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Lernen

Wie Mathematik Freude macht

Der Ansatz der «befreienden Pädagogik» zielt darauf ab, Kinder in ihrer Lebenswelt abzuholen. Das weckt Freude am Lernen und Lehren – mit überraschenden Erfolgen.  
Text und Bilder: Stefan Meyer
Achten Sie einmal ge­­nau auf die Rutschbahnen in Ihrem Quartier. Wie viele Stufen haben sie? Auf die wievielte Stufe muss Ihre Tochter steigen, damit sie gleich gross ist wie Mama? Warum rutscht man auf der nassen Fläche schneller als auf der trockenen? Warum ist eine Rutschbahn schnell und die andere langsam? Wenn Sie solche Fragen im geeigneten Moment des Spielens und der Freude an den Bewegungen einstreuen, dann wird Ihr Kinder die eine oder andere aufgreifen – weil es erkennt, dass seine Interessen wirklich ernst genommen werden. 
Auch Abzählverse können Kinder dazu animieren, die Zahlen zu verwenden und auf neue Situationen zu übertragen: «Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, Rutschbahn runter, du kannst fliegen.» Lehrpersonen berichten, dass der freudvolle Umgang mit der Rutschbahn Kindergarten- und Unterstufenkinder beseelt habe – und sie selber auch. Hand aufs Herz: Ziehen Sie selbst nicht auch freudvolles Lernen der Belehrung und dem Ab­­arbeiten von Stoff vor? 
Der vierjährige Junge konnte nur bis zwei zählen. In seinem Lieblingsspiel wusste er jedoch genau, wie viel sechs Kühe sind.
Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire fand heraus, dass das Vermitteln von Stoff durch Druck und die Meinung, dass Bildung Belehrung bedeute, Hauptfaktoren dafür sind, dass Interessen und Bedürfnisse der Lernenden unterdrückt werden. Das demotiviert und kann schlimme Folgen haben: von innerer Kündigung bis hin zu schweren Lernstörungen. Kinder reden dann zwar, aber immer mit dem Gefühl, dass das, was sie sagen, keine Bedeutung hat. Informationen werden nicht abgespeichert: Sie gehen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Diese Mechanismen wirken auch auf Erziehende und Lehrpersonen destruktiv. Der Psychologe Paul Watzlawick nannte solche existenziellen Situationen «Spiel ohne Ende» – ein Teufelskreis, der entsteht, wenn Menschen nicht wissen, wie negative Mechanismen und Geschehnisse gestoppt werden können. 

Lesen und Schreiben in acht Wochen

Auf diesen Erkenntnissen basierend hat Paulo Freire Methoden für die Alphabetisierung entwickelt, von denen Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer profitieren konnten. Als Erstes erforschte er die Interessen und die Lebenserfahrungen der Lernenden, ganz nach dem Motto: «Erst forschen, dann lehren.» Nach einer Analyse integrierte er die gesammelten Themen in Lese- und Schreibprojekte. 
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Diese waren so erfolgreich, dass die Personen nach rund acht Wochen lesen und schreiben konnten. Ein weiterer wichtiger Aspekt seiner Methode ist der Dialog. Ein echter Dialog verändert die Beziehungen und die Emotionen der beteiligten Personen, während Belehrung einfach das «Spiel ohne Ende» fortsetzt.
Dinosaurier-Leiterspiel im Kindergarten (Foto und Forschungsprojekt: Bettina Baumberger, SHP, 2017)
Dinosaurier-Leiterspiel im Kindergarten (Foto und Forschungsprojekt: Bettina Baumberger, SHP, 2017)
«Erst forschen, dann lehren» wurde auch zum Motto in der Ausbildung von Schulischen Heilpäd­agoginnen und Heilpädagogen an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik HfH. Dabei gingen die Dozierenden von einer Forschungsmethode aus, welche der Genfer Psychologe Jean Piaget mitseinen Mitarbeiterinnen entwickelt hat. Er nannte sie kritische Methode, später wurde sie auch flexibles Interview genannt (siehe Box am Ende des Artikels). Dabei gilt es, die Denkprozesse eines Kindes bestmöglich zur Sprache zu bringen, indem es auch zum Handeln motiviert wird. In einer freundschaftlichen Konversation werden die Bedeutungen von Gedanken und Handlungen fortlaufend besprochen und weiterentwickelt. Mit der Zeit konnte diese Methode immer besser in die Lehre der HfH und die Schulpraxis integriert werden.

