Schule
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Wann ist der Punkt erreicht, an dem man die Schulleitung informieren sollte?

Wenn die Lehrerin, der Lehrer nicht gesprächsbereit ist oder der Konflikt auf dieser Ebene nicht gelöst werden kann. Dann sollte man die Schulleitung hinzuziehen. Aber an erster Stelle steht immer das Einzelgespräch mit der Lehrerin, dem Lehrer. Das Verheerendste, was man machen kann, ist, sich mit anderen Eltern zusammenzuschliessen und gegen die Lehrperson vorgehen zu wollen. Stellen Sie sich vor, Sie bekämen einen kritischen Brief, der von allen Eltern unterschrieben wurde. Wie wäre das für Sie?

Ich hätte das Gefühl, dass alle Eltern gegen mich wären.

Und das ist nicht zielführend. 

Eltern erwarten zu viel, zum Beispiel dass die Erziehungsarbeit in der Schule übernommen wird, hört man Lehrpersonen oft klagen.

In der Schule wird auch Erziehungsarbeit geleistet, im Sinne von: Wie verhält man sich in einer grossen Gruppe? Das ist etwas, das man zu Hause in einer Kleinfamilie nicht lernen kann. Aber die Grunderziehung muss bei den Eltern stattfinden: respektvoll sein gegenüber anderen, zuhören, warten, bis man an der Reihe ist, tolerant sein. Auf dieser Grunderfahrung bauen wir im Unterricht auf. Schule ist die Instanz, die alle Menschen, egal welcher Schicht, Herkunft, Grösse und so weiter, in eine Gesellschaftsstruktur integriert. Dort müssen Kinder und Jugendliche lernen, mit dieser Unterschiedlichkeit umzugehen. Das ist unsere Welt.
Die neue LCH-Präsidentin Dagmar Rösler sieht besonders grossen Nachholbedarf bei den Tagesschulen.
Die neue LCH-Präsidentin Dagmar Rösler sieht besonders grossen Nachholbedarf bei den Tagesschulen.

Aber der Trend geht doch in eine andere Richtung. Privatschulen mit alternativen pädagogischen Konzepten verzeichnen steigende Schülerzahlen und die Zahl der Homeschooler nimmt ebenfalls zu. 

Die Schweiz ist immer noch das Land mit den wenigsten Privatschulen, obwohl die Tendenz ein wenig gegenteilig ist. Das stimmt und weckt eine gewisse Besorgnis. Das dem so ist, liegt nicht unbedingt an unserer Volksschule, sondern an unserer Gesellschaft, in der jeder für sich das Optimum herausholen will. Viele haben nur noch ein Kind, und für das möchte man das Allerallerbeste. Das ist ja auch verständlich. Vielleicht ist es auch die Reaktion auf die schulische Integration. Ganz nach dem Motto: Ich möchte mein Kind nicht mit anderen Kindern zur Schule schicken, die spezielle Bedürfnisse haben. Mein Kind wird zu wenig gefördert, wenn es mit Schwächeren zusammen ist. Doch ich betone es noch einmal: Die Realität der Volksschule ist diejenige, die Kinder auch später in der Welt erwartet.
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Diese Realität scheinen viele umgehen zu wollen. In elf Kantonen laufen Petitionen zur freien Schulwahl. Könnte diese den Wettbewerb unter den Schulen nicht positiv anheizen? 

Ein Stück weit ist dieser Gedanke nachvollziehbar. Aber es funktioniert höchstens in der Theorie. Freie Schulwahl benachteiligt die ländlichen Gegenden und gefährdet die Chancengerechtigkeit und den sozialen Zusammenhalt. Diejenigen, die es sich leisten können und die Zeit haben, ihre Kinder jeden Morgen in ein anderes Quartier zu fahren, würden dies tun. Und diejenigen, die diese Kapazitäten nicht haben, würden in der Nähe bleiben. Es würden Gettoschulen entstehen. Wenn das passieren würde, hätte ich grösste Bedenken.

Ein weiteres Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt, ist der Ausbau der Tagesstrukturen beziehungsweise der Tagesschulen.

Die Schweiz muss in Sachen Tagesstrukturen und Kinderbetreuung unbedingt vorwärtsmachen. Als Mutter zweier Töchter spreche ich aus eigener Erfahrung: Es ist ein riesengrosser Kraftakt in diesem Land, Familie und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Fehlende Tagesstrukturen könnten übrigens auch ein Grund dafür sein, dass viele ihr Kind in die Privatschule geben, da es dort oft einen Mittagstisch sowie eine Nachmittagsbetreuung gibt.

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Von Simone am 07.12.2019 17:21

Frau Rösler betont im Interview, dass die Schule die Kinder auf das Leben später vorbereite. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Denn die Gesellschaft mutet den Kindern während der obligatorischen Schulzeit krank machenden Umstände und Zwänge zu, die wir Erwachsenen niemals zumuten würden:
• Zwang: Kindern werden während der obligatorischen Schulzeit massiv in ihrer Autonomie und ihrem Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt. Die Kinder lernen nicht, Selbstwirksamkeit zu entwickeln.
• Unter- / Überforderung: Kinder dürfen sich die meiste Zeit nicht mit Aktivitäten und Themen befassen, die ihrem Entwicklungsstand, ihren Begabungen und ihren Interessen entsprechen.
• Gehirnentwicklung: In der Schule dürfen die Kinder nicht frei spielen, weil man fatalerweise meint, beim freien Spiel würden die Kinder nichts Wichtiges lernen. Kinder brauchen das freie Spiel, um sich gesund entwickeln zu können.
• Bewertung: Kinder werden laufend mit Noten und anderen, scheinbar harmlosen Bewertungssystemen bewertet und selektioniert. Das schädigt ihren Selbstwert und das Gefühl für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen.
• Mobbing: Kinder müssen zur Schule gehen, selbst wenn sie dort täglich geplagt, ausgeschlossen und ausgelacht werden.
Hand aufs Herz: einer/m guten Freundin/Freund in einer solch krank machenden und entwürdigenden Situation würden wir raten, sich schleunigst eine menschenfreundlichere Stelle zu suchen! Kinder müssen hingegen ausharren, weil sie ja schliesslich auf die Welt der Erwachsenen vorbereitet werden müssen. Ist das wirklich eine gute Vorbereitung?
Wir haben unsere Kinder aus der öffentlichen Schule herausgenommen. Wir wollten nicht länger mitansehen, wie das «System Schule» unseren Kindern zusehends Lebenslust und Kreativität austreibt.

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