«Corona zwingt uns im Eiltempo in die digitale Fortbildung»
Schule

«Corona zwingt uns im Eiltempo in die digitale Fortbildung»

Die flächendeckende Schliessung der öffentlichen Schulen stellt Eltern wie Lehrpersonen vor neue Herausforderungen. Der deutsche Bildungsexperte Armin Himmelrath sieht darin auch eine Chance: Sich in Rekordtempo digital fit zu machen.
Interview: Claudia Landolt
Bilder: pixabay.com/coyot / zvg

Herr Himmelrath, warum kann die Corona-Krise für die Schulen auch zur Chance werden?

Wir diskutieren seit Jahren über die Herausforderungen der Digitalisierung an unseren Schulen. Die Anforderungen sind gross, die Meinungen darüber, was umgesetzt werden sollte gehen auseinander und die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen sind riesig. Wegen der Corona-Krise müssen wir uns jetzt innert weniger Monaten in die Gedankenwelt des digitalen Unterrichtens hineinbegeben und dessen Umsetzung in Rekordzeit vorantreiben. Wir sind also gezwungen, uns so rasch wie nie zuvor um das digitale Lernen zu kümmern. Unter normalen Bedingungen hätten wir das erst in drei bis vier Jahren auf die Beine gestellt – wenn überhaupt.

Und doch herrschen derzeit riesige Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen. Die eine Schule ist sofort in der Lage, den Kindern täglich Material zu schicken, die andere ist immer noch in der Vorbereitungsphase.

Das hängt auch davon ab, welche Akteure wir als Lehrpersonen und Schulleiter haben. Sind es digital eher zurückhaltende Kollegen, wird die Digitalisierung sicherlich komplizierter. Es ist momentan also auch ein bisschen Glückssache, in welche Schule man geht und welche Lehrperson man hat. Das ist in Deutschland nicht anders. Es gibt enorme Unterschiede. Manche Schulen haben beispielsweise zwar Internet, aber nicht genügend Router, so dass es kein stabiles Netz gibt.
Armin Himmelrath hat Sozialwissenschaften und Germanistik in Wuppertal und Beer Sheva, Israel, studiert. Nach seinem Studium arbeitete er als freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist u.a. für den WDR und den Deutschlandfunk, die Süddeutsche Zeitung und SPIEGEL ONLINE sowie als Moderator und Buchautor. Sein Buch «Hausaufgaben - Nein Danke!» ist im hep-Verlag erschienen. Er ist Vater dreier erwachsener Kinder.
Armin Himmelrath 
hat Sozialwissenschaften und Germanistik in Wuppertal und Beer Sheva, Israel, studiert. Nach seinem Studium arbeitete er als freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist u.a. für den WDR und den Deutschlandfunk, die Süddeutsche Zeitung und SPIEGEL ONLINE sowie als Moderator und Buchautor. Sein Buch «Hausaufgaben - Nein Danke!» ist im hep-Verlag erschienen. Er ist Vater dreier erwachsener Kinder.

Was raten Sie Schulen und Lehrpersonen in der aktuellen Situation?

Digital affine Lehrpersonen könnten ihre Kolleginnen und Kollegen beraten und vielleicht auch ein bisschen mit ihrer Begeisterung anstecken. Es gibt so viel spannende digitale Lerntools zu entdecken. Daneben müssen auch viele Basiskenntnisse vermittelt werden. Auch hier kann man sich gegenseitig unterstützen. Wie baue ich einen Mailverteiler für meine Klassen auf? Wie stelle ich sicher, dass alle eine Nachricht bekommen und meine Mails nicht im Spam landen? Wir sollten nicht vergessen: Was für uns Schreibtischtätige längst Alltag ist, ist in Schulen noch lange nicht selbstverständlich, in denen Präsenz und Frontalunterricht sowie Arbeitsmaterialien auf Papier noch immer einen grossen Teil der Unterrichtskultur ausmachen.

Was ist in der jetzigen Phase am dringlichsten?

Zunächst geht es darum, die Grundlagen zu schaffen, damit der Austausch zwischen Schülern und Lehrpersonen funktioniert, also auch wirklich jeder Schüler und jede Schülerin die Informationen erhält. Danach geht es darum, dass Aufgaben an alle Schülerinnen und Schüler verteilt werden. Es muss eine gute Feedbackkultur hergestellt werden, so dass auch Onlinemeetings, Videokonferenzen und Chats möglich sind und etabliert werden.
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Längst nicht alle Kinder haben Zugang zu einem Gerät. Wie chancengerecht ist die digitale Schule?

