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Lernen

Lernen im Sommer – ja oder nein?

Die Mehrheit der Schulkinder lernt auch in den Sommerferien, dies zeigt eine aktuelle Studie. Doch wie sinnvoll ist das? 
Text: Irena Ristic
Ferienzeit – freie Zeit? Nicht ganz. Viele Schüler packen ihre Bücher und Hefte auch in den grossen Sommerferien nicht weg: 59 Prozent lernen in der schulfreien Zeit. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Forsa-Umfrage, die Eltern schulpflichtiger Kinder befragt hat. Zu den Gründen befragt, warum ihre Kindern in den Ferien lernen, geben 67 Prozent der Mütter und Väter an: «um den Unterrichtsstoff zu festigen», rund die Hälfte (47 Prozent), damit sich der Nachwuchs aufs nächste Schuljahr vorbereitet. Doch: Wie sinnvoll ist das? 

Lernen in den Ferien – nicht automatisch belastend 

Ferien sollen in erster Linie der Erholung dienen, sagen Raimondo Lettieri, Kinder- und Jugendpsychologe und Fabian Grolimund, Leiter der Akademie für Lerncoaching. Doch den Schulstoff in dieser Zeit ein bisschen aufzufrischen, muss nicht automatisch eine Belastung für das Kind oder den Jugendlichen bedeuten, meint Lettieri. Es komme auf das Mass an: «Wenn ein Jugendlicher Mühe hat mit Französisch, warum die Ferien nicht dafür nutzen, Französisch-Wörter jeden Tag eine halbe Stunde zu repetieren?» 
Studien zeigen: In den langen Sommerferien kann der Schulstoff in Vergessenheit geraten. 
Auch Lernexperte Fabian Grolimund hält es in Einzelfällen für sinnvoll, die Schule in der unterrichtsfreien Zeit nicht ganz links liegen zu lassen: «Dazu zähle ich beispielsweise Primarschulkinder, die grosse Mühe mit dem Lesen oder Rechnen haben».

Es zeige sich oft: Die Kinder, die gerne lesen oder rechnen, wenden diese neuen Fertigkeiten auch im Alltag an. «Sie lesen während der Ferien zum Beispiel Comic oder Gregs Tagebücher oder zählen beim Kartenspiel die Punkte zusammen».

Kinder mit Schwächen gehen dem hingegen aus dem Weg. «Wenn ein leseschwaches Kind fünf oder sechs Wochen lang keinen Buchstaben mehr gesehen hat, vergisst es oft auch das bisher mühsam Gelernte». Hier lohne es sich, gemeinsam 15 Minuten pro Tag zu lesen oder Spiele zu machen, in denen grundlegende Rechenfertigkeiten geübt werden.

Schulstoff weg – das grosse Sommervergessen

Denn Tatsache ist: In den langen Sommerferien kann der Schulstoff durchaus in Vergessenheit geraten. «Sommervergessen» nennt sich dieses Phänomen, das jeder Pädagoge und jede Pädagogin kennt. Dies belegt auch eine grosse US-Studie. In Mathematik sei dies stärker zu beobachten als in Sprachen. Auch die deutsche Untersuchung der Erziehungswissenschaftler Hendric Coelen und Jörg Siewert stellt diesen «Ferieneffekt» bei Kindern fest. Wissenschaftliche fundierte Fakten also, die ein gelegentliches oder in kleinen Portionen aufgeteiltes Auffrischen durchaus befürworten. 
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Bildungspanik setzt Kinder unter Druck

