Schule

18 Fragen zum Thema Schule und Lernen

Wann ist eine frühe Einschulung sinnvoll? Wie lernt ein Kind zu lernen? Diese und weitere Fragen beantworten Expertinnen und Experten in unserem grossen Dossier zum Thema Schule & Lernen. 
Redaktion: Claudia Landolt
Bild: Kirsten Lewis

Wann ist eine frühe Einschulung sinnvoll?

Für ein begabtes Kind, das sich im Kindergarten langweilt und deshalb wenig Interesse am Unterricht zeigt, kann eine frühe Einschulung positiv sein. Solche Kinder haben vielleicht Mühe mit dem Stillsitzen oder vorgefertigten Abläufen, dafür sind sie in anderen Bereichen stark. Schulen sollten die Individualität des Kindes akzeptieren und entsprechend handeln. Vor drei bis vier Jahren ging der Trend klar in Richtung «je früher ein Kind zur Schule geht, desto besser». Jetzt zeigt sich eine Gegenbewegung. Denn Enttäuschungen zu Beginn der Schullaufbahn können negativ sein, gerade für Kinder, die vorzeitig eingeschult werden. Denn wer früh schon schlecht bewertet wird, verliert schneller das Selbstbewusstsein und das Interesse an der Schule und am Schulstoff. Ich empfehle Eltern, sich die folgenden zwei Fragen zu stellen. Erstens: Was möchte mein Kind und fühlt es sich bereit? Zweitens: Wie gut können die Lehrpersonen mit den individuellen Bedürfnissen meines Kindes umgehen?

Margrit Stamm, Erziehungs­wissenschaftlerin

(Ein längerer Text zum Thema:
Wann ist ein Kind kindergartenreif? Von Margrit Stamm)

Wie lernt ein Kind zu lernen? 

Lernen müssen alle Kinder, aber nicht alle Kinder müssen gleich lernen. Schon im Kindesalter gibt es unterschiedliche Lerntypen: Beim einen Schüler bleiben die Wörter vielleicht schon beim Durchlesen hängen, der andere muss sie immer wieder anschauen, der nächste lernt am besten beim Sprechen oder beim Abfragen durch eine andere Person. Es kann hilfreich sein, den bevorzugten Lernweg herauszufinden und sich vor allem in schwierigen Situationen auf ihn zu stützen. Grundsätzlich gilt aber, dass es keinen Lerntyp in Reinform gibt. Je mehr Sinnes- und Tätigkeitskanäle angesprochen werden, desto effektiver ist das Lernen.

Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie, Universität Zürich

Wie können die Eltern den Schulerfolg ihres Kindes 
positiv beeinflussen?

Ob ein Kind erfolgreich ist, hängt von sehr vielen Faktoren ab: von den Eigenschaften, die das Kind selbst mitbringt, vom Umfeld, das wir bereitstellen, und von den Vorbildern. Die kindliche Entwicklung selbst kann man nicht beschleunigen. Es gilt vielmehr zu spüren, was ein Kind bewältigen kann und in welchen Situationen es überfordert ist und Unterstützung braucht. Die Gesellschaft geht von einem veralteten Entwicklungs­modell aus, das besagt, dass das Kind von aussen gesteuert werden kann. Dabei ist Entwicklung ein ausserordentlich komplexer Prozess, der vom Kind aus in engem Zusammenspiel mit der Umwelt gesteuert wird. Entwicklung ist eine Mischung aus dem, was das Kind selbst mitbringt und dem, was ihm die Umwelt bereitstellt. Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass der elterliche Einfluss auf eine erfolgreiche Schulkarriere eher gering ist.

Oskar Jenni, Titularprofessor, Kinderarzt und Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich

Wie gelingt Lernen?

Grundsätzlich gilt, dass Lernen positiv besetzt sein muss. Lernerfolg und Motivation bedingen sich gegenseitig und münden irgendwann in eine Aufwärtsspirale. Hilfreich dabei sind eine angenehme Lernumgebung, eine motivierende Begleitung durch Eltern, Lehrer oder Freunde mit viel Lob und konstruktiver Kritik und ausserdem Pausen und Belohnungen. Dinge, die unter Zwang und Druck gelernt werden, bleiben nicht im Gedächtnis. Eine gute, wertschätzende und verständnisvolle Beziehung zu Eltern und Lehrern ist mehr als die halbe Miete.

