Ab in den Dreck!
Kindergarten

Ab in den Dreck!

Wird das kindliche Immunsystem durch Erde, Dreck und Spielplatzsand wirklich gestärkt? Sind Bauernhofkinder gesünder? Unsere Autorin liess sich durch ihre vier Waldkinder von der abhärtenden Wirkung der Mikrobenvielfalt von Mutter Natur überzeugen.
Text: Claudia Landolt
Bild: Carla Kogelman
Genüsslich tunkte mein Sohn seinen Zvieri-Apfel in die lehmige Brühe, die er zusammen mit seinem ­Bruder bei uns im Garten zusammenrührte. «Wir brauen einen Zaubertrank» nannten sie dieses Spiel. Und so fand alles, was den Kindern in die Hände kam, seinen Weg in das Eimerchen: Sand vom Sandkasten, Erde aus dem Garten, Kompost, Blumen, alles schön angereichert mit abgestandenem Wasser aus umliegenden Pfützen. Jeden Tag wurde der Brühe etwas Neues hinzugefügt, und wir schauten, was passierte.

Eines Tages begann sie widerlich zu stinken – so widerlich, dass ich mit einer Nasenklemme die Brühe in einem Loch im Garten entsorgte. Mein ältester Sohn liess sich von den Geruchsemissionen nicht abschrecken. Als auf dem Nachbargrundstück gebaut wurde, stapfte er mit seinen Gummistiefeln täglich vorbei in der Hoffnung, es gäbe die Möglichkeit, sich ein kleines Schlammbad zu gönnen. Vergnüglich wälzte er sich darin, ein vor Wonne quiekendes Schweinchen. Manchmal konnte ich gar nicht hinsehen, so sehr bekam ich vom Gedanken an den panierten Apfel oder an das schmutzige Wasser Bauchweh.
Doch meine Söhne waren (und sind) tatsächlich selten krank. Sie besuchten die Waldspiel- und die Bauernhofspielgruppe, anschlies­send teilweise den Waldkindergarten. Tagaus, tagein liefen sie mit vor Dreck starren Matschhosen glücklich in den Wald und glücklich wieder heraus. Das half mir als ausgeprägtem Stadtkind, einen relativ entspannten Umgang mit dem Thema Dreck zu finden.
 
Erst seit ungefähr 100 Jahren ist Sauberkeit Teil unserer Kultur. Vor dem 19. Jahrhundert war es selbst in der Oberschicht nicht üblich, regelmässig zu baden, sich die Zähne zu putzen oder Seife zu benutzen. Es war die im amerikanischen Bürgerkrieg gegründete Organisation Sanitary Commission, die als eine Art Hygienepolizei das Säubern von Kranken sowie deren Zimmern und Bettzeug propagierte, damit Infektionskrankheiten sich nicht ausbreiten konnten.

Sind wir sauberkeitsbesessen?

Erst im 19. Jahrhundert wurde entdeckt, dass Krankheiten sich über Keime und Viren ausbreiten. ­«Unsere derzeitigen Sauberkeitspraktiken sind mehr zu einer kulturellen Konstruktion geworden und basieren auf der Idee, dass es umso besser für einen ist, je sauberer man ist», sagt der kanadische Mikrobiologe und Autor Brett Finlay.

Der 60-Jährige berichtet in ­seinem Buch «Dreck ist gesund. Warum zu viel Hygiene Ihrem Kind schadet», wie er sich als kleiner Schuljunge in Edmonton jeden Morgen nach dem Schulgebet vor den Lehrer hinstellen und seine Fingernägel herzeigen musste. Befand sich Dreck unter den Fingernägeln, bekam er einen harten Schlag auf die Finger und wurde mit einer Nagelbürste ins Bad geschickt. Erst als alles sauber war, durfte er wiederkommen. Eine typische Geschichte für die damalige Zeit.