Das ist richtig. 97 oder 98 Prozent der Kinder haben aber Zugang, bei ihnen sind allenfalls Fragen rund ums Netzwerk- oder Bandbreite ein Thema. Probleme kann man umgehen, indem man zum Beispiel keine allzu bildmächtigen oder grossen Dateien verschickt. Die restlichen wenigen Kinder haben aber ein Problem. Bei ihnen muss unbedingt sichergestellt werden, dass sie auch erreicht werden. Wer zuhause keinen Zugang zu einem digitalen Gerät hat, sollte über die Schule mit einem ausgerüstet werden. Es ist die Aufgabe der Bildungspolitik, dies zu ermöglich. Die neue Form des Unterrichtens soll und muss bei 105 Prozent der Kinder ankommen. Verantwortlich dafür ist die Politik.

Der wichtigste Aspekt der Schule ist nun aber das soziale Lernen.

Was den Kindern jetzt fehlt, ist der soziale Kontakt zu den anderen Kindern, aber auch zu den Lehrpersonen. Kinder – je jünger desto wichtiger – brauchen den unmittelbaren Kontakt zur Lehrperson, müssen fragen können, wenn sie gerade jetzt etwas nicht verstehen. Das muss man unbedingt in die Überlegungen mit einbeziehen und eine geeignete Form finden. Offene Videochats könnten dafür ein Forum sein, auch Telefonkonferenzen, in denen einfach mal gequatscht werden darf – wie im richtigen Leben auch. Ich denke aber nicht, dass die komplette Abschaffung des Präsenzunterrichts eine Alternative ist.

Was schlagen Sie vor?

Präsenzunterricht wird immer wichtig bleiben. Aber noch viel stärker als heute werden zukünftig einzelne Projektarbeiten mit digitaler Didaktik und Methodik gewichtet werden. Also beispielsweise Hausaufgaben oder Gruppenarbeiten, die digital erteilt, gelöst und überprüft werden müssen. Das kann zum Beispiel eine Arbeit zu einem bestimmten Thema sein. Die Kinder erarbeiten es zusammen, erstellen Dokumente und eine Präsentation, machen Videokonferenzen dazu und kommunizieren miteinander in Chats.

Während der Corona-Krise gibt es keine Noten und Prüfungen. Es wird ebenso diskutiert, inwiefern Übertritts- oder Abschlussprüfungen verschoben oder teilerlassen werden.

In Deutschland hat Bayern bereits entschieden, dass gewisse Fächer beim Abitur nachgeholt werden. Das erachte ich als wichtiges Zeichen. Und es deutet sich natürlich auch an, dass nicht jeder Stoff, der jetzt nicht vermittelt wird, komplett nachgeholt werden kann. Das kann man beklagen. Aber vielleicht zeigt sich ja auch jetzt, dass wir gar nicht alles brauchen, was wir meinen, lernen und prüfen zu müssen.

Wie meinen Sie das?

Oft wird in der Diskussion gefragt, wie denn der ganze Unterrichtsstoff aus diesen Krisenzeiten nachgeholt werden soll. Und ob denn die Kinder schulisch nicht grosse Lücken haben werden. Ich stelle die Gegenfrage: Wer sagt denn, dass wir diesen Stoff wirklich brauchen? Möglicherweise lernen die Kinder und Jugendlichen im Umgang mit der Ausnahmesituation viel mehr für ihr Leben, als wenn sie drei oder fünf zusätzliche Wochen Gemeinschaftskunde oder Französischunterricht gehabt hätten. Und das gilt ausdrücklich für alle Fächer.

Momentan ist das digitale Angebot riesig. Wie behält man da den Überblick?

Da gibt es so viel gute Angebote, dass ich keine speziellen herausheben möchte – auch deshalb, weil es ja vom Fach und ganz stark vom Alter des Kindes abhängt, was gerade interessant ist und passt. Am besten erkundigen sich Eltern im Freundeskreis oder bei den anderen Eltern der Klasse, wer mit welchen Links gute Erfahrungen gemacht hat. Und, nicht vergessen: Gerade die Lehrpersonen wissen, was zum Stand einer Klasse gut passt. Bei ihnen kann man also auch mal nachfragen.

Wie sollten Eltern mit der Flut an Informationen aus der Schule umgehen?

Vor allem mit Gelassenheit und einer klaren Tagesstruktur. Wir dürfen nicht vergessen: Auch die Lehrkräfte sind gerade in einer Ausnahmesituation, müssen ihre Ideen zur neuen Form des Unterrichtens entwickeln und erproben und sich untereinander absprechen. Da kann es schon mal harzen, und deshalb ist es wichtig, als Vater oder Mutter mit Augenmass darauf zu schauen, dass das eigene Kind weder über- noch unterfordert wird. Also: Nicht einfach alles eins zu eins ans Kind weitergeben, sondern schauen, dass es machbare Lernzeiten im Tagesverlauf gibt – und dass diese gefüllt, aber nicht überfrachtet werden.

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