Lutz Jäncke, Neuropsychologe
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Mit der Juni-Ausgabe ist das umfangreichste Dossier in der Geschichte des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi entstanden: 29 namhafte Expertinnen und Experten – Jesper Juul Fabian Grolimund, Margrit Stamm, Philipp Ramming, Allan Guggenbühl, Eveline Hipeli und viele mehr – beantworten die 100 wichtigsten Fragen zur Erziehung und zum Familienleben.   Das komplette Heft können Sie als Einzelausgabe hier bestellen. 
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Wie soll sich ein Kind auf Prüfungen vorbereiten?

Der Stoff sollte gesehen und (laut!) gelesen, gehört und am besten auch in einen Handlungs- und Sinn­zusammenhang gebracht werden, indem man eigene Notizen dazu macht oder – noch besser – anderen vorträgt und erklärt. Das heisst, man sollte die Vokabeln nicht nur immer wieder durchlesen, sondern laut vor sich hersagen. Wichtig ausserdem: Lernen bedarf Wiederholungen. Ohne ständiges Üben verschwinden selbst Inhalte, die man bereits auswendig konnte, wieder aus dem Gedächtnis. Was im Kurzzeitgedächtnis ist, muss man im Schnitt viermal wiederholen, bis es sitzt. Die Abstände sollten dabei immer länger werden – also anfangs täglich wiederholen, dann alle zwei bis drei Tage. Schüler sollten sich auch nicht endlos mit ein und demselben Themengebiet plagen, sondern abwechseln. Kürzere Lerneinheiten und dafür häufigere sind sinnvoller.

Lutz Jäncke, Neuropsychologe

(Mehr zum Thema von Lutz Jäncke:
Wie lernen Kinder? Ist Auswendiglernen wichtig? Und was bringt (Früh-)Förderung wirklich?)

Wie stark sollen Eltern ihr Kind bei den Hausaufgaben unterstützen?

Einige Eltern helfen, damit das Kind schneller fertig ist. Doch so lernt es nicht, auch mal an etwas dranzubleiben. Andere Eltern helfen, um bei der Lehrperson einen guten Eindruck zu machen. Die Lehrperson weiss dann aber nicht, was das Kind effektiv verstanden hat. Sinnvoller ist es, bei andauernden Problemen das Gespräch mit der Lehrperson zu suchen. Keinesfalls sollten Eltern die ganze Zeit neben dem Kind sitzen. Das vermittelt dem Kind das Gefühl: «Ich kann es nicht allein.» Wenn das Kind die Hausaufgaben noch nicht selbständig erledigt, können die Eltern fragen, was an Hausaufgaben ansteht, und das Kind entscheidet, womit es beginnen will. Bei konkreten Fragen können Eltern natürlich Hilfe bieten. Die Initiative muss jedoch vom Kind kommen. Viele Kinder mögen es, die Aufgaben dort zu erledigen, wo sich die Mutter, der Vater oder die Geschwister aufhalten. Oft ist das der Küchen- oder der Wohnzimmertisch.

Liselotte Braun, STEP-Kursleiterin 

Soll man Kinder für gute Noten mit Geld belohnen?

Geld für gute Noten zu verteilen, ist Unsinn. Denn indem Eltern nur belohnen, was messbar ist – in diesem Fall gute Noten –, setzen sie falsche Anreize. Das Kind lernt: Für eine Note lohnt sich der Einsatz. Für andere Leistungen, etwa Klassen­kameraden bei den Hausaufgaben zu helfen, gibt es kein Geld. Das Kind stuft also automatisch das Helfen bei den Hausaufgaben als weniger wichtig ein. Zudem verlieren Geld­geschenke rasch ihre Wirkung. Denn die Belohnung funktioniert nur, wenn die Eltern immer wieder Geld verteilen. Setzen sie aus, verpufft der Effekt. Das Kind denkt: Jetzt lohnt es sich nicht mehr. Das Problem: Es lernt mit Geld nicht, weil es wirklich interessiert ist, sondern nur für die Belohnung. Dabei müsste doch die Freude am Schulstoff selbst geweckt werden.