Hand aufs Herz, schliessen wir nicht heute noch von der Sauberkeit eines Kindes darauf, wie gut es von den Eltern umsorgt wird? Und gehört es nicht zum Kanon gepflegter Elternschaft, seine Kinder sauber zu halten? Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um das Thema Hygiene und Gesundheit:

Spielen Kinder wirklich viel seltener draussen als früher?

Tatsächlich sind die Zahlen entmutigend: Kinder sind heute im Vergleich zu vor 20 Jahren nur noch halb so oft draussen. Kinder in EU-Ländern im Alter zwischen 8 und 18 Jahren verbringen heute durchschnittlich 7 Stunden und 38 Minuten mit Unterhaltungsmedien oder vor dem Bildschirm, schreibt Brett Finlay. Nur 6 Prozent der 7- bis 13-Jährigen gingen, so Finlay, von sich aus nach draussen.

«Wir übertreiben es mit der Sauberkeit», sagt Finlay. Es fehle in der frühen Kindheit oft der Kontakt zu Mikroben und Pilzen, die unser Immunsystem anregen und regulieren. Experten wie die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm machen die übertriebene Fürsorge und das Sicherheitsbedürfnis der Eltern dafür verantwortlich, dass Kinder heute weniger draussen spielen als frühere Generationen. Vielleicht ist ein Grund aber auch die Sorge vieler Eltern, ihr Kind könnte sich draussen mit Bakterien und Viren anstecken.

Es sei für Eltern heute nicht leicht, zu unterschieden, was einfach nur Dreck sei und was eine gesundheitliche Bedrohung, räumt Finlay ein. «In Dreck kann vieles stecken: Gutes und Schlechtes muss man hier unterscheiden. Es gibt harmlose Bakterien, die vom Körper wahrgenommen werden, aber zu keiner Krankheit führen. Und dann gibt es Bakterien und Viren, die zu Krankheiten führen können, zum Teil auch zu gefährlichen.»

Wie ist es mit Viren im Wald?

Wenn Kinder im Freien herumstreifen, besteht praktisch kein Risiko, sich mit krank machenden Mikroben anzustecken. Lassen Sie Ihr Kind alles anfassen, was es möchte (mit Ausnahme tierischer Hinterlassenschaften). Widerstehen Sie dem Drang, es sofort sauber zu machen. Das hat Zeit, bis Sie zu Hause sind oder es Essen gibt.
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Lassen Sie Ihr Kind ­draussen alles anfassen, was es will. Widerstehen Sie dem Drang, es sofort sauber zu machen.
«Unsere Kinder sind im Vergleich zu früheren Generationen so wenig draussen, dass wir sie regelrecht ermuntern sollten, sich in ­dieser Zeit richtig schmutzig zu machen.» Finlay rät, beim nächsten Spaziergang eine Schaufel und einen Eimer mitzunehmen und daraus leckere Matschkuchen oder nette Schlammpackungen fürs Gesicht zu machen. Und er bittet um Gelassenheit, wenn ein bisschen Dreck in den Kindermund gelangen sollte: «Er ist längst nicht so schmackhaft, dass es zur Gewohnheit werden könnte.»

Wie oft sollten Kinder sich die Hände waschen?

Händewaschen ist ohne Zweifel die beste Hygienemassnahme, um zu verhindern, dass wir uns mit ansteckenden Krankheiten infizieren oder diese verbreiten. Dennoch braucht ein Kind sich nicht dauernd die ­Hände zu waschen, zum Beispiel, wenn es draussen gespielt hat. Sinnvoll sei dies vor dem Essen, nach dem Toilettengang und nach Kontakt mit kranken Menschen, so Finlay. Oder wenn das Kind selbst krank ist und andere Menschen berührt. Gleiches gilt nach dem Berühren von Müll, tierischen Abfällen auf dem Bauernhof oder rohen Lebensmitteln.

Ist es schlimm, wenn mein Kind im Bus seine Nase ans Fenster drückt?

Nein. Wären wir derart leicht anzustecken, wäre die Menschheit bereits ausgestorben, sagt Finlay. Allerdings empfiehlt er Eltern, ihrem Nachwuchs beizubringen, Oberflächen nicht abzulecken.