Lehren aus dem Bauernhof

Wie funktioniert das genau? Lassen Sie mich zwei Fallbeispiele nennen: In Mathematikstunden im Kindergarten wurde bei einem vierjährigen Jungen festgestellt, dass er die Zahlen erst bis zwei kannte. Man befürchtete, dass er geistig entwicklungsverzögert sein könnte. Bei flexiblen Interviews entdeckte die Heilpädagogin, dass der Junge in seinem Lieblingsspiel mit dem Bauernhof sehr wohl wusste, wie viel sechs Kühe sind. 
Diese Entdeckung hatte Auswirkungen auf die Lehre: Der Junge und andere Kinder bekamen die Gelegenheit, Mathematik und Geometrie ausgehend vom Bauernhof oder anderen Lieblingsspielen zu lernen. Die Lehrpersonen hatten den Druck von Belehrung und Stofffülle überwunden, weil sie den Bauernhof als Sachthema für die mathematische Bildung erforscht hatten. Gleichzeitig hatten sie eingesehen, wie relativ belehrende Didaktik und deren Vorurteile sind, wenn Ressourcen der Kinder miteinbezogen werden. 
Wenn wir lernen wollen, wie man konkrete Probleme meistert, braucht es neue, kreative Methoden.
Das zweite Beispiel handelt von Erfahrungen, die Eltern und Lehrpersonen in Spiel- und Hausauf­gabensituationen gesammelt haben. Sie lernten in einem Workshop, mit dem flexiblen Interview das Belehren zu überwinden und Gesellschaftsspiele für Kinder mit Behinderungen zugänglich zu machen. Dadurch wurden die Dialoge mit den Kindern sachlicher und freudvoller. Das Können hatte sich frei und wirkungsvoll entwickelt.

Die Beispiele deuten an, dass Psychologen, Erziehende oder Lehrpersonen mit Kindern und Jugendlichen umgehen, als würden sie mit Freunden sprechen. Dabei lösen sie Probleme, mit denen ein Kind konfrontiert ist, und arbeiten gleichzeitig mit Materialien (oder Spiel­sachen) sowie mit Notizen. Die Richtigkeit der Resultate ist ein Nebenprodukt. Das freundschaftliche Klima ist reicher an sozialen Beziehungen und Emotionen als das Klima der Belehrung. Die Selbstbestimmung des Kindes ist angemessen integriert und nicht ausgeschlossen. So gelingt es in kürzester Zeit, Lebenserfahrungen und Interessen zu erforschen und für die Pädagogik nutzbar zu machen.
Bewegtes Lernen mit Kegeln (5dl Petflaschen mit ca. 1dl Wasser füllen) und einem Wurfball, 80g
Bewegtes Lernen mit Kegeln (5dl Petflaschen mit ca. 1dl Wasser füllen) und einem Wurfball, 80g
Eine komplexe und schwierige Aufgabe steht an, wenn Fachpersonen, Lehrpersonen, Eltern und Lernende wahrnehmen, dass die Inte­gration von Kindern, die anders sind als der Durchschnitt, nicht recht gelingen will. Betrachten wir die Aussage der Mutter eines Sohnes mit Trisomie 21. Sie blickte in einem Podiumsgespräch zufrieden auf die schulische Integration ihres Kindes zurück. Dass sie ihren Jungen jedoch vier Mal jeden Tag holen und bringen musste, belastete sie sehr. Wie wäre es, wenn Fachpersonen in ähnlichen Fällen nach Ressourcen im Quartier oder in der Gemeinde forschen würden? Wären andere Eltern oder ein Restaurant bereit, einer Familie mit einem Kind mit Behinderung zu helfen, auch wenn es nur um den Schulweg oder das Mittagessen geht? Paul Watzlawick betonte in einem Vortrag, dass der Ausweg aus dem «Spiel ohne Ende» über einfache Handlungen ge­­schieht.

