Schule
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Wie viel bringt die Nachhilfe wirklich?

Kann Drill fehlende Intelligenz kompensieren oder, wie es ein nicht näher genannter Lehrer eines Nachhilfeinstituts gegenüber einer Schweizer Tageszeitung formulierte, «aus jedem Deppen ein Genie machen»? «So würde ich es nicht formulieren», sagt Stern. «Aber bei durchschnittlicher Intelligenz gibt es durchaus Spielraum für Leistungssteigerung – wenn entsprechend trainiert wird und man weiss, was einen erwartet.»
Kann Drill fehlende Intelligenz kompensieren oder, wie es ein Lehrer sagt, «aus jedem Deppen ein Genie machen»?
Die Gymi-Prüfung sei in dieser Hinsicht ein dankbares Lernziel: «Sämtliche Aufgaben vergangener Jahre finden sich im Internet, und das Prüfungsschema ist jeweils mehr oder weniger dasselbe.» Mehr zu leisten, als die eigene Intelligenz hergibt, funktioniere aber nicht auf lange Sicht, sagt Stern: «Vielleicht kommt man dank Nachhilfe durchs Gymnasium, möglicherweise auch durch die ersten Jahre an der Universität. Irgendwann wird der Druck zu gross.» 

Das Nachsehen hätten nicht nur die jungen Erwachsenen, die unter ihm zerbrächen, «sondern auch die, denen sie am Gymnasium den Platz wegnehmen», sagt Stern. «In sozial schwächeren Familien gibt es durchaus intelligente Kinder, bloss stehen die oft allein da.» 

Störende kantonale Unterschiede

Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich auch im Hinblick auf die Maturitätsquote. Obwohl sie im Gesamtschweizer Schnitt 20,2 Prozent beträgt und damit der vom Bund angepeilten Marke entspricht, variiert sie je nach Kanton stark. Während 2016 gerade einmal 11 Prozent der Obwaldner und 14 Prozent der Thurgauer Jugendlichen die gymnasiale Matura machten, waren es in Genf (29,4 Prozent) und Basel-Stadt (29,6 Prozent) ungleich viel mehr. 
«Mögliche Gründe für diese Unterschiede sind politische Entscheidungen als Reaktion auf den technologischen Fortschritt und die steigende Nachfrage nach Fachkräften», sagt Bildungsforscher Moser. «Sicher spielen aber auch die gestiegenen Bildungsambitionen eine Rolle.» Abseits der Städte fielen diese deutlich weniger ins Gewicht.

Die Vielzahl an Maturanden in der Westschweiz und im Tessin begründet Moser mit kulturellen Unterschieden der Bildungssysteme, die vom französischen respektive italienischen Pendant geprägt seien. «Die grossen kantonalen Unterschiede sind störend, weil die gymnasiale Matura den Zugang zur Universität regelt», findet Moser. «Es wäre wünschenswert, dass die Anforderungen für bestimmte Ausbildungen in jedem Kanton gleich sind.»  
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2016 machten in Obwalden 
11 Prozent der Jugendlichen die gymnasiale Matura, in Basel-Stadt waren es 29,6 Prozent.
Langfristig haben Gymnasiasten in Kantonen mit hoher Maturitätsquote aber nicht unbedingt die besseren Karten: So fliegt in Genf und im Tessin – beide Kantone kennen nur das auf die Sekundarschule folgende Kurzzeitgymnasium – ein Drittel der Gymnasiasten im ersten Jahr wieder raus. «In der Regel versuchen sie es daraufhin noch zwei- oder dreimal», sagt Wolter. «Gelingt das nicht, führt der Weg meist in eine Fachmittelschule.»
Einige Jugendliche verfügten dafür nicht über die nötigen Voraussetzungen und scheiterten. «Und erst, wenn alle Stricke reissen, bewerben sie sich um eine Lehrstelle», sagt Wolter. Gemäss dem Forscher sind Genfer Jugendliche, die eine Berufsausbildung mit höherem Anforderungsprofil antreten, im Durchschnitt bereits 20 Jahre alt. «Dieses System ist ineffizient, teuer und tragisch für die Betroffenen», sagt Wolter. «Es wäre sinnvoller gewesen, den gescheiterten Gymnasiasten früher reinen Wein einzuschenken und ihnen direkt die Vorzüge einer Berufslehre aufzuzeigen.»

