Kindergarten
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Soll man Kinder fördern, die sich früh fürs Lesen und Rechnen interessieren?

Auch ist die Gruppe der Vorschulkinder mit Lese- oder Rechenkompetenz nicht etwa hochbegabt. Margrit Stamm sagt: «Unsere Studie hat deutlich gemacht, dass vorschulisches Lesen- und Rechnenlernen keine überdurchschnittlichen Fähigkeiten erfordert.» Hingegen kann davon ausgegangen werden, dass solche Fähigkeiten vorhanden sind, wenn Kinder selbstmotiviert früh rechnen und lesen lernen wollen. 

Ob diese Schülerinnen und Schüler auch in der gesamten Schul­karriere weiter vorne liegen werden, ist gemäss Stamm jedoch unklar. «Es gibt keine einheitliche Antwort zur Langzeitwirkung des frühen Lesen- und Rechnenlernens.»
Hingegen kann gesagt werden: Wer sich vor Schuleintritt eigenmotiviert Kenntnisse in Lesen und/oder Rechnen angeeignet hat, die sich bei Schuleintritt als deutliche Kompetenzvorsprünge manifestieren, gehört auch am Ende der obligatorischen Schulzeit noch zu den besonders schulerfolgreichen Schülerinnen und Schülern. 

Doch: «Nachhaltigen schulischen Erfolg garantiert der frühe Kompetenzerwerb nur, wenn bei gegebener Intelligenz auch die entsprechende Leistungsmotivation vorhanden ist», fasst Margrit Stamm zusammen. 

Unbegründete Angst vor Langweile 

Kann ein Kind bei Schulanfang in der ersten Klasse schon rechnen und/oder lesen, bedeutet das nicht automatisch Frust oder Langweile im Klassenzimmer. «Das ist die grosse Herausforderung heute für unsere Lehrpersonen: dass sie auf die unterschiedlichen Entwicklungsstände der Kinder eingehen», so Professorin Andrea Bertschi. Klassenübergreifende Basisstufen und andere Unterrichtsformen in Schulen ermöglichen, dass Kinder gezielt gefördert werden. 

Online-Dossier Hochbegabung

Als hochbegabt gilt ein Kind, wenn es einen IQ von mehr als 130 Punkten hat. Was bedeutet dies für seine schulische Laufbahn? Und wie muss es gefördert werden? Antworten und ­Hintergründe zum Thema Hochbegabung in unserem grossen Dossier.  

Was also tun, wenn das eigene Kindergartenkind verlangt, es möchte lesen oder rechnen lernen? Die Experten sind sich einig: Hat ein Kind Interesse an Buchstaben und/oder Zahlen, soll dieser Neugierde nachgegangen werden. Zeigt ein Kind Eigeninitiative am Lernen, ist ein künstliches Verzögern oft kontraproduktiv. 
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Der Hinweis, das müsse es doch noch nicht können, dafür sei dann die Schule da, endet nicht selten in Enttäuschung und einer möglichen Unterforderung des Kindes. Für Eltern heisst das: Wenn ein Kind möchte, dass man ihm hilft, seinen Namen zu schreiben: helfen. Es möchte wissen, was eigentlich zwei plus drei ergibt? Finger hochhalten und abzählen. 
Nicht alle Kinder haben dieses Interesse an Zahlen oder Buchstaben schon im Kindergarten. Auch das ist kein Grund zur Besorgnis: «Das Gras wächst schliesslich nicht schneller, wenn man daran zieht», schreibt Remo Largo.
Zeigt ein Kind Interesse an Buchstaben oder Zahlen,
soll dieser Neugierde
nachgegangen werden. 
Lios ältere Schwester übrigens wollte bis zur ersten Klasse partout nichts wissen von Zahlen oder Buchstaben. Ihre Zeichnungen signierte sie mit einem krakeligen L für Leni. Heute ist die Drittklässlerin eine begeisterte Leseratte – versteckt unter der Bettdecke bis tief in die Nacht hinein verschlingt sie Buch um Buch. 

Sind Frühleserinnen oder Frührechner hochbegabt?

Bei Kindern, die früh lesen oder rechnen können, spricht man grundsätzlich von einer schnellen Entwicklung. Es ist aber nicht zwingend ein Hinweis auf Hochbegabung. Bringt sich ein Kind beides in Eigenregie bei, besteht laut Margrit Stamm jedoch ein Hinweis auf überdurchschnittliche Intelligenz.

In der Schweiz sind rund zwei Prozent der Kinder hochbegabt. Eine Abklärung macht Sinn, wenn das Kind in seinem Umfeld nicht mehr genügend Anregung findet und / oder Probleme im Kindergarten oder in der Schule auftreten.

Gut zu wissen: Intellektuelle Hochbegabung ist nur eine von vielen Arten von Begabung – es
gibt viele Kinder, die kreativ, körperlich oder in einem anderen Bereich überdurchschnittlich begabt sind.

Weitere Informationen: www.hochbegabt.ch 

Zu den Autorinnen: 

Florina Schwander hat ihre Zeichnungen bis zum Schulstart konsequent mit einem «x» signiert. Trotz der frühen Schreib- und Leseverweigerung ist sie später zu einer Leseratte, Literaturstudentin und schliesslich Journalistin geworden.
Claudia Landolt war eines der Kinder, das schon Bücher verschlang, als es noch keinen einzigen Buchstaben erkennen konnte. Selbst verkehrt herum gehaltene Lektüre fand sie spannend. Noch heute ist Lesen eines ihrer liebsten Hobbys – Vorlesen, Geschichten erfinden und Wörterzaubern für und mit ihren vier Söhnen.

Weiterlesen: 


Dieser Text stammt aus dem Spezialheft Kindergarten 3 Herbst und richtet sich an Eltern von Kindergartenkinder im 2. Jahr. Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!

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