Kindergarten

Wie viele Hobbys braucht ein Kindergartenkind?

Täglich Kindergarten, dazu Hort, montags Tennis, dienstags Geige und freitags Schwimmkurs: Wochenpläne von Kindergartenkindern sind oft eng durchgetaktet. Wie nötig und sinnvoll sind Freizeitaktivitäten im Kindergartenalter?
 Text: Claudia Landolt
Bild: Maike und Florian Frisch
Clara ist fünf Jahre alt. Sie geht gerne in den Kindergarten, am liebsten malt sie, bastelt und tobt auf dem Spielplatz herum. Am Samstagmorgen besucht sie einen Schwimmkurs und am freien Mittwochnachmittag eine Kinderturnstunde, die ihre Kindergartenlehrperson leitet.
Ihre Freundin Lily geht jeweils montags ins Tanzen und möchte im neuen Schuljahr Geige spielen lernen. Tennis interessiert sie ebenfalls, denn ihr älterer Bruder spielt bereits dort, und sie kennt das Clubgebäude und die Umgebung. Auch die Pfadi reizt sie.

Clara erzählt ihren Eltern, dass Lily grosse Freude am Tanzen habe. «Das will ich auch!», erklärt sie eines Tages. «Das macht sooo viel Spass.»

Die Eltern fragen sich: Muss das jetzt sein? Clara ist doch erst fünf.

Hobbys im Kindergartenalter sind zwar kein Muss, aber fest institutionalisiert. Ballettkurse ab drei oder vier Jahren, Geräteturnen, Fussball- oder Hockeytraining, Kletterkurse, Tanzkurse, Judo, Karate­training, Malkurse, Trommelkurse, Schwimmunterricht – ab vier Jahren ist alles möglich. Die einen nennen es Hobby, für andere ist es Frühförderung.

Die frühkindliche Förderung ist in den letzten Jahren zu einem Lieblingsthema der Neurobiologie, der Entwicklungspsychologie, der Erziehungswissenschaft und sogar der Politik geworden. «Frühe Bildung» ist ein gesellschaftlich anerkannter Wert. Dies vor allem aus einem Grund: Frühförderung ist der späteren Schulkarriere dienlich, zumindest herrscht in der Wissenschaft darüber ein positiver Konsens. 

Frühstress oder Frühbildung?

Überspitzt formuliert lautet die Botschaft: Die Basis dafür, ob ein Kind später studiert oder arbeitslos wird, wird in den ersten vier Jahren gelegt. Jene, die in ihrer Entwicklung benachteiligt, gefährdet oder aus einem bildungsfernen Elternhaus sind, dürfen nicht den Anschluss verpassen, noch bevor sie im Kindergarten sind. Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman nennt es so: «Catch ’em young» («fangt sie früh auf»), um den «Unfall der Geburt im falschen Milieu» wieder gutzumachen.

Während bildungsferne Familien oft nicht die nötigen Ressourcen haben, um ihren Kindern ein Hobby zu finanzieren, sind andere Familien sehr bemüht, ihrem Kind die bestmögliche Freizeitbeschäftigung und Ausbildung zu bieten. Nicht nur, weil sie glauben, dass Musikunterricht die mathematische Intelligenz fördert und Sport einen Ausgleich für den Schulalltag bildet. Sie möchten ihrem Kind auch neue soziale Kontakte ermöglichen.

Und so gehört es heute in gewissen Kreisen zum guten Ton, Mädchen in den Geigenunterricht und ins Ballett und Buben ins Fussballtraining und in den Klavier­unterricht zu schicken.

«Sagen zu können, ‹unser Kind geht ins Ballett›, ist eine Art Statussymbol geworden. Weil es als Beweis gilt, dass die Eltern gute Arbeit leisten», erklärt Margrit Stamm. Die Erziehungswissenschaftlerin wird nicht müde, Eltern zu empfehlen, ihren Kindern mehr Raum zu lassen. Stamm ist eine vehemente Verfechterin des freien Spiels. Denn unter normalen Umständen braucht ein Kind keine speziellen Kurse. «Das freie Spiel ist die beste Frühförderung. Ausflüge in den Wald und andere Aktivitäten, die alle Sinne anregen, reichen völlig aus», sagt Margrit Stamm.
«Das freie Spiel ist die beste Frühförderung. Ausflüge in den Wald und andere Aktivitäten, die alle Sinne anregen, reichen völlig aus»
Margrit Stamm
In der Tat übertreiben es manche Eltern mit dem Freizeitangebot für den Nachwuchs. Eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderstiftung (2015) besagt, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland deutliche Symptome von Stress hat.

Hauptgrund für diesen Stress ist die Angst, die Erwartung der Eltern nicht zu erfüllen. Der zweite Grund: Über 80 Prozent der gestressten Kinder müssen Termine wahrnehmen, die ihnen keinen Spass machen. 61,4 Prozent der Kinder mit hohem Stresspegel wünschen sich genau dafür mehr Zeit: für Dinge, die ihnen Freude machen. 87 Prozent der Eltern glauben indes nicht, dass sie ihre Kinder überfordern. 50 Prozent meinen sogar, ihre Kinder nicht genug zu fördern.

Förderangebote seien gut, meint Stamm, ihr Einfluss sei aber weit weniger gross als der der Familie. «Die Familie selbst ist die wichtigste Fördermaschine», erklärt Margrit Stamm. Kein Kursangebot könne sie ersetzen. Die Familie hat den mit Abstand grössten Anteil daran, mit welchem Rucksack ein Kind seine Schullaufbahn startet. Ihr Einfluss sei «überragend», sagt Stamm. Frühe Bildungsförderung, so Stamm, ist also auch Familienförderung und macht nur dann Sinn, «wenn sie die bewusste Anregung aller kindlichen Sinne durch Erwachsene meint und nicht die Vorverlegung schulischer Inhalte in die frühe Kindheit».
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