Fernunterricht aus der Primarlehrerperspektive
Schule

Wie ist es als Lehrer mit Fernunterricht?

Wie gestaltet sich der Fernunterricht in der Corona-Krise aus der Lehrerperspektive? Welche Hürden gibt es zu meistern und wie gehts den Schülerinnen und Schülern ohne den täglichen Austausch im Klassenzimmer? Wie man als Primarlehrer mit der Ausnahmesituation umgeht, erzählt Roland F.* 
Aufgezeichnet von Hanna Lauer
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rawpixel.com / zvg
«Ich bin 47 Jahre alt, unterrichte eine 4. Primarklasse im Kanton Zürich und arbeite 80 Prozent als Klassenlehrer. Als die Corona-Krise schlimmer wurde und die Schulschliessung von heute auf morgen eintraf, fühlte ich mich emotional leer. Ich fragte mich, kann ich meine Schülerinnen und Schüler auch im Fernunterricht genügend unterstützen? Rasch habe ich mich über Online-Dienste für den Fernunterricht schlau gemacht. Dabei bin ich auf schabi.ch (Schule am Bildschirm) gestossen, das ich schon kannte. Schabi.ch bietet mir verschiedene Möglichkeiten: ich kann meinen Schülerinnen und Schüler Wochenpläne zur Verfügung stellen, ihnen Aufgaben zuweisen, sowie Dokumente und Videos hochladen. Ich schalte der Klasse tageweise die zu erledigenden Aufgaben frei. Der Stolperstein liegt darin, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler über einen Drucker verfügen – und so habe ich denjenigen die Aufgaben oder einzelne PDFs per Post nach Hause geschickt. Die ausgefüllten Aufgabenblätter erhalte ich von den Eltern der Kindern dann als Foto per Whatsapp.
 
Ein weiteres Problem ist, dass die Kinder teilweise keinen Zugang zu Computer oder WLAN haben. Da unsere Schule digital noch nicht so fortgeschritten ist, gibt es auch keine Möglichkeit, dass wir Geräte ausleihen könnten. Im schlimmsten Fall lösen die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben am eigenen Handy, was suboptimal ist.
«Es gab Rahmenbedingungen vom Volksschulamt, wieviel Zeit die Kinder täglich für die Schule investieren müssen»
Bei den Kindern wie auch Eltern kommt der Fernunterricht grundsätzlich gut an, es ist allen klar was es zu tun gibt. Der Informationsaustausch funktioniert gut. Der Datenschutz ist besonders im Hinblick auf Videositzungen und dem Aufzeichnen der Kinder ein Problem, aber es musste in dieser Notsituation einfach eine schnelle Lösung her. Zudem telefoniere ich wöchentlich mit jedem einzelnen der Schülerinnen und Schülern, und oft auch mit den Eltern. Die Eltern sind sehr kooperativ und dankbar.

Es gab Rahmenbedingungen vom Volksschulamt, wieviel Zeit die Kinder täglich für die Schule investieren müssen und es war uns freigestellt, ob wir den Unterricht analog oder digital gestalten. Meine Lehrerkolleginnen und -kollegen arbeiten auch noch mit Microsoft Teams. Ich finde dieses Tool aber ungeeignet für Viertklässler.
«Die Chancenungleichheit ist gross»
Der Fernunterricht birgt aber auch grundlegende Risiken, denn die Chancenungleichheit ist gross. Es gibt Kinder in meiner Klasse, die haben gute Unterstützung zu Hause, andere bleiben hängen. Besonders diese Kinder bereiten mir Sorgen. Natürlich gibt es auch Schülerinnen und Schüler, die grundsätzlich nichts machen. Und andere lesen zum Teil die Aufträge nicht richtig und kommen nicht weiter. Es ist eine Frage der Aufmerksamkeit und des einzelnen Kindes. Wenn nichts mehr geht, intensiviere ich den Kontakt zu den Eltern.

Die Leistungsschere war schon im regulären Unterricht vorhanden und jetzt geht sie noch etwas weiter auf. Bedauerlich ist, dass ich zurzeit keinen Präsenzunterricht habe zu meiner Klasse. Sie können mich zwar jederzeit anrufen, wenn sie Fragen haben, aber eigentlich sind die Familien auf sich alleine gestellt. Die Auslastung der Schülerinnen und Schüler ist sehr unterschiedlich: Geregelt ist, dass die Kinder rund zwei Stunden täglich für die Schule aufbringen. Die einen sind nach 30 Minuten fertig, andere brauchen einen halben Tag. Im Moment wird vorwiegend repetiert. Aber man müsste neue Lerninhalte vermitteln, da dieses Semester trotz Corona als vollwertiges Schuljahr gehandhabt wird.
«Die Hälfte der Schule passiert im Sozialen und nicht im Kognitiven.»
Ich sehe aber auch eine Chance in dieser Zeit und zwar die Digitalisierung der Schulen. Die Lernplattformen müssen sich natürlich weiterentwickeln, aber die Schule geht in eine gute digitale Richtung. Es gibt nach wie vor Sicherheitslücken, aber es ist erstaunlich wie gut es trotzdem funktioniert. So kann die Schule papierloser werden. Es wird Tools geben, wo Elterninfos oder der Hausaufgabenplan nur noch online zur Verfügung gestellt werden.

Grundsätzlich wird sich aber am Präsenzunterricht nichts ändern, dieser ist immer noch das A und O der Primarstufe. Aber vielleicht lassen sich gewisse Aufgaben künftig einfach online erledigen. Für uns Lehrpersonen wird die Digitalisierung zu Beginn bestimmt mehr Arbeitseinsatz fordern, aber ich bin motiviert.
 
Meine Hoffnung auf die Zeit nach Corona ist, dass sich die Kinder freuen, wieder in die Schule zu dürfen. Dass sie es schätzen in einer Klasse zu sein, es vermissten und, dass der Fernunterricht nicht ihr Favorit war. Die Hälfte der Schule passiert im Sozialen und nicht im Kognitiven.»

*Vor- und Nachname sind der Redaktion bekannt
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2 Kommentare

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Von Urs am 24.04.2020 18:57

Wieso wird immer von Lehrern geschrieben, wenn es ja grossmehrheitlich Frauen sind, die im Unterricht tätig sind.
Bitte nehmt Lehrpersonen oder dann beide Bezeichnungen.

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 26.04.2020 17:19

Lieber Herr Meier, danke für Ihren Kommentar. Wir schreiben explizit immer beide Formen, wechseln ab oder verwenden Lehrpersonen – wir achten sehr auf eine gendergerechte Sprache. Hier im Artikel handelt es sich allerdings in der Tat um einen Mann, also verwenden wir auch nur die männliche Form. ;-) Mit lieben Grüssen aus der Redaktion

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