LCH: Was soll ich bloss werden?
Schule

Was soll ich bloss werden?

Berufsmessen wurden abgesagt, Schnupperlehren verschoben, der Kontakt zu Firmen ist nur schwer herzustellen: Für Jugendliche ist die Berufsfindung in Corona-Zeiten eine Herkulesaufgabe. Das sollte Politiker alarmieren – und zum Handeln motivieren.
Text: Dagmar Rösler
Bild: Rawpixel.com
Der Übergang vom Ende der obligatorischen Schulzeit ins aktive Berufsleben ist für unsere Jugendlichen auch in «normalen Zeiten» sehr anspruchsvoll und einschneidend. Angefangen bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der Entwicklung eines Berufswunsches bis zur konkreten Lehrstellensuche stellt dieser Prozess die angehenden jungen Berufsleute vor viele Herausforderungen. Als wäre dies nicht schon genug, kommen in diesem Jahr weitere erschwerende Komponenten hinzu.

Aufgrund der aktuellen Situation rund um die Pandemie sind Ausbildungsmessen und Berufsmessen und Schulveranstaltungen, die den «Berufshorizont» massgeblich erweitert hätten, mehrheitlich ausgefallen. Den Jugendlichen fehlen somit Anlässe, um mit Unternehmen in den persönlichen Austausch zu treten und Informationen zur Berufsorientierung sowie Eindrücke von verschiedenen Berufen zu ­sammeln. So sind bereits im vergangenen Jahr wichtige Möglichkeiten einfach weggebrochen, um den eigenen «Berufskompass» zu richten.
«Bei benachteiligten Schülern leisten oft Lehrpersonen wichtige Motivationsarbeit.»
Weiter beeinträchtigt das Verschieben oder gar Ausfallen von Schnuppermöglichkeiten eine praxis­erprobte und auf Ersterfahrung beruhende Berufswahl. In der aktuellen Situation spielen die Ressourcen und Unterstützungsmöglichkeiten der Eltern – beispielsweise deren berufliche Netzwerke – eine noch wichtigere Rolle. Da nicht alle Eltern über die nötigen Ressourcen und Unterstützungsmöglichkeiten verfügen, verstärkt sich die Chancenungerechtigkeit für die Jugendlichen auch in Sachen Berufswahl. Es ist also zu befürchten, dass jene mit einem eher niedrigen Leistungsausweis in schulischen Belangen noch stärker das Nachsehen haben und deren erfolgreiche berufliche Integration in Gefahr ist.

Digitale Einblicke – eine Notlösung

Auch Lehrerinnen und Lehrer sind durch die Corona-Krise noch stärker gefordert, die jungen Leute zu unterstützen. Dies passiert mit grossem Engagement und Einfallsreichtum, beispielsweise mittels Videos, Livestreams sowie weiteren kreativen Möglichkeiten, die digitale ­Einblicke in die Berufswelt bieten. Diese Angebote ersetzen die wichtigen analogen, sinnlichen und haptischen Eindrücke und Erfahrungen in Betrieben oder an Berufsmessen vor Ort allerdings in keiner Weise. Sie bleiben eine der Krise geschuldete Notlösung.
Die berufliche Integration von Jugendlichen mit eher niedrigem schulischem Leistungs­ausweis ist in Gefahr.
Besonders intensive Hilfestellung benötigen Jugendliche, die zu Hause zu wenig oder keine Unterstützung erhalten. Die zeitlich aufwendige individuelle Begleitung der Jugendlichen im Berufswahlprozess durch die Schule hat jedoch Grenzen. Die Berufs- und Studienberatungen spielen zwar eine sehr wichtige ­Rolle in diesem Prozess. Bei benachteiligten Schülerinnen und Schülern sind es allerdings oft die Lehrpersonen, die als Bezugsperson im Übergang von der Oberstufe in den Beruf wichtige Motivationsarbeit leisten und die Jugendlichen in diesem Prozess begleiten. Und nicht zuletzt unterstützen sie Jugendliche darin, mit Absagen und Enttäuschungen fertigzuwerden und sich nicht entmutigen zu lassen.
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