Etienne Bütikofer, Leiter des Büros für Bildungsfragen und Schulleiter in Kernenried BE
«Geld für gute Noten zu verteilen, ist Unsinn. Eltern setzen damit falsche Anreize.»
Etienne Bütikofer, Leiter Büro für Bildungsfragen

Ich mag die Lehr­person meines Kindes nicht. Was soll ich tun?

Kinder sind sehr empfänglich für die Emotionen ihrer Eltern. Wenn sie auf der Seite von Mutter und / oder Vater Angst oder Abneigung gegen den Kindergarten beziehungsweise die Schule spüren, kann es ihnen deutlich schwerer fallen, sich auf die Lehrperson, aber auch auf die anderen Kinder und das Angebot der Schule einzulassen. Wenn sich Eltern und Lehrpersonen vertrauensvoll begegnen, lässt es sich offener kommunizieren und es können auch bei Schwierigkeiten rascher und unkompliziert Lösungen gefunden werden. Wenn die Erziehungsvorstellungen von Eltern und Lehrperson auseinander gehen, sollte man sich zuerst die Frage stellen: Wer hat das Problem? Es ist hilfreich, eigene Empfindlichkeiten zurückzustellen, sich zu sagen: Die Lehrperson macht es anders, aber nicht schlechter, und mein Kind kommt damit klar. Eine Lehrperson kann nicht die Erziehungsvorstellungen von 20 Eltern mitberücksichtigen. Sie oder er ist zudem für eine grosse Gruppe von Kindern verantwortlich und muss in diesem Rahmen für geordnete Abläufe sorgen. Dass das nicht leicht ist, merkt man, wenn man einen Kindergeburtstag betreut. Da kommt man ziemlich rasch ins Schwitzen und pocht wahrscheinlich schnell auf die Einhaltung gewisser Regeln. Es ist manchmal heilsam, sich das bewusst zu machen.

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler, Psychologen und Lerncoaches

(Mehr lesen:
Vier Fragen zu Loyalitätskonflikten zwischen Eltern, Kind und Lehrperson. Interview mit Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund)

Fördern Privatschulen besser?

Das kann man so nicht sagen. Privatschulen machen das Gleiche einfach etwas anders. Sie gewinnen Schülerinnen und Schüler mit kleinen Klassen und individueller Förderung, umfassender Tagesstruktur und oft auch Zweisprachigkeit. Dazu können sie Kinder auch ablehnen. Das kann die öffentliche Schule nicht.

Carl Bossard, Gymnasiallehrer

Wie sehr sollen Eltern ihr Kind beim Übertritt ins Gymi unterstützen? 

Lassen Sie mich die Gegenfrage stellen: Gehört jedes Kind ans Gymnasium? Nein. Nicht jedes Kind muss aufs Gymnasium, denn nicht jedes Kind ist fürs Gymnasium geeignet. Rund 30 Prozent der Gymnasiasten, die wir getestet haben, bringen nicht die nötige Intelligenz mit. Die in der Schweiz geltende Maturaquote gibt vor, dass nicht mehr als 20 Prozent aller Kinder aufs Gymnasium sollen – sinnvollerweise wären das die intelligentesten 20 Prozent jeder Altersgruppe. Orientieren wir uns an ihnen, müsste der Mindest-IQ fürs Gymnasium bei 112 Punkten liegen. Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass bis zu 45 Prozent der Schweizer Gymnasiasten diesen IQ nicht mitbringen. Das heisst also, dass es Kinder ins Langzeitgymnasium schaffen, die aus gut situierten Familien stammen, welche teure Prüfungsvorbereitungen und Nachhilfe finanzieren können, aber von der Intelligenz her nicht unbedingt ins Gymnasium gehören. Es gibt aber auch in sozial schwächeren Familien intelligente Kinder – doch die stehen alleine da, ohne die notwendige Unterstützung. Deren Potenzial sollte mehr genutzt werden.

Elsbeth Stern, Professorin für empirische Lehr- und Lern­forschung an der ETH Zürich

Was macht eine gute Lehrperson aus?

Gute Lehrpersonen setzen klare Ziele, trauen den Kindern das Erreichen dieser Ziele zu und unterstützen sie dabei wohlwollend. Sie schaffen strukturierte Lernumgebungen, planen Phasen des bewussten Übens ein, geben lernförderliches Feedback und bauen eine intensive Lehrer-Schüler-Beziehung auf.

