Kindergarten
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Psychologin Sarah Zanoni klärt auf: Deshalb streiten Geschwister so oft

Psychologin Sarah Zanoni erklärt, warum im Geschwisterstreit oft das ältere den Kürzeren zieht, dass Buben anders streiten als Mädchen und wie wichtig die Rolle der Erwachsenen ist.
Interview: Claudia Landolt

Frau Zanoni, ist Streitlust Charaktersache?

Das angeborene Temperament beeinflusst die Bereitschaft zum Streiten massgeblich: Ein temperamentvolles Kind reagiert rascher und intensiver auf Provokation oder einen Konflikt als ein ruhiges. Auch Eifersucht löst häufig Streit aus. Denn Eifersucht ist eine Form von Verlustangst – die Angst, weniger Zuwendung und Liebe der Bezugsperson zu erhalten als das andere Kind. Drittens spielt die Frustrationstoleranz eine Rolle: Wer schon beim kleinsten Frust austickt, gerät häufig in Streit mit anderen.
Sarah Zanoni ist pädagogische Psychologin lic. phil. und leitet die Praxis «JugendCoaching Sarah Zanoni & Team» in Aarau. Die zweifache Mutter ist auch Projektleiterin und Lehrperson für «Lernen lernen» und Buchautorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Aarau. www.jugendcoaching.ch
Sarah Zanoni ist pädagogische Psychologin lic. phil. und leitet die Praxis «JugendCoaching Sarah Zanoni & Team» in Aarau. Die zweifache Mutter ist auch Projektleiterin und Lehrperson für «Lernen lernen» und Buchautorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Aarau. www.jugendcoaching.ch

Streiten Buben anders als Mädchen?

Buben streiten meist direkter, das heisst, sie greifen sich rascher körperlich an als Mädchen. Diese wiederum streiten oft laut und sind verbal aggressiv – oder sie intrigieren. Auch neigen Mädchen dazu, ihre Beziehung zur besten Freundin wegen eines Streites sofort aufzulösen – um sie ein paar Tage später wieder zu schliessen. Buben klären das lieber sofort und heftig, dafür wird die Freundschaft nicht infrage gestellt. 

Warum streiten Geschwister überhaupt? 

Geschwister sind sich so nah wie sonst kaum jemand: Sie verbringen während der Kindheit mehr Zeit miteinander als Eltern mit ihren Kindern. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Eifersucht spielt unter Geschwistern eine grosse Rolle, da sie sich – oft bis weit ins Erwachsenenleben – anei­nander messen. Es geht dabei um die eigene Rolle innerhalb der Familie. Die Rangordnung ist keineswegs einfach vom Alter bestimmt. Jüngere Kinder haben oft eine mächtigere Position als die älteren. Diese werden allzu oft von den Erwachsenen dazu ermahnt, «vernünftiger» zu sein und sich beim Konflikt unterzuordnen. Dies begreifen Jüngere rasch und kosten ihren Baby­-Bonus aus. Wer genau beobachtet, kann sie regelmässig beim Anzetteln von Streit erwischen: Das jüngere provoziert das ältere Geschwister, bis dieses reagiert. Spätestens jetzt wird es laut – die Eltern treten auf die Bühne und schimpfen mit dem älteren Kind. Das Jüngere sieht fasziniert zu und geniesst das Geschehen.

Wächst sich das Streiten irgendwann aus? 

In vielen Familien nimmt die Zahl der Konflikte zwischen den Kindern mit den Jahren ab. Geschwister, die sich früher ständig gegenseitig ärgerten, gehen in der Pubertät plötzlich lockerer miteinander um. Sie haben andere Interessen, die sie beschäftigen. Doch ebenso kann es in dieser Phase sehr konflikthaft zugehen – gerade, weil in der Pubertät die Identität und die eigene Rolle definiert werden. In aller Regel hören die offenen Streitigkeiten mit Beginn des Erwachsenenalters aber auf.
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Was lernen Kinder beim Streiten?

