Null Bock auf Mathe
Schule
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Unterstützung hat ihren Preis

Tatsächlich zeigen Studien Zusammenhänge zwischen der Leistung in Mathematik und dem sozioökonomischen Status auf, zum Beispiel dass bei gleichen fachlichen Leistungen der Besuch eines höheren Schultyps schichtabhängig ist. Weiter zeigt eine Studie der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, dass in den Jahren 2011 und 2012 mehr als 34 Prozent der Schweizer Jugendlichen bezahlten Nachhilfeunterricht besuchten, am häufigsten im Fach Mathematik. Oft stammten die Kinder aus sozial privilegierten Elternhäusern.
 
Weniger privilegierte Kinder erhalten zum Teil vom Sozialdienst einen Zustupf, sofern die Familie beim Sozialdienst eingebunden ist. Diese Erfahrung macht die Sekundarschullehrerin und Lerntherapeutin Lisa Kühni in ihrer Praxis in Lyss. Doch auch bei ihr sind es in der Regel die Eltern, die bezahlen, und das oft über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg. Aber die Erleichterung, die eine Therapie mit sich bringt, ist den Eltern das Geld wert. «Manche melden ihre Kinder bei mir an, weil sie das Lernen auslagern und den Druck in der Familie reduzieren möchten. Bei mir gibt es keinen Streit», sagt Lisa Kühni.
Michelle, 12, aus Bern, nervt das Kopfrechnen – sie erfindet lieber ein Mathe-Spiel. Lesen Sie hier ihre Erzählung: «Ein bisschen lustig ist Mathe schon, aber nicht ganz»
Michelle, 12, aus Bern, nervt das Kopfrechnen – sie erfindet lieber ein Mathe-Spiel. Lesen Sie hier ihre Erzählung: «Ein bisschen lustig ist Mathe schon, aber nicht ganz»
Fachleute raten Eltern davon ab, mit ihren Kindern Mathe zu lernen. Das führt in den meisten Fällen zu Streit, Verwirrung, und Anspannung, insbesondere, wenn das Kind Verständnislücken hat. Lernen unter Anspannung ist schwierig. Darum beginnt Lisa Kühni ihre Lerntherapiestunden mit dem Klären der Befindlichkeit, bevor sie mit den Kindern arbeitet. Sie prüft mittels Tests die mathematischen Fähigkeiten, so eruiert sie die Lücken ihrer Klienten. Bei diesen setzt sie an und schafft Verbindung zum aktuellen Stoff. Dabei ist ihr wichtig, dass das Kind seinen eigenen Lösungsweg findet und dabeibleibt.

Lerntherapie gegen die Anspannung

Das Verständnis für Zahlen und Mengen fördert sie durch spezifische Aufgaben, Spiele und mit der Stärkung des Vorstellungsvermögens: Messen, wiegen und Distanzen einschätzen sind einige praktische Mittel in Lisa Kühnis Lerntherapie. Ob Schritte zählend unterwegs oder am Tisch sitzend – Lisa Kühni macht sich in der Therapie auf den Weg mit einem Menschen und seinen Schwierigkeiten. Sie teilt seine Freuden und Leiden. «Unsere Seilschaft ist ein Teil vom Erfolg, der Schulterschluss mit meinen Klienten die Basis der Lerntherapie.»
Fachleute raten Eltern ­davon ab, mit ihren Kindern Mathe zu lernen. Das führt meist zu Streit.
Iman und ihre Mutter brachte die Seilschaft mit Lis Reusser Erleichterung. Iman konnte ihre Angst stark abbauen. Sie arbeitet teilweise wieder nach dem regulären Lehrplan. Einen wesentlichen Teil dieses Erfolgs hat sie aber sich selbst zu verdanken. Mit ihrer Ausdauer und Offenheit für Unterstützung fand Iman einen eigenen Zugang zur Mathematik. Sie lernt verstehen. Auf eine sachte und geduldige Art, wie ihre winzigen selbst gekneteten Tausendstel verraten. Ihr Selbstvertrauen im Fach Mathematik ist gewachsen. «Im Moment bin ich gut drin. Manchmal kann ich sogar einer Schulkameradin helfen.»
 
Nun hat sie Feierabend. Die Förderstunde ist um. Auf das Einmaleins-Spiel verzichtet sie. Damit die Autorin dieses Texts dennoch sieht, worum es geht, spielt sie anstelle von Iman mit. Lis Reusser stellt die Aufgaben.

«3 ?» – «18.», «7 ?» – «28.», 
«9 ?» – – – – – «57.» 
«72», korrigiert Iman leise, während sie ihre Schulsachen zusammenpackt. 

Nein, Angst muss sie nicht haben vor Mathe. Da hat Lian recht: Die Mathematik frisst dich nicht.
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