Schule

«Liebe Lehrer, senkt eure Erwartungen!»

Der Schulunterricht zu Hause verlangt Eltern und Kindern derzeit vieles ab. Viel zu viel, sagt unsere Online-Leserin Monica B. und schreibt einen offenen Brief an alle Lehrerinnen und Lehrer. 
Text: Monica B.
Bild: Andrea Piacquadio/Pexels

Liebe Lehrpersonen,

versuchen wir doch alle einen Gang zurückzuschalten und durchzuatmen. Der Versuch, alles richtig machen zu wollen, geht in die falsche Richtung. 

Es ist nun die vierte Corona-Virus-Woche,

in der wir alle gefordert werden,
in der wir alle an unsere Grenzen kommen,
in der wir jeden Tag versuchen unser Bestes zu geben,
in der wir Vollgas geben, damit es allen gerecht wird … 

… und vor allem, in der wir mit unseren Ängsten und Zweifeln konfrontiert werden.

Meine Töchter vermissen den Schulalltag, ihre Kolleginnen, den Klassenraum. Ich vermisse meine ruhigen Rückzugsmomente. Denn: Wir Mütter haben meistens nicht nur ein Kind, sondern zwei oder mehr und immer noch den Haushalt und Job, den wir schmeissen müssen. Das macht uns in dieser Situation noch müder und noch ein Stück genervter. Mein Mann ich vermissen unsere Lieben, die wir nicht mehr besuchen geschweige denn umarmen oder küssen dürfen. 
Versetzen Sie sich in die Lage meiner Familie. Bitte seien Sie in dieser Zeit weniger streng, weniger «Lehrer» – und vor allem seien sie kulant. 
Es ist eine neue Situation. Für alle. So auch für Sie, liebe Lehrpersonen. Auch Sie haben Familie und Freunde und zig Aufgaben und Pflichten, die gleichzeitig erledigt werden müssen. Sie können sich also vorstellen, was wir Eltern gerade erleben. 

Ich habe daher eine Bitte an Sie: 

Legen Sie den ganzen Schulstoff und alles was dazugehört für einen Moment zur Seite und treten Sie aus der Leistungsspirale heraus. Versetzen Sie sich in meine Lage und in die meiner Familie. Bitte seien Sie in dieser Zeit weniger streng, weniger «Lehrer» und vor allem kulant. Machen Sie ihre Prüfungen, die nötig sind, wenn wir alles gut überstanden haben. Jetzt ist nicht der Moment, Homeschooling oder Digitale Schule in «Normalität» verwandeln zu wollen. Es ist unmöglich. Das ist nicht als Kritik gemeint, wir allen wissen, dass auch Sie unter Druck stehen und Ihr Möglichstes geben wollen. 

Ich weiss von Schulkindern, die fast nicht mehr schlafen können vor Sorge um sich selbst, ihre Grosseltern, Freunde, Geschwister und Eltern. Meine Kinder sind gestresst, weil sie das Gefühl haben, dass sie nicht alles schaffen können. Sie verzichten auf Pausen oder das Frühstück, um all dem gerecht zu werden. Und ja: Es macht mich traurig, dass sie noch mehr Druck haben als in ihrem normalen Schulalltag. Natürlich müssen Kinder lernen, mit Frust und Druck umzugehen und auch schwierige Phasen auszuhalten. Aber bitte: nicht jetzt.
 
Nach zahlreichen Gesprächen mit vielen anderen Kindern und Lehrpersonen komme ich zum Schluss, dass es allen im Grunde genommen gleich geht. Es ist darum die Gelegenheit, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das heisst: Druck rausnehmen! Nutzen wir diese Chance, die uns diese Krise bietet. 
 
Danke! 

Bleiben Sie gesund und alles Liebe.

Herzlichst,


Monica B. 

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4 Kommentare

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Von anonym :-) am 01.07.2020 21:35

Vielen Dank für diesen Artikel! Sie sprechen mir als Schülerin aus der Seele. Als die Pandemie anfing, war ich in der 12. Klasse, jetzt komme ich in die 13. Die Anforderung an Abiturienten sind ja sowieso schon sehr hoch, deswegen war es für mich und meine Klassen / Kurs - Kamerad*innen noch schlimmer, als unsere Lehrer meinten, ihren bereits vorhandenen Druck zu erhöhen. Wenn wir es nicht pünktlich zu den Skype-Konferenzen schafften, hieß es gleich, wir seien faul und würden uns in unseren "Corona-Ferien" (Zitat meiner LK-Lehrerin) zurücklehnen. Viele Lehrer waren nicht dazu bereit, auf uns zuzukommen, oder mit uns zu kooperieren und zu verstehen, warum wir denn "abschalteten", oder nicht 24 Stunden von 7 Tagen der Wochen produktiv und leistungsfähig sein konnten. Es ist eben eine schwierige Phase, in der Ängste - nicht nur wegen einem selbst, sondern wegen einfach Allem - in unseren Köpfen präsent waren, private und zwischenmenschliche Probleme, die geklärt werden mussten, und wie wir Schüler zu sagen pflegten: "Ich habe auch noch ein Leben, um das ich mich kümmern muss!". Und dieses Leben handelt eben nicht von schulischer Leistung, Hausaufgaben und Abgabefristen - sondern von unserer mentalen und geistigen Gesundheit.