Carl Bossard, Gymnasiallehrer

Wie wichtig ist die intrinsische Motivation fürs Lernen?

Die Unterscheidung zwischen intrinsisch und extrinsisch ist mir zu einfach. Natürlich brauchen wir eine innere Motivation. Ebenso wichtig sind aber (Lehr-)Personen, die Ansprüche formulieren – und so Erwartungssicherheit schaffen –, die uns die Aufgabe zutrauen und uns dabei unterstützen und Feedback geben.

Carl Bossard, Gymnasiallehrer

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind gemobbt wird?

Kinder verbringen die Hälfte ihrer Zeit in der Schule. Ob sie sich in der Klasse wohl und akzeptiert fühlen, bestimmt zu einem grossen Teil, wie es ihnen geht und welchen Wert sie sich als Menschen zuschreiben. Floskeln und Rezepte wie «Lass sie doch reden!» greifen bei Kindern nicht. Das Bedürfnis dazuzugehören ist Teil unserer Existenz. Ein Kind kann dieses nicht einfach mit oberflächlichen Sprüchen ersticken. Da Mobbingein Gruppenphänomen ist, sollte es auch in der Gruppe gelöst werden. Ansprechpartner ist daher die Schule. Lehrpersonen Ihres Kindes, die Schulleitung, die Schulsozialarbeiterin, der Schulpsychologe und die Schulpflege können Sie dabei unterstützen. Bereiten Sie das Gespräch gut vor. Schildern Sie, was Sie sich von der Schule wünschen, und fragen Sie nach, was die Schule unternehmen wird. Führen Sie das erste Gespräch ohne Ihr Kind. Beziehen Sie weitere Personen mit ein, wenn sich die Situation nicht verbessert.

Fabian Grolimund, Psychologe, Buchautor und Elterncoach

(Lesen Sie auch unser umfassendes
Online-Dossier zum Thema Mobbing)
«Kinder verbringen die Hälfte ihrer
Zeit in der Schule. Ob sie sich in der Klasse wohlfühlen, bestimmt zu einem grossen Teil, wie es ihnen geht.»
Fabian Grolimund, Elterncoach

Mein Kind ist schulmüde. Was können wir tun?

Symptome von Schulmüdigkeit zeigen sich spätestens ab dem Alter von etwa acht Jahren. In der Primarschule spielen Ängste vor und in der Schule eine grössere Rolle als in der Pubertät, wo Schulmüdigkeit als Schulunlust besonders häufig vorkommt. Schulmüdigkeit bedeutet, nicht wirklich anwesend zu sein, während des Unterrichts in die innere Emigration zu gehen. Schulmüdigkeit und als Folge die Schulverdrossenheit sind immer abhängig von den Lehrpersonen und dem Fach. Die Gründe sind vielfältig: Stress, Druck und Niedergeschlagenheit sowie die Angst, dem Leistungsdruck nicht gewachsen zu sein. Aber auch Stress in der Familie, ein schlechtes Klassenklima sowie Mobbing können Ursachen sein. Eltern sollten so rasch wie möglich reagieren und die Schulunlust des Kindes nicht noch verstärken, besonders dann, wenn sie insgeheim die Schule doof finden, die Lehrperson nicht mögen oder den Unterricht selbst als langweilig taxieren. Auch sollten Eltern das Motiv bzw. die Motive des Kindes zu verstehen versuchen. Schulmüde Kinder brauchen Hilfe. Denn auch sie suchen im Prinzip die Schülerrolle, wollen zum Klassenverbund gehören, sich durch die Lehrperson angenommen und anerkannt fühlen. Eltern sollten daher das Gespräch mit der Lehrperson ihres Kindes suchen.

Karlheinz Thimm, Sozialpäda­goge und Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe sowie Methoden in der Sozialen Arbeit

Was mache ich, wenn mein Kind die Schule schwänzt?

