Ab in den Dreck!
Kindergarten

Ab in den Dreck!

Wir alle haben es von Kindesbeinen an gepredigt bekommen: Vitamine essen und viel frische Luft stärken unser Immunsystem. Aber was genau ist dieses ominöse Immunsystem? Wie funktioniert es? Und profitiert es tatsächlich von der täglichen Portion Grünzeug und einem Spaziergang?
Text: Claudia Füssler
Bild: Carla Kogelman
Es ist nicht zu leugnen: Wir leben in einer Welt, in der wir ständig Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten ausgesetzt sind. Viele davon können uns nichts anhaben, andere wiederum richten beträchtlichen Schaden an, wenn sie in unseren Körper gelangen und sich dort vermehren. Unser Immunsystem hat die Aufgabe, uns vor den potenziell krank machenden Keimen zu schützen. Gleichzeitig aber, und darin liegt eine besondere He­rausforderung, muss es sich selbst regulieren und in Balance halten. Und zwar so, dass die Abwehrfunktion, die gegen Eindringlinge von aussen gedacht ist, sich nicht auch gegen die eigenen Zellen richtet. Eine dritte Funktion des Immun­systems ist es, körpereigene Zellen, die alt oder bösartig verändert sind, zu eliminieren.

«Es sind sehr viele Teile in unserem Körper ständig damit beschäftigt, uns zu schützen, und zwar so, dass wir es nicht einmal mitbekommen», sagt Jana Pachlopnik Schmid, Assistenzprofessorin Pädiatrische Immunologie am Kinderspital Zürich. Dass unser Immunsystem arbeitet, bemerken wir meist dann, wenn es Probleme gibt: Eine Entzündung zum Beispiel ist ein klares Signal, dass unser Körper an der Stelle, wo diese auftritt, versucht, etwas zu bekämpfen.

Ein komplexes System

Weil unser Immunsystem aus mehreren Organen und Zellsystemen besteht, ist es hochkomplex. «Jeder Teil in der gesamten Konstruktion hat seine eigene, sehr spezielle ­Aufgabe», sagt Pachlopnik. Schleimhäute zum Beispiel binden Fremdkörper und transportieren sie ab. Im Blut kümmern sich vor allem Antikörper und weisse Blutkörperchen – darunter sogenannte Granulozyten und Lymphozyten – um die Feindabwehr.

Eine Untergruppe von Lymphozyten spielt eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Viren. «Es ist wichtig, dass jede Komponente für sich gut funktioniert, sie aber gleichzeitig auch ihre Aufgabe im grossen System wahrnimmt», sagt Pachlopnik. Eine Störung auf einer Ebene kann schnell das ganze System ins Wanken bringen.
Wenn der Nachwuchs in die Kita kommt, gehört der Schnupfen plötzlich zum Alltag. Zum Glück, denn so trainiert sich das Immunsystem.
Funktioniert eine Komponente von Geburt an nicht, sprechen Mediziner von einem angeborenen Immundefekt. Mehr als 400 verschiedene solcher Defekte gibt es. «Sie sind jedoch sehr selten», sagt Pachlopnik, «etwa eines von 10 00 Neugeborenen leidet da­ran.» Bei den allermeisten Kindern ist das Immunsystem intakt, wenn sie auf die Welt kommen. Allerdings etwas unreif. Das liegt daran, dass es über zwei verschiedene Mechanismen verfügt: die sogenannte angeborene und die sogenannte adaptive Immunabwehr. Der angeborene Teil des Immunsystems ist darauf ausgelegt, fremde Stoffe und Lebewesen schnell zu erkennen und anzugreifen. Es ist sehr effizient und reagiert schon nach wenigen Minuten. Spätestens nach einigen Stunden ist der Eindringling beseitigt. Die angeborene Immunabwehr funktioniert ein Leben lang und fängt den Hauptteil der Infektionen ganz automatisch ab. Sie ist quasi eine Lebensversicherung, ohne die wir ziemlich schnell Probleme bekommen würden.

Die trainierte Immunabwehr

Die adaptive Immunabwehr hingegen entwickelt sich erst im Laufe unseres Lebens, indem unser Immunsystem lernt. Es stuft sämtliche Keime, die irgendwie den Weg an und in unseren Körper finden, ein: Sind die ungefährlich? Oder muss hier dringend reagiert werden? Das Lernen funktioniert auf zwei Wegen: durch Impfungen und durch überstandene Infektionen. Eltern erleben das vor allem in der Phase, wenn der Nachwuchs in die Kita kommt und sich die Zahl der Keime, mit denen der Sohn oder die Tochter in Kontakt kommt, sprunghaft erhöht: Plötzlich gehört der Schnupfen zum Alltag. Zum Glück, denn so trainiert sich das Immunsystem. «Wir beobachten, dass Kinder, die früher in die Kita gehen, später in der Schule deutlich weniger Infek­tionen haben als diejenigen, die länger zu Hause behalten worden sind», sagt Pachlopnik. Besondere Hygienemassnahmen wie das Desinfizieren von Spielzeug sind unnötig. «Ein Kind mit einem gesunden Immunsystem darf und soll auch im Dreck spielen», sagt Pachlopnik. Ein junger Körper muss sich mit jedem fremden Erreger, der eintrifft, neu auseinandersetzen. Das fällt umso leichter, je bekannter ­dieser Erreger ist. «Impfungen gehören daher zu den wichtigsten Präventionsmassnahmen», sagt Volker Schuster, Leiter der Leipziger Uni-Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin. «Sie trainieren das Immunsystem des Kindes für den Fall, dass es später mit diesen Keimen in Kontakt kommt.» Die Erkrankung verläuft dann milder oder sogar ganz symptomfrei.
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Am Anfang steht der Nestschutz

Wie der Mensch entwickelt sich das Immunsystem. In den ­ersten sechs Monaten nach der Geburt profitieren wir von Antikörpern, die un­sere Mutter uns mitgegeben hat, sie erzeugen den sogenannten Nestschutz. Deren Zahl nimmt sukzessive ab, während das Immunsystem des Neugeborenen die eigene Produktion von Antikörpern hochfährt und mit dem Lernen beginnt.

