Jesper Juul: Geben Sie Ihrem Kind fünf Minuten
Kindergarten

Geben Sie Ihrem Kind fünf Minuten

Ein Kind leistet oft grundsätzlichen Widerstand gegen die Erwartung, dass es gehorchen soll. Beugen Sie Machtkämpfen und endlosen Verhandlungen vor, indem Sie ihm die Chance lassen zu kooperieren.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Nimm dir fünf, «Take five», ist ein geflügeltes Wort, das im englischsprachigen Raum ausdrückt: Nimm dir eine kurze Pause. Meine Empfehlung an Eltern und Lehr-personen: «Take five und give five» – nehmen Sie sich eine Pause und geben Sie Ihrem Kind eine Pause. Und zwar dann, wenn Sie wollen, dass es etwas tut oder aufhört, etwas zu tun, und es dabei Widerstand leistet. Geben Sie ihm fünf Sekunden, Minuten, Stunden, Tage oder sogar Wochen, um Ihr Anliegen zu überdenken, und Sie werden mit mehr Kooperation belohnt, als Sie sich je erträumt haben.

In der Zeit, als autoritäre Einstellungen und Verhaltensweisen von Erwachsenen die Regel waren, sagten Eltern Folgendes: «Räum diese Unordnung auf! Und ich meine jetzt!» – «Häng den Mantel auf, wo er hingehört … und zwar sofort!» Die Sprache, die Körperhaltung, die Stimme und der Blick verlangten absoluten und unmittelbaren Gehorsam. Auf jede Verzögerung folgten Sanktionen. Ein «gutes» Kind zu sein, basierte auf der Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen und seinen Willen Autoritäten unterzuordnen.
Wie in Unternehmen haben sich die Machtstrukturen auch in der Familie im Laufe der letzten ­Generation verändert.
Wie in Unternehmen haben sich die Machtstrukturen auch in der Familie im Laufe der letzten Generation aber verändert. Die Ziele der Erziehung sind andere geworden: Zum einen geht es heute darum, die Kindheit als einen glücklichen und kreativen Teil des Lebens zu gestalten. Zum anderen darum, ein Maximum an mentaler und psycho­sozialer Gesundheit für junge Erwachsene zu erreichen. Um dabei erfolgreich zu sein, müssen wir die Aufmerksamkeit auf die persönliche Integrität eines Kindes legen, und zwar so, dass es so viel wie möglich darüber lernen kann, wer es als Individuum ist, welches seine Bedürf­nisse, Gefühle und Grenzen sind und wie es seine menschliche sowie moralische Integrität schützen kann.

Kinder leisten Widerstand

Es gibt immer wieder Situationen im Leben, in denen wir in der Lage sein sollten, uns einer Autorität zu unterstellen. Aber wir sollten so frei wie möglich sein, diese Autorität selber auszuwählen, und es muss möglich sein, einen Dialog zwischen Disziplin und unserer eigenen inneren Stimme zu etablieren – zwischen Kooperation und Integrität. Dies war schon immer der Wunsch und das Bedürfnis der Kinder. Aber in Zeiten, in denen Autorität übermächtig war, blieb den meisten von ihnen eigentlich nur eines: ihre persönliche Integrität und Würde aufzugeben.
 
Auch heute erleben wir es noch, dass Kinder als obstruktiv, trotzig und rebellisch bezeichnet werden, wenn sie ihre persönliche Integrität zu schützen versuchen, indem sie nein zu Disziplinierungen und Befehlen sagen. Da Kinder mit wenig Erfahrung und aktivem Wissen darüber geboren werden, was in ihrem eigenen besten Interesse ist, gelten ihre Einwände weniger dem Inhalt von dem, was die Erwachsenen von ihnen wollen oder nicht wollen: Sie leisten grundsätzlichen Widerstand gegen die Erwartung, dass sie gehorchen, sowie gegen den Verlust ihrer Würde.

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