Kindergarten
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Wie du mir, so ich dir!

Im Alltag geben vor allem drei Dinge Anlass zu Streitigkeiten:

  • Erstens die Besitzansprüche: Diese machen Kinder dann geltend, wenn sie etwas für sich haben wollen. 
  • Zweitens führt die Maxime «Wie du mir, so ich dir» zu Konflikten. Die Forschung nennt dies die «Moral der strikten Gegenseitigkeit»: Man tut genau das, was der oder die andere auch getan hat, die Handlungsweisen werden vergolten. Auch verbale Streitigkeiten folgen diesem Schema, Schimpfwörter werden wiederholt und Behauptungen mit Gegenbehauptungen abgegolten. 
  • Drittens kommt es dabei nicht selten zu Handgreiflichkeiten. Auch diese haben laut Blank-Mathieu einen Grund: Kindergartenkindern ist es noch nicht möglich, diese Behauptungsstrategie durch andere, beispielsweise verbale Mittel abzustützen. Denn ihre Frustrationstoleranz und Impulskontrolle befindet sich erst im Aufbau.

«Friede mache» – Wie geht das?

Wer einmal ein Kind gefragt hat, wie es einen Streit auflösen würde, kennt vielleicht die Antwort, die sehr pragmatisch ausfällt: «Höremer uuf» oder «Machemer Friede». Da Streit und Hauen für viele Kinder identisch sind, ist das Aufhören zu hauen gleichzeitig das Ende des Streits und das wiederum identisch mit Vertragen. Manche Kinder bekräftigen das durch gewisse sprachliche Formeln wie: «Wollen wir uns wieder vertragen?» Damit wird klar, dass für die Beendigung des Streits das Aussprechen einer Formel genügt. Manchmal wird es mit einem Handschlag bekräftigt. Kinder regeln das also ganz anders als Erwachsene, die eher der Meinung sind, dass sich der für den Streit Verantwortliche zu seiner Schuld bekennen muss, dies mit einer gewissen Glaubwürdigkeit vorträgt und den anderen um Entschuldigung bittet.

Vielleicht fällt es uns Eltern auch schwer, den Zoff im Kinderzimmer zu ertragen, weil wir ein anderes Freundschaftskonzept haben. Oder das eigene Unbehagen angesichts kindlicher Konflikte rührt daher, dass es uns schwerfällt, uns einzugestehen, dass es daheim nicht immer friedlich zu- und hergeht. Sich über Kinderstreit zu nerven, hat also immer auch etwas mit sich selbst zu tun. Eltern können sich indes fragen: Möchte ich vor allem, dass Ruhe ist im Kinderzimmer? Möchte ich das einzelne Kind stützen oder schützen? Oder möchte ich, dass die Kinder lernen, Konflikte konstruktiv zu lösen?

Wann sollen Eltern einschreiten?

Auch wenn Kinder immer wieder streiten, heisst das nicht, dass sie ihre Konflikte nicht selbst lösen können. Denn für Aussenstehende ist es nicht ganz einfach, zu entscheiden, ob es sich bereits um einen Streit handelt, der zu eskalieren droht, oder noch um harmloses kindliches Kräftemessen. Hinzu kommt, dass Eltern meist miserable Richter sind: «Den ‹Schuldigen› des Streits herauszufinden, ist oft unmöglich und bringt nur Frust», sagt Sarah Zanoni. In manchen pädagogischen Richtungen wird sogar gefordert, dass sich Eltern überhaupt nicht ins Geschehen einmischen. «Es ist nicht falsch, als Eltern zuerst mal abzuwarten und zu beobachten», meint auch Sarah Zanoni. Einschreiten solle man aber, «wenn eines der Kinder körperlich oder psychisch deutlich unterlegen ist und Verletzungsgefahr herrscht». Legitim sei es auch zu reagieren, wenn es einem zu laut sei.

Eine andere Möglichkeit ist die örtliche Trennung der Kinder, eine Art Time-out. «Dieses fördert die Fähigkeit, wieder ‹runterzukommen›, im Fachjargon ‹Selbstregulation› genannt», erklärt Sarah Zanoni. Wer möchte, dass die Kinder dauerhaft weniger streiten, sollte mit ihnen zu einem ruhigen Zeitpunkt das Thema diskutieren. «Man darf seinen Kindern ruhig sagen, warum man als Eltern dieses ständige Gezicke und diese Kämpfe nicht mehr haben möchte.»
Das Ampel- und Bonussystem stellen wirksame Hilfsmittel dar.
Als wirksam hat sich laut Zanoni das Ampelsystem erwiesen: Wer merkt, dass er oder sie in den orangen oder roten Bereich kommt, soll eine erwachsene Person informieren, um eine Lösung zu finden. Auch gut ist das Bonussystem: «Wer einen Konflikt ruhig löst oder Provokationen ignoriert, erhält einen Belohnungspunkt. Mehrere Punkte lassen sich in eine Aktivität oder ein Geschenk eintauschen.»

Ein bisschen aber ist Streiten auch Charaktersache. «Gerade die sozial sehr aktiven Kinder sind häufiger als andere in Streitereien verwickelt», sagt die Pädagogin Mechthild Dörfler, die für das Deutsche Jugendinstitut in München unlängst eine Beobachtungsstudie durchgeführt hat. Aber auch hier gelte: Das «Wie» des Streitens ist entscheidend und nicht wie oft oder wie laut Kinder streiten.
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Tipps für Eltern bei streitenden Kindern:

  • Innere und äussere Ruhe bewahren

  • Beobachten und erst einschreiten, wenn es kritisch wird

  • Wirds zu laut, gefährlich oder ungerecht: Kinder für kurze Zeit (15 Min.) räumlich trennen

  • Loben, loben, loben: Positive Verstärker nützen mehr als Kritik. Deshalb jeden Schritt wertschätzen, wenn ein Kind lernt, seine Bedürfnisse angemessen zu formulieren und mit Frust umzugehen

  • Für Langzeitwirkung: mit Kindern Abmachungen treffen

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