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Schule

«Ich habe meine Scheu vor Menschen mit Handicap verloren»

Eine Lehrerin berichtet von ihrer Arbeit in einer integrativen Klasse. 
Text: Ursi Steiner
Vor vier Jahren erhielt ich von einer ehemaligen Schülerin einen Brief. Mia* hatte sich an der ETH Zürich als Studentin für Architektur eingeschrieben und bedankte sich schriftlich bei all den Menschen, die sie während ihrer Schulzeit unterstützt hatten. Das beiliegende Foto zeigte eine junge Frau im Elektro-Rollstuhl, lachend, mit Beatmungsgerät, sichtlich stolz und zufrieden.

Betreuungsperson von Pro Infirmis im Unterricht dabei

Mia kam mit einer spinalen Muskelatrophie zur Welt. Ich lernte Mia vor 18 Jahren kennen. Blitzgescheit, witzig, eine ganz normale Sechsjährige im Elektro-Rollstuhl. Damit Mia überhaupt in mein Klassenzimmer gelangen konnte, brauchte es nicht nur einen Treppenlift, sondern die Zustimmung der Stadt für dieses unübliche Schulmodell. Da Mia nur die Finger und die Gesichtsmuskeln bewegen konnte, besuchte auch immer eine Betreuungsperson von Pro Infirmis den Unterricht und unterstützte Mia – nicht im Denken, sondern lediglich im Ausführen von Tätigkeiten. Bereits damals arbeitete Mia mit einem speziellen Computer. 

Grösseres soziales Miteinander und ein respektvollerer Umgang

Improvisationstalent war nicht nur bei der Schulreise gefragt, sondern tagtäglich, wenn es darum ging, etwas so zu gestalten, dass Mia auch mitmachen konnte, denn sie wollte alles, sie liess sich nicht behindern. Ich habe viel gelernt von Mia. Einerseits für mich persönlich, indem ich meine Scheu vor Menschen mit Handicap verloren habe, und andererseits für meine Arbeit als Lehrerin. Ich habe später wieder Kinder mit besonderen Bedürfnissen mitunterrichtet. Mal ein Kind mit Trisomie 21, mal ein gehörloses Mädchen mit geistiger Behinderung. Mein Arbeitsaufwand mag zwar jeweils grösser ausgefallen sein, aber bemerkenswert ist doch die Tatsache, dass in diesen jeweiligen Klassenverbänden ein ganz anderes soziales Miteinander und ein respektvollerer Umgang miteinander spürbar waren.

Alle Kinder haben das Recht mitzumachen

«Es ist normal, verschieden zu sein.» Dieses Zitat von Richard von Weizsäcker beschreibt, was mir wichtig ist. Die Schule ist das Entwicklungsfeld der Gesellschaft und der Ort, an dem aktives Miteinander, gegenseitige Rücksichtnahme und interessiertes Aufeinander-Eingehen passieren und gelernt werden. Alle Kinder haben das Recht, dabei mitzumachen. Klar, es braucht dazu gute Rahmenbedingungen (finanziell und strukturell) und fachliche Begleitung der Lehrpersonen: Schulsysteme, die Heterogenität als Chance für alle nutzen. Die wichtigsten Erfolgsfaktoren für Inklusion aber sind und bleiben unsere ganz persönlichen Haltungen und Werte, als Mensch und als Gesellschaft.

* Name von der Redaktion geändert
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Bild: Fotolia

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Ursi Steiner ist Primarschullehrerin, Kommunikationsexpertin und Autorin. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt in Hünenberg See ZG.

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