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Schule

«Hausaufgaben sind reine Zeitverschwendung»

Der deutsche Lehrer und Journalist Armin Himmelrath hat sich jahrelang mit dem Thema Hausaufgaben beschäftigt und wissenschaftliche Grundlagen aus über 500 Jahren untersucht. Seine Bilanz ist vernichtend. 
Interview: Claudia Landolt
Bilder: Désirée Good / 13 Photo

Herr Himmelrath, Sie lehnen Hausaufgaben ab. Warum?

Es gibt über 500 Jahre alte Schulverordnungen, die sich mit dem Thema Privatarbeit befassen, denn so hiessen Hausaufgaben damals. In diesen wird davon ausgegangen, dass zu­sätzliches Lernen etwas bringt. Also habe ich mir die Wissenschaft ange­schaut, die sich in den vergangenen 130 Jahren mit dem Thema ausein­andergesetzt hat. Dabei habe ich etwas Erstaunliches festgestellt: Es gibt keine einzige Studie, welche die Wirksamkeit von Hausaufgaben belegt.

Keine einzige? Kaum zu glauben.

Dachte ich auch. Also hab ich wei­tergeforscht, auch international. Und herausgefunden: Es gibt wirk­lich nur ganz, ganz dünne Zusam­menhänge zwischen Hausaufgaben und Lernerfolg, die manchmal her­gestellt werden. Aber diese sind keinesfalls so zu bewerten, dass Hausaufgaben per se einen Bil­dungswert oder einen Zuwachs an Kenntnissen bei Schülern bewirk­ten. Bereits in den 1960er­-Jahren belegte der Erziehungswissenschaft­ler Bernhard Wittmann, dass nach einem viermonatigen Versuch bei Drittklässlern, Hausaufgaben weg­ zulassen, diese nicht schlechter waren im Rechtschreiben als solche, die Aufgaben erhalten hatten. Das­ selbe galt für das Fach Mathematik.
Armin Himmelrath, 50, ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist und Moderator. Nach seinem Lehramtsstudium in Deutschland arbeitet er heute u. a. für den «Spiegel», SpiegelOnline, Deutschlandradio und den WDR. Ausserdem unterrichtet er als Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und hat zahlreiche Bücher zu Bildungsthemen verfasst. Er hat drei Kinder und lebt in Köln.
Armin Himmelrath, 50, ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist und Moderator. Nach seinem Lehramtsstudium in Deutschland arbeitet er heute u. a. für den «Spiegel», SpiegelOnline, Deutschlandradio und den WDR. Ausserdem unterrichtet er als Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und hat zahlreiche Bücher zu Bildungsthemen verfasst. Er hat drei Kinder und lebt in Köln.

Dennoch sind Hausaufgaben in der Schule Standard. Woran liegt das? 

Nun ja, Eltern wird seit Jahrhunder­ten eingetrichtert – und die meisten von ihnen haben es selbst auch so erlebt –, dass das häusliche Lernen am Nachmittag und Abend irgend­wie der Reifung und Bildung der Kinder dient. Wir alle sind mit Hausaufgaben sozialisiert worden. Auch wird geglaubt, dass Hausauf­gaben irgendwie eine erzieherische Wirkung haben. Nur der Nachweis dazu fehlt.
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 Dieser Artikel stammt aus unserem grossen Online-Dossier zum Thema Hausaufgaben. Machen Sie sich schlau über den (Un-)Sinn von Hausaufgaben und erhalten Sie konkrete Eltern-Tipps. Hier geht es zum Dossier Hausaufgaben.

Eltern hören immer wieder, wie wichtig Hausaufgaben seien als Repetition des behandelten Stoffes oder auch zur Entwicklung der Selbständigkeit. 

Ja, bloss fehlen die Beweise dazu. Beim genaueren Hinsehen merkt man, wie schwammig diese Formulierungen letztlich sind. Sie beschwören nichts anderes als die Festigung des Erlernten, ohne dass es Belege dafür gibt. Dennoch gehören für sehr viele Menschen unter uns Hausaufgaben einfach irgendwie dazu. Sie sind im kollektiven Gedächtnis der Menschen so verankert, dass jeder denkt, das müsse so sein. Und auch Eltern gingen mal zur Schule, und die sagen dann, die eigene Hausaufgabenzeit habe ja wohl niemandem geschadet. Das ist dann so etwas wie ein Totschlag­argument. Um es noch drastischer auszudrücken: Ein Mediziner oder ein Physiker, der stolz sagt, er benut­ze noch die Methoden von vor 50 oder 100 Jahren, hätte sich sofort selbst disqualifiziert. In der Pädagogik aber, beim Thema Hausaufga­ben, ist das ein ganz normales Argu­ment.
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«Es gibt keine Lernunterschiede.» 
Armin Himmelrath

Wie sind Sie denn überhaupt auf das Thema gekommen?

