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Schule

Wie vor allem Buben mehr Spass am Lesen finden

Mit dem Projekt «bewegte Geschichten» sollte ursprünglich vor allem die Lesekompetenz von Buben gefördert werden. Aber auch Mädchen profitieren davon. Ein Unterrichtsbesuch.
Text: Anne Walser
Bild: Remo Hegglin
In zwei Linien aufgereiht stehen die Buben der fünften Klasse der Schule Auzelg in Schwamendingen vor dem Lesecoach und der Klassenlehrerin. Alle warten darauf, in die Boxpolster, Handpratzen genannt, boxen zu können, die ihnen die beiden hinhalten. Bei jedem Schlag rufen sie Silben. Lesecoach Walter Millns erklärt, dass es sich hierbei um eine Konzentrationsübung handelt. Die Mitschülerinnen sitzen im Halbkreis um ihren Coach Carlo Magni und singen das Pfadilied «Flee Fly Flo». Das Klatschen im Takt scheint hier zentral zu sein, denn der Coach unterbricht die Gruppe, sobald das nicht mehr funktioniert. 
Urs Urech, Co-Projektleiter bei «bewegte Geschichten», erklärt, dass einige Übungen und auch die Geschichten absichtlich auf die jeweiligen Geschlechter ausgerichtet sind. Ursprünglich wurde das Projekt für Buben entwickelt. Auslöser dafür waren laut Urs Urech die Ergebnisse der PISA-Studie 2012, die aufzeigten, dass die Lesekompetenz der Schweizer Mädchen deutlich besser als die der Buben ist. Er führt aus, dass dieses «Hintendreinsein» auf die Buben sehr demotivierend wirke, da sie es gewohnt seien, die Stärkeren und Schnelleren zu sein. Folglich stempelten sie das Lesen als Mädchenbeschäftigung ab.

Das Netzwerk für Schulische Bubenarbeit NWSB, heute Fachstelle für Jungen- und Mädchenpädagogik und Projekte für Schulen JUMPPS, ist deshalb von der Drosos Stiftung angefragt worden, ein Projekt zu lancieren, das diese Diskrepanz reduzieren kann. Mit dem Ziel, Beschäftigungen zu finden, die Buben mehr ansprechen, konnte sich das Projekt allmählich etablieren:  Die Buben lesen die Geschichten vor, bewegen sich dazu und erleben sie so hautnah. Das Projekt ist interdisziplinär aufgebaut. Zu den mitarbeitenden Lesecoachs gehören neben Lehrern auch Theaterpädagogen, Schauspieler, Sprechtrainer, Erlebnis- und Sozialpädagogen. Um die Buben zum Buch zu führen, werden bisher nur Männer als Lesecoaches eingesetzt.

Kinder werden zu Vorbildern

Das Programm, das kombiniert in einer Woche oder verteilt über zwei bis drei Monate durchgeführt werden kann, umfasst drei Teile. Im ersten Drittel lernen die Schülerinnen und Schüler die Geschichten, die Konzentrations- und die Erlebnisübungen kennen. Im zweiten Drittel lernen sie, eine Geschichte zu performen: Wie sie sich hinstellen und bewegen, wie sie sprechen müssen, wenn sie eine Geschichte vortragen. Ausserdem wenden sie hier das im ersten Drittel Gelernte an. Zuletzt haben sie zwei Gastauftritte in einer Klasse mit jüngeren Schülerinnen und Schülern, bei denen sie eine vorgegebene oder eigens geschriebene Geschichte vorführen. Das Ziel der Gastauftritte ist es, dass die vortragenden Buben ein Vorbild für die jüngeren darstellen und sie somit zum Lesen motivieren. 
Die Buben lesen sich die 
Geschichten vor, bewegen sich dazu und erleben sie 
so hautnah. 
Mit ihrer Idee sind die Entwickler von «bewegte Geschichten» Pioniere. Laut Urs Urech gibt es zwar verschiedene Projekte, die zur Förderung der Lesekompetenz beitragen, nicht aber in dieser Form. Das Projekt läuft nun seit über vier Jahren. Insgesamt 40 Schulen konnten in dieser Zeit kostenlos daran teilnehmen. Mittlerweile bezahlen die Schulen einen Drittel der Kosten, für den Rest kommen Stiftungen auf.

Zurück an der Schule Auzelg. Der Lesecoach Carlo Magni war früher Primarlehrer. Er ist seit den Anfängen bei «bewegte Geschichten» dabei. Im Auzelg werden zwei fünfte Klassen in die «bewegten Geschichten» eingeführt.

Carlo Magni arbeitet mit der einen Klassenlehrerin in der Mädchengruppe, Walter Millns mit der anderen in der Bubengruppe. Er sagt, es mache durchaus Sinn, in geschlechtsspezifischen Gruppen zu arbeiten. Buben wie Mädchen hätten ihre eigenen Themen, bei denen es sich lohne, sie ernst zu nehmen.
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1 Kommentar

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Von Louise am 03.09.2018 20:17

Bin gespannt auf eure Ideen!

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