Schule
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In Ihrem Buch ermutigen Sie Lehr­personen, sich als Lerncoaches zu verstehen. Warum?

Ein Coach berät, hilft seinen Klienten, an ihren Stärken zu arbeiten und ihre Schwächen anzugehen. Will heissen, ich als Lerncoach erteile zu Beginn einer Lerneinheit einen Auftrag und gehe dann von Pult zu Pult, um Hilfestellung zu leisten. Den Lerninhalt erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler teilweise selbst. Das schult die Eigenverantwortung, das selbständige Handeln und fördert das Selbstbewusstsein. 

Funktioniert das in allen Fächern?

In Geografie zum Beispiel geht das sehr gut. In Geschichte muss ich vielleicht präsenter sein und etwas mehr Stoff vermitteln. Ich wünsche mir grundsätzlich mehr Kreativität im Schulumfeld, aber viele Kollegen hemmt die Angst vor dem Schulstoff. Aber den kann man recht zurückfahren. Ich habe noch nie die Rückmeldung eines Lehrmeisters gehört: «Toll, er kann fünf Flüsse, die durch Brasilien fliessen, aufsagen.» Aber den Satz «Toll, er kann sich sehr gut selbst organisieren, ist teamfähig» sehr wohl. Das sind am Ende die Kompetenzen, die gefragt sind.

Genau diese Gewichtung von Kompetenzen sieht der Lehrplan 21 doch vor.

Diesbezüglich ist der neue Lehrplan auch ein Schritt in die richtige Richtung. Diese Kompetenzen-Orientierung ermöglicht es, sich vom Stoff ein wenig zu lösen. Aber meiner Meinung nach gehen diese Umbauarbeiten nicht weit genug. Das Grundsystem wird nicht in Frage gestellt: Fächerübergreifendes Lernen, altersdurchmischte Lerngruppen, Aufhebung des 45-Minuten-Taktes, all dies sind Themen, die nicht angefasst werden. Es ist eine kleine Ummöblierung in einzelnen Zimmern eines bestehenden Hauses, das in meinen Augen baufällig ist und einen Totalumbau braucht.
Daniel Burg: «Matur bedeutet reif. Durch Bulimie-Lernen wird niemand reif.»
Daniel Burg: «Matur bedeutet reif. Durch Bulimie-Lernen wird niemand reif.»

Sie sprechen von Ihren Erfahrungen, die Sie auf der Real- beziehungsweise Sekundarstufe gesammelt haben. Wäre dieses Modell am Gymnasium überhaupt sinnvoll? Dort steht doch viel mehr das einzelne Fach und die Stoffvermittlung im Vordergrund, und am Ende der Schulzeit muss die Matura bestanden werden.

Matur bedeutet reif. Durch Bulimie-Lernen wird jedoch niemand reif. Meine Aussagen zu den dringenden Veränderungen im Schulsystem beziehe ich ebenfalls auf die Gymnasien. Auch auf dieser Stufe müsste meines Erachtens die Arbeit an der Fachkompetenz zugunsten der Arbeit an der Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz drastisch heruntergefahren werden.
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Wie viele Schulen in der Schweiz arbeiten so innovativ?

Das ist eine schwierige Frage. Viele Schulen schreiben sich Entwicklung auf die Fahne – Lerngöttis einführen, im Fach Sport klassenübergreifenden Unterricht durchführen –, aber Schulen, die einen strukturellen Umbau durchführen, gibt es tatsächlich nur sehr wenige. Aber ich denke, dass man auch in den bestehenden Strukturen vieles zum Besseren für die Schüler verändern kann.

Was kann ich als Mutter oder Vater dazu beitragen?

Eltern können die Lehrpersonen ihrer Kinder unterstützen, wenn diese etwas Neues ausprobieren – Interesse zeigen, sich informieren. Positives Feedback gibt Sicherheit und macht Mut, weitere Reformen anzustossen.

Was wünschen Sie sich ausserdem von den Eltern Ihrer Schüler?

Ich würde es begrüssen, wenn Eltern ihre Kinder ähnlich coachen wie wir Lehrpersonen das probieren – und sich nicht auf den Kampf einlassen, ihre Kinder in schulischen Dingen
kontrollieren zu wollen: «Hast du die Aufgabe erledigt? Was, noch immer nicht? Dann zeigst du sie mir jetzt noch einmal» und so weiter. Stattdessen sollten sie eher Coaching-Fragen stellen: «Erzähl mal, was habt ihr in der Schule gemacht? Was ist dir gut gelungen? Was war dein Beitrag? Was machst du als Nächstes? Wo brauchst du noch Hilfe?» Coaching signalisiert Interesse, im Idealfall wirkt es unterstützend. Aber die Verantwortung für seinen Lernerfolg liegt beim Kind.

Eine grosse Verantwortung.

Es geht nicht darum, das Kind allein – im schlechten Fall – in die falsche Richtung laufen zu lassen. Die Schülerinnen und Schüler brauchen eine gute Begleitung, ein individuelles Briefing – aber sie brauchen auch mehr Autonomie und damit Wertschätzung. Ich habe viele Eltern
sagen hören: Schule ist Horror, ich bete, dass die neun Jahre endlich um sind. Das bringt doch keinen weiter. 

Was schlagen Sie vor?

«Stärken stärken» finde ich zentral. Natürlich muss man auch mal dran- bleiben, wenn es unangenehm wird, und das fordere ich auch ein. Aber ansonsten sollte man die Bereiche fördern, in denen die Stärken des Kindes liegen. Das gibt Selbstbewusstsein und Freude und färbt sich auch auf die anderen Bereiche ab. Sie sehen, ich könnte im alten System gar nicht mehr arbeiten.

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4 Kommentare

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Von Renata am 10.01.2019 21:14

Die Folgen des Bildungsabbaus (und darum handelt es sich hier) werden die Kinder ausbaden müssen. Herr Burg kann ja dann vielleicht den Lehrbetrieben verkünden, dass die Schüler Waldhütten bauen können. Ich bin überzeugt, dass sie hell begeistert sein werden! Es ist dann sicherlich auch nicht mehr so schlimm, wenn Basics wie Mathematik oder Deutsch individuell und total originell nicht mehr beherrscht werden. Nur weiter so! Wer es sich leisten kann, wird sein Kind auf eine Privatschule schicken. Herr Burg und Co. legen das Fundament für eine Zweiklassengesellschaft im Bildungswesen.

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Von Johanna am 08.01.2019 20:50

Dann fragt mal die Eltern der Oberstufenschüler Niederwil wie zufrieden sie sind! Eine Katastrophe ist diese Schule. Mit der Abschaffung der Jahrgangsklassen werden die Marotten der Älteren bereits am ersten Tag an die Neuen weitergegeben und jedes Jahr sind die Zustände schlimmer! Wer kann schaut, dass sein Kind nicht an diese Schule muss und wer durch muss, ist froh, wenn die drei Jahre um sind!

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Von Anna am 08.01.2019 17:07

Super Idee. Hoffentlich wird daran überall noch intensiver gearbeitet. Ein neues Schulsystem ist überfällig. Wenn ich an meine Schulzeit denke packt mich grauen! Viel Erfolg wünsch ich den neuen Idee!

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Von Sabine am 06.01.2019 22:00

Ich finde es so wichtig, dass Kinder Eigenverantwortlichkeit und Selbstwirksamkeit erfahren können - Sie sprechen mir aus der Seele!

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