Und dann gibt es auch so etwas wie die Bildungspanik, ein Begriff, den der Soziologe Heinz Bude definiert hat. Dahinter steckt die Angst von Eltern, dass ihre Kinder keine Chancen auf einen «guten» Job oder einen guten Platz in der Gesellschaft hätten, wenn sie sich nicht möglichst viel und stetig Bildung aneigneten. Spätestens bei der Frage nach dem Übertritt auf Gymnasium wird das Thema Lernen dann auch in den Ferien aktuell. Die Angst, nicht alles in der Macht stehende unternommen zu haben, um die Kinder auf die harte Konkurrenz vorbereitet zu haben, treibt viele Mütter und Väter an, weiss Raimondo Lettieri aus seiner Praxis.
Mühe mit dem Lernen: «Eltern sollte sich fragen, ob diese Schule, meist das Gymnasium, zum Kind passt»
Fabian Grolimund, Lerncoach
Den Drang nach mehr Effizienz in der Arbeitswelt spürten die Eltern in ihre eigenen Leben und projizierten diesen auf ihre Kinder: «Schnell wird die Gleichung Schulerfolg gleich Lebenserfolg gemacht».

Würde man die Eltern hingegen fragen, ob es ihnen lieber wäre, dass das Kind einen guten Job hat, oder dass es glücklich ist, dann wäre die Antwort klar, so der Psychologe. «Viel besser ist es darum, die Leidenschaft des Kindes für eine Sache zu wecken», sagt Lettieri. Das sei nicht nur aus psychologischer Sicht gesünder, «die Chance, dass das Kind und der spätere Erwachsene viel zufriedener und erfolgreicher ist», sei viel höher. 

Eltern ignorieren Leistungsgrenzen 

Viel von diesem Druck komme auch daher, dass Eltern die Leistungsgrenzen ihrer Kinder nicht akzeptieren können, meint Lerncoach Fabian Grolimund. Manche Eltern glaubten heute, dass mit der richtigen Förderung und Fleiss alles machbar sei.

Doch: Wenn Kinder trotz Anstrengung permanent schlechte Noten bekämen, dann sollten sich Eltern nicht fragen, was sie tun können, damit ihr Kind besser wird. Sie sollten sich mit der Frage auseinandersetzen, ob diese Schule – meist das Gymnasium – zu ihrem Kind passe, so Grolimund und meint weiter: «Das Schweizer Bildungssystem ist sehr durchlässig und bietet viele Möglichkeiten, den richtigen Platz für ein Kind oder einen Jugendlichen zu finden.» Ein Gedanke, den sich Eltern immer wieder vergegenwärtigen sollten. Denn eins ist für den Lernexperten klar: «Kinder und Jugendliche sollten ihre Sommerferien sicher nicht im Lernstudio verbringen.»

Bild: fotolia.com

Tipps fürs Lernen in den Sommerferien

  •  Kleine, regelmässige Lernportionen: z.B. jeden Tag fünfzehn Minuten die Gross-Klein-Schreibung trainieren

  • Treffen Sie eine Abmachung mit Ihrem Kind: «Wir lesen vor dem Einschlafen gemeinsam 15 Minuten» oder «Ich diktiere dir immer gleich nach dem Frühstück einmal alle Buchstaben».

  • Hat das Kind in mehreren Bereichen Mühe, wechseln Sie am besten ab: «Montag, Mittwoch und Freitag lesen wir 15 Minuten», «Dienstag und Donnerstag üben wir das Einmaleins». Wichtig: Die Übungen sollten nicht in den ganzen Ferien stattfinden. So sollte zumindest die erste und letzte Ferienwoche ganz freigehalten werden.

  • Bewahren Sie das Feriengefühl. Auch an Tagen, an denen gelernt wird, sollten Kinder etwas erleben können, was sich in den Sommerferien am besten geniessen lässt wie zum Beispiel Badi, Strand oder Unternehmungen mit Freunden – oder süsses Nichtstun. 

Zu den Personen

Fabian Grolimund leitet zusammen mit Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Die beiden Psychologen sind zudem Autoren der Bücher «Mit Kindern lernen» und «Erfolgreich lernen mit ADHS». www.mit-kindern-lernen.ch

Raimondo Lettieri ist Fachpsychologe für Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendpsychologie. Er arbeitet als Paar-, Einzel- und Familientherapeut in eigener Praxis in Zürich. www.raimondolettieri.ch


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