Die Entwicklung von integrativer Bildung und Erziehung erfordert neue Methoden (siehe Box am Ende des Artikels). Das beginnt bei der Diagnose der Ressourcen der Kinder, der Eltern, der Grosseltern, in der Schule und im Quartier. Es ist einfacher, Defizite zu diagnostizieren und diese isoliert zu behandeln. Gemeinhin denkt man dann, dass das Kind oder die Jugendlichen mit Behandlungen «versorgt» seien und sich die Sachlage verbessern werde. Doch häufig ist das ein Trugschluss. 

Unkonventionelle Methoden

Wenn wir lernen wollen, wie man konkrete Probleme meistert, braucht es neue, kreative, dialogische und unkonventionelle Methoden. Das Interesse an der Sache, an den Kompetenzen, an Beziehungen und an der Selbstbestimmung steht dabei im Zentrum. Wenn in Besprechungen oder Supervisionen festgestellt wird, dass eine Entwicklung ausbleibt und Freude oder das Gefühl von Freiheit fehlen, müssen die Projekte, die Ziele, die Beziehungen und die Methoden nochmals überarbeitet werden. Dieses Vorgehen lehnt sich an das Integrationskonzept «Empathie und Verstehen» des Bologneser Pädagogen Nicola Cuomo an.
Zurück zur Mathematik: Georg Cantor, der Begründer der Mengenlehre, schrieb einmal: «Das Wesen der Mathematik liegt gerade in ihrer Freiheit.» Er hätte sich über den Anblick einer Kindergartengruppe gefreut, die auf einem Platz Zahlenfelder zu einem riesigen Hüpfspiel aufgemalt hatte, das bis zu einer Million reichte. Solche Aktionen sind Sternstunden der befreienden Päd­agogik.
Ausschnitt aus dem Hüpfspiel bis zu 1 Million
Ausschnitt aus dem Hüpfspiel bis zu 1 Million

Das MKT-Testsystem

Ausgehend von den Prinzipien der befreienden Pädagogik, des flexiblen Interviews und des Integrationskonzepts Empathie und Verstehen wurde auch ein Testsystem für die Diagnose und Förderung in Mathematik von der 1. bis zur 9. Klasse entwickelt und normiert. Im Kern befassen sich die verschiedenen Testmethoden nicht nur mit kognitiven Fachkompetenzen, sondern mit der Empathie und dem Verstehen von Mathematik im Bildungssystem.
www.hfh.ch

Das flexible Interview

Die gleichnamige Website der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik HfH lädt dazu ein, mit der Methode des flexiblen Interviews zu arbeiten und zu forschen. Es werden bewährte Gesellschaftsspiele beschrieben, bei denen die Methode angewandt werden kann, und es wird gezeigt, wie Geldwerte oder Bruchzahlen besprochen werden können. Die Website informiert auch über die Methode «Empathie und Verstehen» von Nicola Cuomo. Ebenso wird auf ein Entwicklungsprojekt verwiesen, bei dem Kinder mit den Methoden von Paulo Freire Deutsch als Zweitsprache lernten. Zahlreiche Beobachtungen zeigen, wie freie Konversationen und auch das Freispiel den Unterricht positiv beeinflussen.
www.interview.hfh.ch

Weiterlesen: 

  • Rechenschwäche – was Eltern tun können. Wenn Kinder Schwierigkeiten im Rechnen haben, lautet die Diagnose schnell Rechenschwäche (Dyskalkulie). Eine Rechenschwäche hat meist mehrere Ursachen. Wie können Eltern eine Dyskalkulie erkennen? Und wie kann einem betroffenen Kind geholfen werden?
  • Wie wir lernen. Wie lernen Jugendliche eigentlich und was können die Eltern dazu beitragen, um sie dabei zu unterstützen? Wir haben bei einer Familie nachgefragt.

Stefan Meyer:

Thumbnail hfh stefan mayer
lic. phil., ist Dozent im Masterstudiengang Sonderpädagogik SHP, Schwerpunkt Pädagogik bei Schulschwierigkeiten, an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Eine Liste mit empfohlener Literatur und Links kann angefordert werden über: Stefan.Meyer@hfh.ch.

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