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Schule

Gymi nicht erreicht – und nun?

Viele Jugendliche schaffen den Übertritt ins Gymnasium oder in die Kantonsschule nicht. Die Misserfolgsquote liegt im Kanton Zürich bei rund 50 Prozent, in St. Gallen und im Thurgau etwas unter 30 Prozent. Was brauchen die betroffenen Schülerinnen und Schüler?
Text: Jürg Brühlmann
Im Kanton Zürich absolvieren jedes Jahr rund 3700 Schülerinnen und Schüler aus der 6. Primarklasse und 2800 aus der 2. Sekundarklasse die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium. Das sind insgesamt pro Jahr rund 6500 Schülerinnen und Schüler. Für einige dürfte es bereits der zweite Anlauf sein. Zirka 3300 von ihnen bestehen die Aufnahmeprüfung nicht. Es sind wohl mehr als 15 000 Kinder und Jugendliche pro Jahr in der Schweiz, die dieses Ziel nicht erreichen. Meist ist der Misserfolg mit einer massiven Enttäuschung von Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Mitbetroffen sind Geschwister, Eltern, weitere Angehörige und Freunde.

Was tun die betroffenen rund 30 000 Mütter und Väter in einem solchen Fall? Wir wissen es nicht wirklich. Aus vielen Einzelfallbeispielen setzt sich ein Puzzle zusammen, das heterogener kaum sein könnte: Da sind einerseits Eltern, die sich kaum interessieren oder eher skeptisch sind, wenn Kinder sich ihren eigenen Bildungsweg ausdenken. Vielleicht gehören sie zu einer Generation, wo Maturaquoten von 10 Prozent die Regel waren, sei es, weil der Schulweg ins Gymnasium zu weit war oder familiäre Traditionen den gymnasialen Weg nicht vorsahen.

Andererseits gibt es Eltern, für die eine Welt zusammenbricht, wenn ihr Kind nicht ans Gymnasium aufgenommen wird. Sei es, weil sie selber diesen Weg gegangen sind oder es in ihrer Familientradition eine Selbstverständlichkeit ist. Und es gibt Eltern, die aus Ländern kommen, wo eine Maturaquote von 50 Prozent oder mehr üblich ist. So besuchen über 300 deutsche Jugendliche mit Wohnsitz in der Schweiz die Gymnasien im grenznahen deutschen Konstanz.

Alle Wege bleiben noch offen

Oft sind Eltern in Angst und Sorge, und es dominiert die Vorstellung, dass nur der Bildungsweg über das Gymnasium den beruflichen Erfolg bringe. Im Schweizer Bildungssystem sind aber auch später alle Wege noch offen. Eltern könnten sich im Grunde genommen darauf konzentrieren, ihre Kinder beim Finden ihres persönlichen Wegs zu unterstützen, Interesse zu zeigen, ihnen durch ein ruhiges Umfeld und einen strukturierten Tagesablauf zu helfen. Sie müssten nicht enttäuscht reagieren, wenn der Nachwuchs nicht die von ihnen avisierte Schullaufbahn einschlagen will oder kann. Zu viel Druck, überhöhte Erwartungen, zu viel Pädagogisierung verbunden mit zu wenig Freizeit bringen Kinder in Loyalitätskonflikte. Alternativen früh auszuloten und verschiedene Wege offenzuhalten, das dient dem Bildungsverlauf am meisten.
Eltern sind als loyale Erwachsene gefragt, die ihr Kind in jeder Lage unterstützen, seine Ziele zu finden und zu realisieren.

Nicht hadern, vorwärtsblicken!

War eine Prüfung nicht von Erfolg gekrönt, lohnt es sich nur bei sehr knappen Resultaten, die Prüfungsergebnisse anzusehen und gegebenenfalls Rekurs einzulegen, beispielsweise wenn ein Kind zwar die einfachen Aufgaben nicht gelöst, die schwierigen aber erfüllt hat. Ein weiteres Beispiel wäre, wenn der Inhalt eines Aufsatzes gut, aber wegen zu vieler Orthografiefehler (eines Legasthenikers) zu stark abgewertet wurde. In den meisten Fällen aber geht es darum, das Ergebnis zu akzeptieren, die Enttäuschung zu verarbeiten und sich auf die vorbereiteten Alternativen zu konzentrieren. Es hilft dem Kind wenig, wenn Eltern noch wochenlang mit dem Schulsystem hadern oder ihm Vorwürfe machen, es hätte halt mehr lernen und weniger gamen sollen.

Eltern sind als loyale Erwachsene gefragt, die ihr Kind in jeder Lage unterstützen, seine Ziele zu finden und zu realisieren. Es lohnt sich, achtsam Interesse zu zeigen und ohne zu viel Druck das Gespräch zu suchen. Gerade in der Pubertät brauchen Jugendliche die Möglichkeit, die Distanz und Nähe zu den Eltern selber zu bestimmen. Kinder melden sich nicht nur, wenn sie Geld brauchen, sondern auch dann, wenn sie den Eindruck haben, Erwachsene könnten ihnen da oder dort Unterstützung geben. Den Zeitpunkt dafür müssen wir aber ihnen überlassen.

Eltern sollten im Voraus klären, welche finanzielle Unterstützung sie geben können und wollen, wozu sie verpflichtet sind und wo sie Grenzen setzen wollen. Bei klaren Ansagen können sich Jugendliche besser orientieren. Gerade wenn sich Eltern bei den beruflichen Möglichkeiten und im Berufsbildungssystem noch wenig auskennen, ergibt es Sinn, sich gut zu informieren und Jugendliche beim Besuch der Berufsberatung oder bei der Suche von Schnupperlehren zu unterstützen. Je besser ein Jugendlicher mit möglichst unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen vernetzt ist, desto einfacher wird es ihm fallen, eigene Lösungen mit Hilfe seiner Eltern und der Schule zu finden.
Foto: Fotolia

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Jürg Brühlmann, lic. phil., ist Primar-, Sekundar- und Sonderklassenlehrer und leitet die Pädagogische Arbeitsstelle des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH.


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