Kind und Therapie: Durch Psychomotorik die Beziehung zwischen Eltern und Kind stärken
Schule
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Förderung und Überforderung

Sie nennt ein Beispiel. Marco ist ein aufgewecktes Kind, das mit seinem Vater in die Therapiestunde kommt. Marco hatte einst beim Familienausflug Angst, mit dem Velo eine steile Strasse hinunterzufahren und ist abgestiegen, trotz elterlicher Ermutigungen. In der Therapiestunde versucht Marco, eine Kugel durch eine Bahn mit Schlaufen von einem Ende zum anderen sausen zu lassen, während er gleichzeitig auf einem Schaukelbrett steht. Eine knifflige Sache, die er in rund zehn Minuten löst. Damit beweist er, dass er Geduld hat, den Dingen auf den Grund gehen möchte und hartnäckig ist.

Danach konstruiert Marco mit mehreren Matten eine höhere ­Ebene, von der er auf das Trampolin hinunterspringt. Der Vater erzählt Theresia Buchmann währenddessen vom Fahrradausflug. Als die Therapeutin den Jungen fragt, wie viel von dem Mut, den er gerade beim Trampolinspringen gezeigt hat, er damals beim steilen Stück gebraucht hätte, wird Marco wütend. Er sagt, dass er nie mehr zu ihr in eine Therapiestunde gehen werde, zieht die ­Schuhe an und marschiert davon. Was ist passiert? «Die Förderung wurde zur Überforderung», erklärt Buchmann. «Vielleicht hat ihn aber auch die Erinnerung an das Erlebnis verletzt.» Der Vater gibt im Gespräch an, er versuche künftig Marcos vorsichtiges Bewegungsverhalten besser anzunehmen, ihm sein eigenes Tempo zu lassen.

Das Beispiel zeigt, worum es in der Psychomotorik auch geht: das Kind beim Ausprobieren und beim Scheitern zu begleiten. Und ihm und seinen Eltern aufzuzeigen, dass es sein eigenes Tempo leben darf, dass es seine Schwächen – wie zum Beispiel das vorsichtige Bewegungsverhalten – annehmen darf. Aber auch die Eltern sollen ihr Kind annehmen, wie es ist. Über gemeinsame schöne Erfahrungen mit Vater oder Mutter, positive Erlebnisse im Umfeld und gemeinsames Handeln tritt das Kind in Beziehung mit sich selbst. Es wird, so sagt die Psychologie, selbstwirksam. Das heisst, das Kind erfährt, dass es auch schwie­rige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen kann. Diese Erfahrung geschieht über den Körper, die Bewegung und die Interaktion. 

Ein Vertrauensverhältnis aufbauen

Manchmal braucht ein Kind auch Psychomotorik, weil Eltern es zu sehr beschützen und behüten. Wie bei Leander. Ihm fehlen, so meldet die Kindergärtnerin, verschiedene sogenannte Basisfunktionen wie Anziehen, Schuhebinden, Abräumen, Tischdecken usw. So gibt Leander beim Spiel, beim Klettern an der Sprossenwand, schnell auf, der Junge sagt, seine Fusssohlen würden schmerzen. Theresia Buchmann versucht ihn zu motivieren, diesen kleinen Moment auszuhalten. Dann springt er von einem Ort zum anderen, ohne dort verweilen zu können.
Ein Vertrauensverhältnis ist für den Entwicklungsprozess ­unabdingbar. Psychomotorik ist also auch Beziehungsarbeit.
Gemeinsam mit den Eltern lernt Leander nun, bei einem Spielzeug zu bleiben, also beispielsweise auf dem Trampolin eine von der Mutter vorgegebene Anzahl Sprünge zu machen, diese vielleicht zu wiederholen. Das Ziel: Leander lernt, sich etwas zuzutrauen und zuzumuten. Das sei nur möglich, so Theresia Buchmann, wenn ein Vertrauensverhältnis herrsche. Eltern sollen den Entwicklungsstand des Kindes akzeptieren und Vertrauen zum Kind und zur Therapeutin auf­bauen. Das heisst: die Beziehung pflegen, sodass jenes Vertrauensverhältnis entsteht, welches wiederum für den weiteren Entwicklungsprozess unabdingbar ist.
 
Die Psychomotorik ist also auch Beziehungsarbeit. «Es geht aber nicht darum, zu heilen, sondern respektvoll und empathisch zu vermitteln, dass eine positive Entwicklung des Kindes möglich ist, auch wenn die Umstände schwierig sind.» Wie viel Zeit das braucht, variiert von Kind zu Kind. In der Psychomotorik werde kein einheitliches Programm «durchgeturnt», so Sibylle Hurschler Lichtsteiner. Dauer und Arbeitsweise seien sehr verschieden und passt sich dem individuellen Bedürfnis an. In der Praxis können es einzelne Beratungsstunden, regelmässige wöchentliche Therapiestunden über ein bis zwei Jahre, gelegentlich auch einmal eine mehrjährige Begleitung in grösseren Abständen sein. Ziel sei immer, die Fördermöglichkeiten zu Hause zu etablieren.

Psychomotorik möchte...

  • die soziale Interaktion stärken.
  • das Kind beim Ausprobieren und beim Scheitern begleiten.
  • das Kind über das gemeinsame Handeln ­Wirksamkeit erleben lassen.
  • ressourcenorientiert arbeiten, z. . Spielideen aus der eigenen frühen Kindheit oder der Kindheit der Eltern aufgreifen.
  • über die Wahrnehmung Denkprozesse entstehen lassen.
(Quelle: Regula Tichy)
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