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Schule
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Sie sprechen die individuellen Lernumfelder an. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich erkläre es Ihnen an einem Beispiel: Ich war einmal mit einem Schüler konfrontiert, der so zappelig und unruhig war, dass man sich fragen musste, ob er an einer normalen Schule überhaupt beschulbar ist oder ob er an eine Sonderschule gehört. Aber anstatt ihn immer wieder zu massregeln, besannen wir uns auf seine Stärken. Er ist sehr sportlich, hat einen guten Zugang zu jüngeren Schülern, einen sensationellen Orientierungssinn und er ist ein Organisationstalent. Also durfte er das Büro der Heilpädagogin nutzen und von dort aus Aufträge ausführen. Er hat beispielsweise den Schularzttermin für eine ganze Klasse organisiert und die Turnstunden in einer 6. Klasse gegeben. Allein, ohne Lehrer.

Dieses Beispiel fasst vieles zusammen, das ihnen wichtig ist, oder?

Da haben Sie recht. Stichwort Individualisieren: Der Junge konnte nicht in einer normalen Klassenumgebung lernen. Stichwort Aufträge ausführen statt Aufgaben abarbeiten: Im Lösen von alltagsbezogenen Problemen blühte der Junge auf. Stichwort Experimentieren: Das Einzige, was wir wussten, war, dass der Bub im normalen Rahmen nicht weiterkommen würde.
Der Schulstoff kommt zu kurz? Dani Burg sagt im Gespräch mit Evelin Hartmann: «den könne man zurückfahren».
Der Schulstoff kommt zu kurz? Dani Burg sagt im Gespräch mit Evelin Hartmann: «den könne man zurückfahren».

Haben diese Massnahmen dem Bub das Lernen erleichtert?

Ja. Er hat sich akzeptierter gefühlt, angesehener, das hat ihm für sein eigenes Lernen einen Schub gegeben. Sehen Sie, bei all diesen Umbaumassnahmen ging es uns darum, den Sprung weg von der Ausbildung – etwas, das von aussen geschieht – hin zur Bildung – etwas, das sich von innen vollzieht – zu schaffen. Natürlich ging auch manches schief.

Zum Beispiel?

Ein Projektauftrag etwa, der nicht gut formuliert worden war. Manche Jugendliche kommen mit dieser Form des eigenverantwortlichen Ler­nens sehr gut klar, andere sind am Anfang überfordert und brauchen eine engere Einführung. Der Schul­alltag war zu Beginn zum Teil chao­tisch, Schüler haben eine Woche lang etwas gemacht, von dem der Lehrer nichts mitbekommen hat. Das entspricht nicht jedermanns Naturell. Ich beispielsweise bin eher der geordnete Planer. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass die Schulentwickler recht haben: wenn man wirklich etwas verändern will, muss man mutig einsteigen und einen vermeintlichen Kontrollverlust in Kauf nehmen.
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In welchen Bereichen verzeichneten Sie Erfolge?

Viele Fächer wie beispielsweise Geschichte und Geografie liessen sich von Anfang an wunderbar jahr­gangsklassenübergreifend unterrich­ten. Auch in der Leistungsbeurtei­lung gab es keine Probleme. Ein komplexes Beurteilungssystem war, wie im Vorfeld befürchtet, gar nicht nötig. Was ich allerdings unter­schätzt hatte, war die Zusammen­arbeit mit den Eltern.

Inwiefern?

Wir haben unser Vorgehen zu wenig gut erklärt, nur wenige schriftliche Informationen herausgegeben. Am Elternabend, an dem wir über unser Vorhaben informierten, hat keine Mutter, kein Vater Kritik geäussert – diese kam erst Wochen später, in Form einer Unterschriftensamm­lung. Sie enthielt die Aufforderung, die Jahrgangsklassen wieder einzurichten.

Und?

Wir haben das mit Rückendeckung der Schulbehörde überstanden.

Wie haben sich die skeptischen Eltern überzeugen lassen?

Ein Teil der Mütter und Väter kam nach einigen Monaten selbst zur Erkenntnis: Das geht! Ganz eindrücklich war das Verhalten einer Mutter, die am Anfang sehr gegen die Umstellung war und mir nach einem Jahr geschrieben hat, dass sie das Prinzip nun verstanden habe. Sie gehört heute zu den grössten Fans dieses Modells. Und dann hat es andere Eltern gegeben, die einfach resigniert haben, nach dem Motto: «Ich finde es nicht gut, aber ändern kann ich es auch nicht mehr.»

