Gegen Ende der 6. Klasse merkte ich, dass ich mehr Selbst­vertrauen hatte. Nun gehe ich nicht mehr zu Frau Oehen. In der Real geht es gut. Wir sind alle nicht so superintelligent. Ich weiss: Das stimmt nicht. Wir brauchen alle ein bisschen mehr Zeit.»

Sabine: «Samuel hat mehr Selbstbewusstsein. Das merkt man daran, wie er auftritt. Die Zusammenarbeit und der Austausch mit der Schule haben ihn sehr unterstützt. Ich selbst unterstütze ihn, indem ich einfach Interesse zeige an ihm. An den Dingen, die er tut.»

Samuel: «Indem du einfach da bist.»

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warum sich so viele Kinder mit der Mathematik schwertun – und wie Eltern und Lehrkräfte sie unterstützen können.

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