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Von Beatrice am 19.04.2020 12:05

Als betroffene Mutter, bin ich sehr enttäuscht von der Schule und den kantonalen Erziehungsdirektionen. Es ist mir klar, dass Fernunterricht für Schüler im Alter bis 9. Schuljahr sehr anspruchsvoll ist. Leider zeichnet sich ab, dass es aber nur sehr wenige Lehrer und Schulleiter gibt, die sich wirklich mit den Anforderungen an Fernunterricht auseinandergesetzt haben.

Als Mutter und Studentin an der Fernuni, kann ich einschätzen, was möglich wäre und was nicht. Dazu müssten die Lehrer bereit sein umzudenken und den Fernunterricht gezielt auf den Anforderungen nach Lehrplan 21 aufzubauen. Mit der gezielten Reduktion auf die wesentlichen Lernziele, könnte der Fernunterricht so gestaltet werden, dass er für die meisten Schüler, Eltern und Lehrer ein Gewinn wäre und uns allen viel Frust erspart bleiben würde. Dazu müssten die Schulen out-of-the-box denken und sich auf dieses Abenteuer einlassen, statt hilflos die Hände verrühren und sagen: es geht nicht, öffnet die Schulen.

Mit den aktuell zur Verfügung stehenden, elektronischen Mitteln, die wir hier im Mittelland zur Verfügung haben, wäre genügend Interaktion zwischen Schülern untereinander und mit ihren Lehrern möglich.

Was wir an der Primarschule meiner Tochter erleben, ist Mittelalter. Sie bekommt Hausaufgaben per Mail, ohne die Lösungen abgeben zu müssen und Feedback zu erhalten. Fernunterricht sieht anders aus. Den Artikeln in den Medien und aus Gesprächen mit anderen Müttern entnehme ich, dass dies leider an vielen Schulen so ist.

Vielleicht müssten die Schulen lernen, sich mit Neuem auseinander zu setzen und sich mit Eltern auszutauschen, die zur Verbesserung der Situation beitragen könnten? Es gibt genügend Eltern, die über entsprechendes Know verfügen. Einige Eltern sind Lehrer und/oder Studenten an der Fernuni, viele Eltern arbeiten am Arbeitsplatz schon länger mit online tools, virtuellen Konferenzen, etc. Aber Lehrer wissen offenbar alles besser und sind auf den Austausch mit den Eltern nicht angewiesen. Sie lehnen sogar entsprechende Hilfsangebote ab oder ignorieren sie.

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Von Valentina am 15.04.2020 13:38

Ja.... Sie wissen nicht, was wir alles für Vorlagen haben, die wir durchdrücken müssen und 'Grundkompetenzen' bestimmen, die erreicht werden müssen!
Doch... Homeschooling ist machbar, anderswo geht es auch...
Und... Eltern sollten auch einen Gang zurückschalten und nicht so viele Anforderungen an die LPs haben.

Ich finde der offene Brief sollte nicht an Lehrpersonen, die erledigen nur ihre Pflicht.

Vielleicht sollte eher ein offener Brief an die Gesellschaft, damit allgemein die hohen Anforderung an Kindern etwas gesenkt werden. Diese sind nämlich die Ärmsten.

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Von Jasmin am 10.04.2020 23:55

Liebe Monica

Vielen Dank für den Artikel. Ich bin Klassenlehrerin in einem Kindergarten. Muss dort im Moment alles organisieren, zusammenhalten und im Überblick behalten. Habe 23 Familien mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Ansprüchen.

Selber habe ich drei Primarschulpflichtige Kinder zu Hause (5, 9 und 10 Jahre). Mein Mann hat ein eigenes Geschäft. Wir arbeiten nun beide im Homeoffice, soweit dies möglich ist.

Dazu betreue ich an der Schule an der ich arbeite noch Schüler, welche die Eltern zur Notfallbetreuung angemeldet haben. Dies nun auch in den Ferien...

Ich finde diese Situation als Lehrperson mit eigenen schulpflichtigen Kinder sehr unbefriedigend. Ich würde meinen Kindergarten-Kinder noch so gerne in den Wochenplan schreiben, sie sollen spielen, spielen und entdecken, denn ganzen Tag lang...

Leider wird mir vom Kanton vorgegeben, dass ich ein Wochenprogramm mit geführten Sequenzen, obligatorischen Aufgaben, freiwilligen Aufträgen und Zusatzaufgaben erstellen muss, welcher die Eltern zu Hause mit den Kindern erarbeiten müssen... ich hätte es gerne anders...

Darum finde ich, man sollte diesen offenen Brief nicht an die Lehrpersonen schreiben, sondern an die, die uns die Vorgaben und Regeln auferlegen. Wir sind nur die, die es leider umsetzen müssen. Und ich denke, wir versuchen möglichst im Sinne der verschiedenen Familien, eine gute Lösung für sie auszuarbeiten. Wir hätten es gerne anders...

Vielen Dank und freundliche Grüsse

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