In erster Linie: gelassen bleiben, aber das Kind nicht alleine lassen. Und im Hinterkopf behalten, dass 98 Prozent der Jugendlichen in der Pubertät keine grossen Probleme bekommen. Und nicht vergessen, dass Jugendliche nebst Regeln auch Lob und Zärtlichkeit sowie echtes Interesse brauchen. Gemeinsame Rituale in der Familie (Zusammensein, gemeinsames Abendessen, Sport machen, Film- und Spielabende) sind wichtig. Aber auch Streit gehört dazu. Jugendliche haben ein Recht auf Streit und darauf, falsche Entscheidungen zu treffen. Wissen Eltern dennoch nicht weiter, helfen der Elternnotruf, die Pro Juventute, Schulsozialarbeiter und Jugend­arbeiter.

Margrit Stamm, Erziehungs­wissenschaftlerin

Wie erkläre ich meinem Kind, dass gute Noten und ein guter Schulabschluss wichtig sind? 

Sagen Sie nicht: «Du lernst für das Leben.» Die Gefahr, dass das Kind dann fragt «für deines oder meines?», ist gross. Wer nach der obligatorischen Schulzeit keinen Abschluss in der Tasche hat, der hat ein Problem. Ohne gültiges Abschlusszeugnis ist es schwierig bis unmöglich, eine Lehrstelle zu finden. Und ohne eine Ausbildung wird es längerfristig in der Berufswelt schwierig. Und Noten sind wichtig, weil man mit guten Noten im Leben weiterkommt. Wenn das Kind nur Zweier hat, nützt die beste Bildung nichts. Wichtig ist jedoch, wie man darüber spricht und welches Mass das richtige ist für das Kind. Welche Leistung kann es erbringen? Und wann sind seine Möglichkeiten ausgeschöpft? Das Ziel muss sein, durchzukommen und die Schule abzuschliessen – und nicht, lauter Sechser zu schreiben.

Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

Was können Eltern tun, wenn das Kind in der Schule unter seinen Möglichkeiten bleibt?

Schwierige Situationen gehören zum menschlichen Reifwerden. Das erleben wir alle. Krisen sind oft auch Wendepunkte im Leben eines Menschen. Bei Schulkindern in schulischer Notsituation ist es wichtig, dass die Eltern als besonnene «Advokaten des Kindes» an seiner Seite stehen, ohne nach aussenstehenden Schuldigen zu suchen. Eine gemeinsame Analyse der Gründe, ein Abwägen der Massnahmen und eine, zwei kluge Gegenkräfte wie ruhiges und konzentriertes Lernen oder vorübergehende Reduktion von Freizeitaktivitäten können helfen. Mit Druck geht es kaum. Jeder Tunnel hat einen Ausgang, und am Ende (er-)scheint immer wieder das Licht.

Carl Bossard, Gymnasiallehrer

Sind schulische Leistungen wirklich mit Noten messbar?

Lehrerinnen und Lehrer haben viele Aufgaben zu bewältigen, auch widersprüchliche und gegensätzliche wie zum Beispiel Individualisieren und Sozialisieren, Zeigen von Empathie und gleichzeitig Konfrontieren. Sie müssen unterscheiden zwischen elterlichem Anspruch und kindlichem Potenzial. Das ist ihr anspruchsvoller Alltag und Auftrag. Zu diesen gegensätzlichen Aufgaben gehören die pädagogische und die soziologische. Die Schule muss die Kinder in ihrer Entwicklung fördern und sie bilden – und gleichzeitig muss sie auch selektionieren. Der Start sollte für alle möglichst gleich sein, die Wege und Ergebnisse sind es nicht. Entschieden wird nach Lernleistung und nach spezifischem Wissen und Können. Napoleon schwärmte seinen Soldaten vor, dass jeder Gefreite den Marschallstab im Tornister trage. Allein die Leistung zähle, verkündete er. Es würden weder Herkunft noch Geld gelten, weder Konfession noch Parteibuch. Das sollte noch heute gelten. Die Lernleistung ist darum das einzig sozialneutrale Kriterium und damit der demokratische Massstab. Und wie wird die Lernleistung gemessen? Mit Worten? Mit Noten? Darüber wird gestritten. Eines wissen wir: Worte sind oft interpretationsbedürftiger als nackte Zahlen. Und noch etwas wissen wir: Jedes System ist so gut, wie es die verantwortlichen Personen handhaben. Das gilt auch für die Noten.

Carl Bossard, Gymnasiallehrer

100 Fragen und Antworten zu Erziehung, Familie und Schule

Lesen Sie hier weitere Fragen und Antworten aus unserem grossen Dossier. 


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