Irgendwann in meiner Zeit als Bil­dungsjournalist habe ich festgestellt, dass es eben nicht so ist, dass zusätzliche Lernzeit in Form von Hausauf­gaben auch zusätzlichen Lernerfolg bringt. Und wenn man dann wirklich genauer hinguckt und Studien anschaut, wo Kinder, die mehrere Jahre keine Hausaufgaben hatten, mit Kindern verglichen wurden, die mehrere Jahre Hausaufgaben ma­chen mussten, so stellt man fest: Es gibt keine Lernunterschiede. Der einzige Unterschied ist: Die Kinder ohne Hausaufgaben waren moti­vierter.

Hausaufgaben sind oft Stoff für Konflikte in der Familie.

Absolut. Hausaufgaben verursachen mehr Probleme als Lösungen, das sagen sogar Lehrer und Studenten im Lehramt in Internetforen. Schon 1982 urteilte ein deutscher Lehrer aus Flensburg, Hausaufgaben seien bloss mit einem «Riesenaufwand betriebene, sinnlose Handgelenksübungen der Kinder». Sehr, sehr viele Eltern beklagen die Belastung durch die Hausaufgaben und be­schreiben den Streit, der ins Fami­lienleben hineingetragen wird. Eltern ärgern sich auch über die Disziplinierungsmassnahmen, zu denen sie sich gezwungen fühlen, damit die Kinder die Aufgaben erle­digen. Das einzig Positive, das sie den Hausaufgaben abgewinnen können, ist, dass sie den Eindruck haben, damit noch ein wenig im Bilde zu sein, was ihr Kind in der Schule gerade so lernt.

Wie war das bei Ihnen? Sie haben drei Kinder zwischen 17 und 21 Jahren, also reiche Hausaufgabenerfahrung. 

Anfangs war ich total unkritisch. Ich dachte, Hausaufgaben seien einfach ein Teil der Schulperformance. Und anfänglich machen die Kinder die Hausaufgaben ja auch sehr gern, freuen sich darauf. Hausaufgaben zu haben, macht sie auch ein biss­chen stolz. Aber Kinder sind sehr unterschiedlich. Mein ältester Sohn ist sehr zielorientiert, bei ihm gab es wegen Hausaufgaben nie viel Stress. Ganz anders mein zweiter Sohn, bei dem funktionierte die logische Argumentationskette ganz und gar nicht. Er ist der Typ, der gern das lernt, was ihn interessiert, ist also intrinsisch motiviert. Alles andere ist schwierig, und Druck erzeugt bei ihm nur das Gegenteil. Ich verbrach­te insgesamt Jahre, in denen meine Kinder widerwillig am Küchentisch sassen und mich mit ihrer Lustlo­sigkeit zur Verzweiflung brachten. Irgendwann begann ich zu zweifeln: Muss das denn sein? So begann ich zu recherchieren.
«Wir leben in einer individualistischen Welt.»
Armin Himmelrath

1 Kommentar

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Von Undine am 06.04.2017 13:04

Sehr interessant, vor allem, wenn es wieder um die gestressten Lehrer geht.
Ich arbeite seit mehr als 35 Jahren im Bereich Bildung und Soziales. Hier habe ich festgestellt, dass Hausaufgaben einen anderen Zweck hatten. Meist war es der, dass zu Hause das nachgearbeitet werden sollte, was in der Schule nicht geschafft wurde, oder das Hausaufgaben ein vermeintliches pädagogisches Erziehungsmittel sind (Strafarbeiten).
Nach meiner Erfahrung machen Hausaufgaben als überprüfendes Instrument einen Sinn, um festzustellen, wer was und wieviel vom Unterrichtsstoff verstanden hat. Dazu muss natürlich die Lehrkraft auch die Hausaufgaben ALLE kontrollieren.
Und genau hier sehe ich die Schwierigkeit, denn das wird seltenst gemacht - also ist tatsächlich der Sinn der Hausaufgaben komplett verfehlt.

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