Sehr viel und sehr viel Wichtiges. Zum Beispiel das Lösen von Konflikten – Kom-promisse finden, teilen, tauschen oder warten können, bis man selber an der Reihe ist. Es geht dabei fast immer darum, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und anzumelden. Das ist fürs spätere Leben wichtig. Die Art und Weise, wie diese Bedürfnisse geäussert und eingefordert werden, ist allerdings verhandelbar. Muss ich jedes Mal laut schreiend oder hand­greiflich meinen Unmut zum Ausdruck bringen? Werde ich gleich verbal aggressiv und verletze mein Gegenüber bewusst? Flippe ich regelmässig aus oder kann ich auf angemessene Weise mein Anliegen aussprechen? Bin ich fähig, eine andere Meinung gelten zu lassen? Das sind Dinge, die Kinder nicht von sich aus können. Hier ist das Verhalten der nächsten Bezugspersonen (Eltern, Lehrpersonen, Trainer) sehr einflussreich. So wie diese mit Kritik, Unmut und Bedürfnissen umgehen, beeinflussen sie das Verhalten von Kindern – auch, wenn diese Vorbildhaltung oft erst im Jugend­ oder Erwachsenenalter Früchte trägt. Werden Kinder von klein auf in den Schritten des Konfliktlösens unterstützt und gelobt, wirkt sich das positiv auf ihr Sozialverhalten aus.

Zur Autorin:

Claudia Landolt hasst Zank. Also bekam sie Kinder, die als Kleinkinder sehr ausgiebig stritten.
Für diese unfreiwillige Auseinandersetzung mit dem eigenen Harmoniekonzept ist sie ihnen heute sehr dankbar.

Büchertipps:

Angelika Kullik, Franz Petermann: Emotionsregulation im Kindesalter.
Hogrefe Verlag, 2012, 186 Seiten, ca. 30 Fr.
Das vorliegende Buch stellt Formen der Emotionsregulation in den ersten Lebensjahren zusammen. Es widmet sich darüber hinaus einer umfassenden Analyse der derzeit möglichen Methoden, mit denen es gelingt, Zustände und Verläufe der Emotionsregulation differenziert zu erfassen.
Sabine Kubesch (Hrsg.): Exekutive Funktionen und Selbstregulation. Neurowissenschaftliche Grundlagen und Transfer in die pädagogische Praxis.
Hogrefe Verlag, 2016,
416 Seiten, ca. 39 Fr.

Der wissenschaftliche Band mit Bei- trägen renommierter Verhaltensforscher beschäftigt sich damit, inwieweit die exekutiven Funktionen eine Schlüsselrolle im sozialen Verhalten und Schulerfolg von Kindern spielen. Mit über 150 Praxisbeispielen zum Training exekutiver Funktionen und der Selbstregulationsfähigkeit.
Gudula List: Wie Kinder soziale Phantasie entwickeln. Ein Buch für alle, die mit Kindern leben.
Francke Verlag 2015, 230 Seiten, ca. 35 Fr.
Wie Kinder begreifen, was in den Köpfen der anderen vor sich geht, von denen sie lernen und mit denen sie spielen.
Toon Tellegen: Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen.
Hanser Verlag, 2015, 80 Seiten, Fr. 21.–
Eichhörnchen, Elefant, Klippschliefer und Käfer sind erbost, wütend, zänkisch. Aber diese Zustände werden in den Geschichten von Toon Tellegen
nicht verurteilt, sie haben eine gewisse Berechtigung – denn seine Helden lernen alle daraus und begreifen, wie sie mit Wut und Enttäuschung umgehen können.
Heinz Janisch: Wenn Lisa wütend ist.
Beltz Verlag, 2015, 30 Seiten, ca. Fr. 17.–
Sensibel und gelassen zeigt dieses Bilderbuch, wie Kinder im Dickicht negativer Gefühle gefangen sein und sich wieder befreien können.
Andrea Schütze: Warum tanzen wir vor Glück und kochen vor Wut?
Ellermann Verlag, 2017, 128 Seiten, Fr. 17.–
Kinder können ihre Gefühle oft nicht klar benennen und wissen auch nicht, wie sie damit umgehen sollen. Dieses Buch hilft, mit Geschichten zum Vorlesen über Wut, Scham, Traurigkeit oder Liebe die verschiedenen Emotionen zu sortieren.

Informationen und Links zu exekutiven Funktionen, Entwicklung und Erziehung:

  • Sozio-emotionale Entwicklung im Kindesalter, Dokument der Erziehungsdirektion Bern: www.erz.be.ch, Erziehungsberatung, Stichwort: Praxisforschung Stichwort: Schriften, Sozio-emotionale Entwicklung (Band 11)

  • Bildung für starke Eltern und starke Kinder: Übersicht über diverse Kurse und Vorträge zu Erziehungsfragen: www.elternbildung.ch


  • Starke Kinder, Förderung der sozialen Kompetenzen zur Prävention von Aggression: Forschungs- und Entwicklungsprojekt des Bundes, Hrsg. Fachhochschule Nordwestschweiz: Eltern und Schule stärken Kinder: www.esski.ch

  • Übersicht über die Frühförderungsprogramme bei Entwicklungsverzögerungen: www.stiftungnetz.ch

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