Schule

Cybermobbing-Aktion an Schulen

Worte können krank machen, sogar töten. Noch immer unterschätzen viele Schülerinnen und Schüler die Wirkung von abschätzigen Kommentaren in Klassenchats und auf Social Media. Die Cybermobbing-Kampagne der Stiftung Elternsein will dies ändern. Zu Besuch in der Sekundarschule Embrach ZH.
Text und Bilder: Florian Blumer
Liam*schaut gebannt aufs Handy. Kommentar um Kommentar poppt im WhatsApp-Klassenchat auf. Nevin wird verspottet, weil er der Lehrerin «in den Arsch krieche». Er versucht, sich zu wehren, fragt, ob man sich jetzt in der Schule nicht mehr melden dürfe.
 
Noah: «ach komm leg dich einfach untern zug hilfst uns allen damit»
 
Leon: «da würd er sich selber und der Welt n gefallen tun»
 
Bei beiden Kommentaren zuckt Liam spürbar zusammen. Das liegt nicht nur an den bösen Worten: Das Handy versetzt ihm bei jedem verletzenden Kommentar einen ungefährlichen, aber spürbaren Stromimpuls. Denn das Handy ist nicht sein Handy, es ist Teil der Sensibilisierungskampagne «Wenn Worte wehtun» der Stiftung Elternsein, die das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi herausgibt. 

Liam ist Schüler einer ersten Sek b im zürcherischen Embrach, heute steht statt Unterricht ein Workshop zum Thema Cybermobbing auf dem Programm.

Faust ins Gesicht ist ohne Blickkontakt leichter

Die Worte, die Liam hier physisch schmerzen, haben tatsächlich einmal wehgetan. Der Chatverlauf ist real, nur die Namen sind geändert. Es sind Worte, wie sie immer wieder in Klassenchats fallen. Und im schlimmsten Fall zu dem führen, was Noah und Leon im Chatverlauf – leichtsinnig – Nevin nahelegen: dass das Opfer Selbstmord begeht. Die Installation kommt an: Sichtlich beeindruckt raunt Liam seinem Kollegen Matteo zu: «Isch geil gmacht, Alte!»
 
Bevor es an das präparierte Handy ging, wurden Liam und seine 12 Klassenkameradinnen und -kameraden von Mike Würmli, 23, und Lina Shaqiri, 25, ins Thema eingeführt. Sie arbeiten für zischtig.ch, einen gemeinnützigen Verein für Medienbildung und Prävention, der im Auftrag der Stiftung Elternsein den Sensibilisierungs-Workshop für Schulklassen durchführt.

Als erstes fragt Würmli: «Wer hat alles ein Smartphone?» Alle Hände gehen hoch. «Wer hat WhatsApp?» 12 von 13 Schülern erheben die Hand. «Wer hat Snapchat?» Das gleiche Bild. So geht es weiter mit Social-Media-Plattformen und Chat-Apps. Unten bleibt die Mehrzahl der Hände erst, als die Kursleiter fragen, wer einen Fernseher im Zimmer hat.

Willkommen in der Lebenswelt der Teenager im Jahre 2019: Die Kommunikation findet zu einem grossen Teil in Chat-Gruppen übers Smartphone statt. 
«Isch geil gmacht, Alte!» Sekschüler aus Embrach testen das präparierte Handy.
«Isch geil gmacht, Alte!» Sekschüler aus Embrach testen das präparierte Handy.
Das fördert den Austausch, hat aber seine Tücken. Mike Würmli erklärt, das im Chat vieles wegfällt, was hilft, Aussagen einzuordnen: Mimik, Gestik, Tonfall, Sprechgeschwindigkeit und vor allem der Blickkontakt. Würmli zeigt ein Plakat: Auf der einen Seite einer Mauer tippt jemand etwas in sein Handy. Auf der anderen bekommt jemand anderes eine Faust aus dem Handy direkt ins Gesicht. Der Cybertäter muss dem Opfer nicht in die Augen schauen und er sieht nicht, was er mit seinen Worten anrichtet. Dies erhöhe die Gewaltbereitschaft, erklärt Würmli.
 
Der Workshopleiter zeigt aber auch Verständnis: «Es ist nicht einfach, seine Tage mit Leuten zu verbringen, die man sich nicht ausgesucht hat.». Die Schule sei allerdings ein gutes Übungsfeld, denn, so Würmli weiter: «Das wird auch später im Arbeitsleben so sein.» Es gibt in fast jeder Klasse Mädchen oder Jungs, die rechthaberisch sind, petzen, lügen. Würmli: «Wenn ihr Probleme mit jemandem habt, klärt es bitte persönlich – und nicht im Klassenchat.»

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