Petra Gächter: Warum ich nicht gern zur Schule ging – und dennoch Lehrerin wurde
Schule

Warum ich nicht gern zur Schule ging – und dennoch Lehrerin wurde

Viele Lehrpersonen wollen, dass Kinder ihre Seele zu Hause lassen und nur ihren Kopf in die Schule ­bringen, wie der dänische Familientherapeut Jesper Juul einmal treffend feststellte. Doch damit Kinder lernen, braucht es Lehrende, die Beziehungen auf Empathie und gegenseitigem Respekt aufbauen.
Text: Petra Gächter
Bild:
Tima Miroshnichenko von Pexels
Als aufgeweckte Linkshänderin in den 80er-Jahren war es für mich nicht ganz einfach zu bestehen, da Schönschreiben etwas vom Essenziellsten in der Schule war, wie es mir schien. Ganz allgemein hatte ich den Eindruck, dass ich für die Schule nicht wirklich taugte und die meiste Zeit fehl am Platz war.

Warum ich dennoch den Lehrberuf wählte? Ich entdeckte während meiner Lehre zur Bahnbetriebs­sekretärin, dass Lernen wenigstens hin und wieder Freude machen kann. Zum einen gab es da Herrn Perpignano, der mir mit leuchtenden Augen meinen Deutschaufsatz zurückgab und mich dabei lobte. Endlich jemand, der mir etwas zutraute! Zum anderen ergab Lernen für mich das erste Mal Sinn. Ich selbst hatte mich für diesen Weg entschieden und vieles, was ich ­lernte, half mir, meinen beruflichen Weg zu bewältigen und nach der Lehre das Studium zur Lehrerin in Angriff zu nehmen.
«Beziehungskompetenz ist eine pädagogische Kunst, die eine Lehrperson beherrschen muss.»  Petra Gächter war 24 Jahre lang Primarlehrerin und arbeitet momentan als Schulleiterin, Unternehmens­beraterin und Coach. Sie ist Mutter von vier ­schulpflichtigen Teenagern und wohnt in St. Gallen.
«Beziehungskompetenz ist eine pädagogische Kunst, die eine Lehrperson beherrschen muss.»

Petra Gächter war 24 Jahre lang Primarlehrerin und arbeitet momentan als Schulleiterin, Unternehmens­beraterin und Coach. Sie ist Mutter von vier ­schulpflichtigen Teenagern und wohnt in St. Gallen.
Ich bereute diesen Schritt nie. Schule und Bildung wurde zu meinem Lebensinhalt. Die Menschen in der und um die Schule herum faszinieren mich heute noch immer. Ich lernte in all den Jahren enorm viel von den Schülerinnen und Schülern, den Hauptakteuren in der Schule – aber auch von Eltern, Behörden und Kolleginnen und Kollegen. Werden sie abgeholt und begleitet, dann wird Lernen fast zum Selbstläufer.
 
In all den Jahren im Bildungsdienst fragte ich meine Kolleginnen und Kollegen, Behördenmitglieder und auch Eltern immer, ob sie gerne zur Schule gegangen seien. Die Feedbacks waren sehr aufschlussreich: Lehrpersonen sind in sehr grosser Mehrheit motivierte, gut beurteilte und frohe Schülerinnen und Schüler gewesen. Aus den Schilderungen der Eltern erfuhr ich dafür immer wieder interessante Zusammenhänge, die mir in der Elternarbeit und auch im Umgang mit dem Kind halfen. Verschiedene Traumata, Ängste und negative Erfahrungen werden oft auf die eigenen Kinder übertragen und belasten die Zusammenarbeit mit den Beteiligten der Schule.  
Herr Perpignano gab mir mit leuchtenden Augen meinen Deutschaufsatz zurück und lobte mich. Endlich jemand, der mir etwas zutraute!
Dank Jesper Juul stiess ich auf die «professionell-persönliche Entwicklung». Man weiss heute, dass selbst kleinste Anpassungen des Lehrpersonenverhaltens sehr wirkungsvoll sein können. Dies ermöglicht, dass Kinder auf allen Ebenen lernen: persönlich, schulisch und emotional. Oder wie Juul es ausdrückt: «Es geht nicht darum, das Verhalten des ­Kindes zu ändern, sondern wir Erwachsene müssen unser Verhalten ändern.» Unsere eigene persönliche Entwicklung anzugehen und zu forcieren, hat mit einer ernsthaften Professionalität zu tun.

Ein weiterer spannender Aspekt in der Beziehungsarbeit der Schule scheint mir die «persönliche Autorität»: Wenn es uns gelingt, unsere eigene Person in die Beziehung einzubringen, dann wird die traditionelle Autorität (ich Lehrerin – du Kind!) durch persönliche Autorität ersetzt. Das heisst, dass durch Authentizität Beziehungen auf gegenseitigem Respekt und Empathie aufgebaut werden. 

Anzeige
0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.