Lernen

Lernen über Geschichten

Kinder sollen ihre Rechte kennen. Doch die Gesetzesartikel müssen kindgerecht übersetzt werden. Am besten geht dies mit Geschichten – zum Beispiel Hänsel und Gretel. 
Text: My Hanh Isabelle Derungs

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi
Als ich ein Kind war, liebte ich es, auf dem Schoss meiner Grossmutter zu sitzen. Unentwegt wollte ich meine Lieblingsgeschichte hören: die von dem Mädchen, das nicht in die Schule gehen durfte, weil Bildung den Buben vorbehalten war. Sie verkleidete sich als Junge und verschaffte sich so Zugang zur Schule.

Kinder leben im Augenblick, in ihren Gefühlen, sie haben eine schier unglaubliche Vorstellungskraft. Und sie lernen und erfahren durch Geschichten. Auch meine fünfjährige Nichte Camille liebt Geschichten. Ihr Lieblingsbuch ist «Der Regenbogenfisch». Auch darin geht es um Ausschluss: Der Regenbogenfisch wird von den anderen Meerestieren gemieden, weil er eitel und geizig ist. 

Jedes Mal, wenn ich meiner Nichte erzähle, wie der Regenbogenfisch sich eines besseren besinnt und andere Fische durch das Verschenken seiner farbig glänzenden Schuppen beglückt, leuchten ihre Augen. Camille streichelt dann ihr farbiges Buch mit dem Glitzerfisch und spricht mit ihm.

Eingesperrt und gemästet?

Camilles Mutter fragte mich, welche Bücher ich empfehle, um mit ihrer Tochter Kinderrechte zu thematisieren. Die Antwort ist: Es braucht dazu keine Bücher über Kinderrechte. Diese sind von Erwachsenen für Erwachsene formuliert und von den Erfahrungen und Gefühlen der Kinder weit entfernt.

Tradierte Geschichten, Kinderbücher und Kinderlieder bieten viel Stoff, um Recht und Unrecht gegenüber Kindern zu thematisieren. Anhand des Märchens «Hänsel und Gretel» zum Beispiel können Eltern über verschiedene Kinderrechte sprechen: das Recht auf Gleichbehandlung, auf Nahrung, Gesundheit, Schutz, Spiel und Freizeit.
«Hänsel und Gretel» verpackt märchenhaft die Verletzung etlicher Kinderrechte. 
Denn Kinder dürfen nicht nur nicht eingesperrt oder misshandelt werden. Kinder haben auch das Recht auf eine gesunde Ernährung und sauberes Trinkwasser sowie auf Schutz davor, verkauft oder entführt zu werden. «Hänsel und Gretel» verpackt märchenhaft die Verletzung etlicher Kinderrechte. Nicht in einen Käfig gesperrt und gemästet zu werden, sind nur zwei davon. Wichtig ist, dass wir Erwachsene uns die Kinderrechte bewusst machen – dann werden wir auch Beispiele finden, anhand derer wir sie den Kindern näherbringen können.

Kinder denken anders als Erwachsene. Camille kann noch nicht lesen – ihre Welt besteht aus Bildern und Farben. Lassen wir sie und die anderen Kinder mit allen Sinnen die Welt und ihre Rechte entdecken. Kinder lernen mit dem Herzen.

Bild: Getty Images

Über die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ist ein international tätiges Kinderhilfswerk. Seit 1946 stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Das Kinderdorf in Trogen ist ein Ort der Friedens­bildung, an dem Kinder aus der Schweiz und dem Ausland im Austausch lernen, mit kulturellen und sozialen Unterschieden umzu­gehen. In zwölf Ländern weltweit ermöglicht die Stiftung benach­teiligten Kindern den Zugang zu qualitativ guter Bildung.
www.pestalozzi.ch
Anzeige

Zur Autorin:

My Hanh Isabelle Derungs
ist Psychologin und Erwachsenenbildnerin. Sie arbeitet bei der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi als Leiterin Bildung und Evaluation.

Mehr zum Thema Kinderrechte:

Kinder an die Macht  Am  Tag der Kinderrechte veranstaltet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi jeweils gemeinsam mit der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) und der Kinderlobby Schweiz eine Kinderkonferenz, an der Kinder das Sagen haben. 

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.