Kindergarten
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Wie trägt der Kindergarten dieser intensiven Entwicklungsphase Rechnung? 

Manche Kindergärten reservieren den Grossen einen eigenen Vor- oder Nachmittag. Sie dürfen da etwas tun, was nur ihnen vorbehalten ist: kochen, anspruchsvollere Spiele spielen oder ein Theaterproben. Daneben steht die Schulvorbereitung im Zentrum. Die Kinder sollen wöchentlich oder in einem bestimmten Rhythmus Aufgaben erledigen. Manche Kinder möchten auch lesen oder rechnen. Diese Aufgaben werden aber nicht höher gewichtet als das Spiel, in welchem das Kind viele Fähigkeiten erwirbt, die Persönlichkeit entfaltet und seine Individualität entwickelt. Beide Bereiche sind von grosser Bedeutung für die Arbeitshaltung und die Leistungsmotivation – die Kennzeichen für das schulbereite Kind.

Die geistige Entwicklung

Je näher der sechste Geburtstag rückt, desto grösser wird die Aufmerksamkeitsspanne des Kindes. Sie reisst erst ab, wenn das Werk vollendet ist. Das Kind kann sich gut und länger konzentrieren. Pflichten nimmt es ernst, Ämtlis wie etwa der «Znünitäschliverteiler» werden beliebt. Auch der Wettbewerb spielt plötzlich eine Rolle. Die Kinder registrieren Erfolg oder Misserfolg.

Während kleine Kinder es nicht ertragen, im Spiel zu verlieren, schaffen es fünf- bis sechsjährige Kinder schon viel besser. Umso grösser der Triumph, wenn es Mama, Papa oder die Grosseltern bei «Eile mit Weile» zurück auf Platz eins versetzt oder ihnen «den schwarzen Peter» unterjubelt!
Im Laufe des zweiten Kindergartenjahr lernt das Kind eine Frustrationstoleranz aufzubauen.
Im Laufe des zweiten Kindergartenjahr lernt das Kind eine Frustrationstoleranz aufzubauen.
Die Kinder sind nun auch fähig, aus Erfolg und Misserfolg bestimmte Konsequenzen zu ziehen (im Fachjargon Anspruchsbereitschaft genannt). Demzufolge wählen Kinder Aufgaben, die ihren Fähigkeiten entsprechen und die ihrer Einschätzung zufolge erfolgreich sein werden. Ihren Erfolg bzw. Misserfolg führen sie auf bestimmte Ursachen zurück. Manche Kinder bemühen sich mit grosser Ausdauer, Aufgaben zu bewältigen; andere wiederum sichern sich vor Misserfolgen ab, indem sie auf einem leicht erreichbaren Anspruchsniveau verharren. Die Frustrationstoleranz gegenüber Misserfolgen nimmt langsam zu.

Mit sechs Jahren verfügt das Kind über einen gut entwickelten Wortschatz (etwa 2500 Wörter). Es kann alle Laute aussprechen und in grammatikalisch richtigen Sätzen sprechen. Es kann berichten, was es im Kindergarten gespielt hat und was es morgen unternehmen wird. Und es verfügt über ein erstes Zahlenverständnis (Zählen bis etwa 10 oder 20, Rechnen bis 5) und eine ausgebildete Grafomotorik (detailgetreues Zeichnen).

Was wird der Übertritt in die 1. Klasse auslösen?

Diese Kompetenzen werden im Standortgespräch bewertet. Im ersten Halbjahr steht für die Kinder im Zentrum, die bestehenden sozialen und emotionalen Kompetenzen zu konsolidieren, Vertrauen in die Selbstkompetenz zu finden und die Beziehungen zur Klasse und zu den Erzieherinnen oder Erziehern zu vertiefen. In der Gleichaltrigengruppe Beziehungen einzugehen, in den Gruppentätigkeiten zu kooperieren und sich einfügen zu lernen, ist in dieser Zeit eine grosse Herausforderung für das Kind. Rückt der Frühling näher, wird die «Schulbereitschaft» das beherrschende Thema im Elterngespräch. Ein neuer, grosser Schritt. Und wieder wird sich Ihre Welt und die Ihres Kindes wie von selbst erweitern.
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«Erziehen heisst, Kinder in die Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu führen.»
Axel Hacke, Autor, in seinem Buch: «Der kleine Erziehungsberater»
Was bedeutet Kindererziehen heute? Axel Hacke, Autor des wunderbaren Buches «Der kleine Erziehungsberater», sagt: «Erziehen heisst, Kinder in die Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu führen.» Was für eine emotionale und intellektuelle Herausforderung! Ein Kind liebevoll zu motivieren, es dazu zu ermutigen, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen, mit neuen Aufgaben anzuregen, an denen es sich entwickeln kann. Und Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sich Ihre Tochter oder Ihr Bub emotional geborgen, erwünscht und angenommen, aber auch ermutigt, herausgefordert und angeregt fühlt.

Am Ende dieses Schuljahres werden Sie staunen, wie gross Ihr Kind geworden ist. Halten Sie den Moment fest: Er vergeht viel zu schnell.

Zur Autorin: 

Claudia Landolt ist leitende Autorin des ElternMagazins Fritz+Fränzi. Sie kann es selbst nach dem vierten Kind nicht fassen, wie schnell aus klein gross und grösser wird. Aber auch gross ist toll, das kann sie Ihnen versichern.

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