Desktop hausaufgaben sind eine zeiterschwendung
Schule
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Immer häufiger liest man von Schu­len, die Hausaufgaben bestreiken oder ganz abgeschafft wollen. Kommt jetzt die Wende?

Wir befinden uns in einem vielfäl­tigen Transformationsprozess. Es ist gut, dass Debatten darüber laufen. Die Gesellschaft, in der wir uns bewegen, ist individualistisch, die Arbeitswelt setzt auf Diversität, und in der Schule hat individuelles Ler­nen längst Einzug gehalten. Doch können wir in diesen individualis­tischen Zeiten mit heterogenen Klassen wirklich 25 Kindern diesel­ben Hausaufgaben geben, dieselben Prüfungsfragen stellen, die gleichen Lernziele setzen? Darüber müssen sich Pädagogen Gedanken machen.

Die Politik nicht?

Das erachte ich zumindest in Deutschland als aussichtslos, denn hier ist Schulpolitik Länderpolitik und ein letztes Feld für Eigenstän­digkeit, da mischt sich der Bund nicht ein. Aber ich bin überzeugt, dass man dieses System unterwan­dern und eine kleine Revolte anzetteln kann, ohne dass gleich die Poli­tik mitmischt.

Sie fordern, dass Lehrer der Haus­aufgabendoktrin entgegentreten?

 Ja. Viele Lehrer sind sich bewusst, dass die eigene Hausaufgabenpraxis zwar nicht den Worten, wohl aber dem Sinn der gesetzlichen Vorgaben widerspricht. Das ist oft der Anlass, über kleinere Veränderungen im Schulalltag nachzudenken.

Wie könnten solche Veränderungen aussehen?

In einem ersten Schritt mit dem Lehrerkollegium schauen, wer wann wie viele Hausaufgaben erteilt. Oder mit den Schülern darüber diskutie­ren, wie sie das Thema Hausaufga­ben empfinden. In einem zweiten Schritt die Hausaufgaben reduzie­ren. Das kann sein, nur noch an einem oder zwei Tagen Hausaufga­ben vorzusehen. In einem dritten Schritt könnten Lehrer aus Haus­aufgaben Schulaufgaben machen. Also individuelle Lernzeiten in den Schulstunden einplanen. Manche nennen diese auch Trainings-­ oder Arbeitsstunden. Darin werden Schülern gemäss ihrem Leistungs­niveau individuelle Aufgaben gege­ben, die sie im Unterricht erledigen – selbständig, aber eben unter pro­fessioneller Supervision der anwe­senden Pädagogen.
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«Der Unterricht und die ganze Schu­le müssen komplett neu organisiert werden.»
Armin Himmelrath über Arbeits- oder Trainingsstunden.

Wie könnten solche Aufgabenstunden aussehen?

Es könnte einen Aufgabenpool geben, aus dem sich die Schüler bedienen. Sie können diese Aufga­ben dann in der Klasse so lösen, wie es ihrer Lernstruktur entspricht: manche alleine in Stillarbeit, andere im Team mit anderen Kindern, wie­ der andere holen sich vielleicht Hil­fe beim Lehrer. Der zweite wichtige Punkt ist ein gutes Feedback – und das muss individuell sein, also wirk­lich auf jeden einzelnen Schüler eingehen. Man merkt schon: Das kostet richtig viel Zeit, da müssen der Unterricht und die ganze Schu­le komplett neu organisiert werden.

Das bedingt ein radikales Umdenken. 

Ja, aber es ist auch eine grosse Chan­ce. Es ist nie zu spät für eine bessere Schule. Das Ende der Hausaufgaben könnte ein Anfang sein. Das Ende der Hausaufgaben würde nicht nur zu glücklicheren Schülern führen, es gäbe auch stressfreiere Lehrer und Eltern.

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2 Kommentare

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Von Undine am 06.04.2017 13:04

Sehr interessant, vor allem, wenn es wieder um die gestressten Lehrer geht.
Ich arbeite seit mehr als 35 Jahren im Bereich Bildung und Soziales. Hier habe ich festgestellt, dass Hausaufgaben einen anderen Zweck hatten. Meist war es der, dass zu Hause das nachgearbeitet werden sollte, was in der Schule nicht geschafft wurde, oder das Hausaufgaben ein vermeintliches pädagogisches Erziehungsmittel sind (Strafarbeiten).
Nach meiner Erfahrung machen Hausaufgaben als überprüfendes Instrument einen Sinn, um festzustellen, wer was und wieviel vom Unterrichtsstoff verstanden hat. Dazu muss natürlich die Lehrkraft auch die Hausaufgaben ALLE kontrollieren.
Und genau hier sehe ich die Schwierigkeit, denn das wird seltenst gemacht - also ist tatsächlich der Sinn der Hausaufgaben komplett verfehlt.

Von Lothar am 06.08.2018 08:47

Da liegt der Hund begraben: Eine Form des Missbrauchs der Hausaufgaben ist die Verlagerung der Lehrtätigkeit in die Familien.

Eltern (ja, meistens die Mütter) die mit ihren an den Hausaufgaben verzweifelden Schülern den Unterrichtsstoff sichten, durchgehen, erklären und üben leisten oft die eigentliche Lehraufgabe. Ein Defizit des Unterrichts wird als Defizit des Kindes empfunden, der am Nachmittag mit hohem Aufwand ausgeglichen werden muss.

Familien, wo Eltern diesen Ausgleich intellektuell und zeitlich leisten können, investieren Zeit und Mühen für dieses verkapptes home schooling. Und die anderen Familien?

Deshalb: Bei gutem Unterricht in der Schule sind die Hausaufgaben am Nachmittag in der Tat reine Zeitverschwendung. Ansonsten liegt die Zeitverschwendung eher im Unterricht am vormittag.

Warum gibt es noch Hausaufgaben? Gute Lehrkräfte werden eher auf die Hausaufgaben verzichten wollen. Schlechte Lehrkräfte halten an den Hausaufgaben fest, denn sie verlassen sich auf die Eltern denen sie damit einen wesentlichen Teil der Lehrverantwortung effektiv übergeben können.

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