Und hatten Sie im Lehrerkollegium alle auf Ihrer Seite?

Im März 2014 haben wir verkündet, dass wir nach den Sommerferien auf jahrgangübergreifende Klassen umstellen. Das ist für die langsamen Mühlen des Schulbetriebs quasi in Lichtgeschwindigkeit. Daraufhin hatten die Lehrpersonen sechs Wochen Zeit zu kündigen, falls sie diese Umstellung nicht mittragen wollten.

Wie viele haben gekündigt?

2 von 25. Es gibt Lehrpersonen, die weniger für dieses System geeignet sind als andere. Einer, der sich gern zurückzieht in die Sicherheit des Lehrstoffs, hat es natürlich schwerer. Ebenso eine Lehrperson, die grossen Wert auf einen eng strukturierten Ablauf legt.

Wie stehen Sie zum Thema Hausaufgaben?

Da sprechen sie die Quelle grossen Leidens von Millionen von Familien an. Hausaufgaben sind so sehr mit schlechten Gefühlen konfrontiert wie kaum ein anderes Thema. Gerade Buben in der achten oder neunten Klasse haben eine erstaunliche Aus­dauer darin, sich dem einfach zu verweigern. Die Lehrperson kontrolliert die Hausaufgaben, sie werden nicht gemacht, es werden Strafarbeiten verhängt, die wieder nicht erle­digt werden ... eine Endlosschleife.
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In unserem grossen Themendossier Hausaufgaben kommen Expertinnen, Eltern, Lehrpersonen und Kinder zu Wort. Als Eltern können Sie sich hier umfassend informieren und finden viele konkrete Tipps. Hier gehts zum Dossier Hausaufgaben.

Konnten Sie diese als Schulleiter in Niederwil durchbrechen?

Ja. Wir haben die Hausaufgaben aus­gesetzt und hervorragende Erfahrungen mit diesem Schritt gemacht. Natürlich gab es weiterhin Arbeits­aufträge, die zum Teil zu Hause erle­digt werden sollten, aber diese flächendeckenden Hausaufgaben, die für alle galten, gab es in der Form nicht mehr. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Kuschelpäda­goge. Aber ich plädiere dafür, den Druck dort wegzunehmen, wo er nichts bringt, und Schüler dort zu fördern, wo es sich lohnt.

4 Kommentare

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Von Renata am 10.01.2019 21:14

Die Folgen des Bildungsabbaus (und darum handelt es sich hier) werden die Kinder ausbaden müssen. Herr Burg kann ja dann vielleicht den Lehrbetrieben verkünden, dass die Schüler Waldhütten bauen können. Ich bin überzeugt, dass sie hell begeistert sein werden! Es ist dann sicherlich auch nicht mehr so schlimm, wenn Basics wie Mathematik oder Deutsch individuell und total originell nicht mehr beherrscht werden. Nur weiter so! Wer es sich leisten kann, wird sein Kind auf eine Privatschule schicken. Herr Burg und Co. legen das Fundament für eine Zweiklassengesellschaft im Bildungswesen.

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Von Johanna am 08.01.2019 20:50

Dann fragt mal die Eltern der Oberstufenschüler Niederwil wie zufrieden sie sind! Eine Katastrophe ist diese Schule. Mit der Abschaffung der Jahrgangsklassen werden die Marotten der Älteren bereits am ersten Tag an die Neuen weitergegeben und jedes Jahr sind die Zustände schlimmer! Wer kann schaut, dass sein Kind nicht an diese Schule muss und wer durch muss, ist froh, wenn die drei Jahre um sind!

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Von Anna am 08.01.2019 17:07

Super Idee. Hoffentlich wird daran überall noch intensiver gearbeitet. Ein neues Schulsystem ist überfällig. Wenn ich an meine Schulzeit denke packt mich grauen! Viel Erfolg wünsch ich den neuen Idee!

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Von Sabine am 06.01.2019 22:00

Ich finde es so wichtig, dass Kinder Eigenverantwortlichkeit und Selbstwirksamkeit erfahren können - Sie sprechen mir aus der Seele!

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