«Im höheren Alter erschöpft sich dieser Mechanismus langsam», erklärt Schuster. «Das bedeutet, dass wir in Bereichen, in denen wir bisher geschützt waren, plötzlich wieder anfälliger werden und Infektionen gehäufter auftreten können.»

Diese Ermüdung ist auch ein Grund dafür, weshalb Krebs häufiger im Alter auftritt: Das Immunsystem ist weniger fit, es fällt ihm immer schwerer, alle bösartigen Zellen ausfindig zu machen und zu zerstören. Deswegen denken Mediziner beispielsweise darüber nach, ältere Menschen nachzuimpfen und Impfungen, die sie im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter erhalten haben, noch einmal aufzufrischen.
Hygienemassnahmen wie das Desinfizieren von Spielzeug sind unnötig. «Ein Kind darf und soll auch im Dreck spielen», sagt die Immunologin Jana Pachlopnik.
Ein gesundes Immunsystem muss in Balance sein, um zu funktionieren. Dieses ständige Austarieren aller Beteiligten ist diffizil und macht es empfänglich für Veränderungen von aussen. Was klug ist, denn nur so kann es schnell genug auf seine Umgebung reagieren.
 
«Wer sein Immunsystem stärken möchte, sollte das daher behutsam und mit gesundem Menschenverstand tun, immer in dem Bewusstsein, dass man da in ein Netzwerk eingreift, das nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden sollte», sagt Pachlopnik. 

Eine ausgewogene Ernährung, ­ausreichend Schlaf

Innerhalb dieser Grenzen lässt sich dem Immunsystem durchaus Gutes tun. Das Wichtigste ist ein geregelter Lebensstil. «Das Immunsystem arbeitet zyklisch, und je regelmässiger dieser Zyklus ist, umso besser kann es funktionieren», erklärt Pachlopnik. Ganz besonders wichtig, auch für Schulkinder, ist daher ein fester Schlafrhythmus. Eine ausgewogene Ernährung ist nötig, damit das Immunsystem auf sämtliche Nährstoffe zurückgreifen kann, die es für die unterschiedlichen Prozesse braucht. Impfungen schützen vor potenziell lebensbedrohlichen Erkrankungen und viel Bewegung an der frischen Luft sorgt dafür, dass der Körper das für das Immunsystem wichtige Vitamin D produzieren kann.

Besonders für Jugendliche gilt: Rauchen, Alkohol und Drogen schwächen das Immunsystem. Es muss sich darum kümmern, die ­aufgenommenen Giftstoffe zu beseitigen und kann so seiner eigentlichen Aufgabe nicht nachkommen. «Ausserdem können die Gifte Zellen der Schleimhaut zerstören und eine überschiessende Entzündung hervorrufen, während sie gleichzeitig die Abwehr von Viren durch weisse Blutkörperchen behindern», sagt Pachlopnik. Die gute Nachricht: Weil unser Immunsystem so flexibel ist, erholt es sich auch dann, wenn wir es eine Weile eher stiefmütterlich behandeln.

Ist das noch normal?

Bei Ihrem Kind jagt gefühlt ein Infekt den nächsten und Sie fragen sich: Wie viel Kranksein ist noch normal? Ab wann muss ich mir ­Sorgen machen? Mediziner orientieren sich an bestimmten Normwerten, um einschätzen zu können, wie es um das Immunsystem eines Kindes bestellt ist. So gelten bis zur 1. Klasse zehn bis zwölf Infekte der Atemwege pro Jahr als «normal». Zum Vergleich: Bei Erwachsenen sind es vier. Hinweise auf eine zu starke Infektanfälligkeit, die einen Defekt im Immunsystem zur Ursache haben könnte, können sein: mehr als zwei Lungenentzündungen pro Jahr, mehr als acht Mittelohrentzündungen pro Jahr oder mehr als zwei schwere Nasennebenhöhlenentzündungen pro Jahr. Sollten Sie das Gefühl haben, Ihr Kind sei ständig krank, sprechen Sie darüber mit Ihrem Kinderarzt. Er wird Ihnen helfen, das einzuordnen und abzuklären.

<div><strong>Claudia Füssler</strong> hat ein grundsätzlich freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Immunsystem. Das liegt vermutlich daran, dass sie brav einen Gang runterschaltet, wenn sich eine Erkältung ankündigt. Uneinig ist sie sich mit ihrem Immunsystem hingegen darüber, wie viel Schlaf ausreichend ist. Die Diskussion dauert an.</div>
Claudia Füssler hat ein grundsätzlich freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Immunsystem. Das liegt vermutlich daran, dass sie brav einen Gang runterschaltet, wenn sich eine Erkältung ankündigt. Uneinig ist sie sich mit ihrem Immunsystem hingegen darüber, wie viel Schlaf ausreichend ist. Die Diskussion dauert an.

Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 1. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Gut eingelebt» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der ersten Klasse.  Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 1. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Gut eingelebt» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der ersten Klasse.  Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!

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