Viele Gymnasiasten, viele Abbrüche

Schlimmer als die gescheiterten Gymnasiasten, findet Wolter, trifft es jene, die die Matura schafften, «aber so schlecht sind, dass sie an keiner Universität bestehen». So zeige ein Blick in die Statistik, dass eine überdurchschnittlich hohe Maturitätsquote mit höheren Abbruchquoten an den Universitäten einhergehe. 

Ebenso belegten Langzeitdaten, dass Gymnasiasten in Kantonen mit höherer Maturitätsquote eine tiefere durchschnittliche Leistung an den Tag legten. Trotz teilweise hoher Ausfallquoten während der Probezeit gelinge es in Kantonen wie Basel-Stadt, Genf oder Tessin nicht, Jugendliche, die nicht über das nötige Rüstzeug für die Schule verfügten, rechtzeitig auszusortieren: «Dann stehen sie Mitte 20 ohne Ausbildung da, weil sie durch die Uni fallen.»
Die OECD sagt, die Schweiz laufe mit ihrer tiefen Maturitätsquote Gefahr, international den ­Anschluss zu verlieren. 
Die OECD kritisierte die Schweiz mehrfach für ihre tiefe Maturitätsquote: Sie laufe damit Gefahr, den Anschluss an die internationale Entwicklung zu verlieren. «Diese Diskussion wird von Zahlen bestimmt, die mit Quoten und kaum mit Qualitäten zu tun hat», findet Jürgen Oelkers, emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich.

Erstens greife die Kritik zu kurz: Sie berücksichtige allein die gymnasiale Maturitätsquote, ob­wohl man mit Fach- und Berufsmittelschulen mittlerweile über zwei weitere Maturatypen verfüge. Zählt man alle drei Typen zusammen, kommt die Schweiz in der Tat auf eine Maturitätsquote von 37 Prozent.

Zweitens seien für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes nicht nur Bildungsabschlüsse, sondern auch die Situation im Hinblick auf Produktion und Arbeitsmarkt entscheidend. Hier punkte die Schweiz auf ganzer Linie – nicht zuletzt dank ihres einzigartigen Berufsbildungssystems, das die OECD nicht angemessen berücksichtige. «Ebenso wird unterschlagen, dass in der Schweiz, anders als in anderen Ländern, die Hochschulausbildung den Arbeitsmarkt bisher nicht dominiert», hält Oelkers fest. «Qualität wird auch auf anderem Weg erzeugt, und man braucht in der Schweiz in vielen Sparten keine gymnasiale Maturität, um erfolgreich zu sein.»

Das sieht auch Bildungsforscher Wolter so. Das Schweizer Bildungssystem gehöre zu den durchlässigsten weltweit. Auch demjenigen, der keine gymnasiale Matura mache, stünden alle Türen offen: «Es gibt nicht diesen einen Zeitpunkt, zu dem Jugendliche sich für einen Weg in Richtung Studium entscheiden müssen. Sie können während oder nach der Lehre die Berufsmatura machen, danach stehen ihnen alle Fachhochschulen offen. Wer will, kann via Passerelle sogar an die Uni. Und selbst beim Lohn hat ein Lehrling heute langfristig nicht unbedingt schlechtere Aussichten als ein Gymnasiast.»
Virginia Nolan denkt gerne ans Gymnasium zurück. Sie hatte dort nämlich auch Spass – und hofft, dass dieser heutigen Schülern vor lauter Druck nicht abhandenkommt.

Mehr zum Thema Gymnasium: 


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Dieser Artikel ist Teil unseres grossen Dossiers zum Thema Gymi oder Sek aus der Ausgabe 11/19. Sie können das Magazin online bestellen.
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Von Sepp am 15.11.2019 16:20

Leider hat die Schweiz noch nicht begriffen, dass die meisten heutigen KV Stellen nur noch mit Leuten mit Studium besetzt werden, eben weil die globlisierte Welt die Schweizer Eigenheit nicht versteht. Und alle internationale Konzerne sowie auch alle Firmen mit internationalem Management (wo ein Franzose, Deutscher, Amerikanischer, etc. HR Manager arbeitet), verlangen Studium. Super das wir das eine Quote von 20% Gimmi haben, dann hat es ja genug Platz für ausländische Arbeitnehmer für die guten Stellen ;-)

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