Ist eine gesunde Ernährung für die Virenabwehr wichtig?

Es gibt keinen besseren Weg, für eine gesunde Darmflora, ein gesundes sogenanntes Mikrobiom zu sorgen, als durch gute Ernährung. «Wahrscheinlich ist eine gesunde Ernährung, die reich an Ballaststoffen und Gemüse ist, sogar noch wichtiger als der Vorsatz, es mit den Hygienemassnahmen bei Kindern nicht zu übertreiben», sagt Finlay.

Kinder kommen draussen und beim Spielen mit anderen Kindern mit einer Vielfalt von Mikroben in Kontakt. Wenn diese Bakterien nicht mit geeigneten Stoffen gefüttert werden, gedeihen sie im Darm des Kindes nicht. Das aber ist wichtig für die Vielfalt von Darmbakterien. Diese Mikroorganismen helfen nicht nur beim Verdauen der Nahrung, sondern halten auch Krankheitserreger in Schach und kämpfen gegen Giftstoffe. Diese Mikroorganismen sitzen weiter unten im Dickdarm. Fetthaltige und raffinierte Kohlenhydrate werden aber im oberen Verdauungstrakt verdaut und absorbiert, was zur ­Folge hat, dass es die Nährstoffe nicht nach unten im Darm schaffen und die Mikroben unweigerlich verhungern. Die Mikrobenvielfalt nimmt ab.

Das Mikrobiom

Die meisten Mikroorganismen leben im Darm und unterstützen den Körper beim Zersetzen der Nahrung. Früher nannte man sie Darmflora, weil man sie zur Familie der Pflanzen zählte. Heute nennt man die Darmbakterien Mikrobiom – das bedeutet kleinste Lebewesen.

Der Begriff Mikrobiom umfasst auch Viren und Pilze. Jürg Hans Beer, Direktor und Chefarzt am Departement Innere Medizin des Kantonsspitals Baden, forscht zum Thema Mikrobiom. Er sagt: «Wir kennen schon viele Zusammenhänge, beispielsweise bei der Ernährung: Die in Joghurt enthaltenen Laktobazillen tun dem ­Mikrobiom gut. Dagegen produzieren gewisse Bakterien bei der Verdauung von rotem Fleisch einen Stoff, der das Risiko für Herzkrankheiten und Thrombosen erhöhen kann.»

Die Entwicklung der Darmflora oder des Mikrobioms

Die Darmflora von Kleinkindern entwickelt sich innerhalb der ersten 30 Lebensmonate zu einer ­stabilen Bakteriengemeinschaft. Im Alter von ­zweieinhalb Jahren hätten Kinder ein langfristig ­stabiles Mikrobiom, berichtet ein Forscherteam in der ­Zeitschrift «Nature». «Wir wissen, dass die ersten Lebensjahre wichtig für die Etablierung des ­Mikrobioms sind», sagt Projektleiter Joseph Petrosino vom Baylor College of Medicine in Houston (USA). «Man wird mit sehr wenigen Mikroben geboren, und in diesen ersten Jahren sammeln sich Mikroben­gemeinschaften in und auf dem Körper an.» 

Die Besiedelung des Verdauungstrakts durchläuft drei Phasen: eine Entwicklungsphase bis zum Alter von 14 Monaten, eine Übergangsphase im Alter von 15 bis 30 Monaten und eine stabile Phase ab 31 Monaten. Bei den Kindern, die durch natürliche ­Entbindung und nicht per Kaiserschnitt zur Welt kamen, fanden die Forscher tendenziell vermehrt ­Bakterien aus der Gattung der Bacteroides. Jene Babys, die diese Gruppe vermehrt aufwiesen, trugen besonders früh eine hohe Keimvielfalt. Dieser ­Mikrobenreichtum gilt generell als günstig. Die genauen Folgen für die weitere Entwicklung sind allerdings noch nicht geklärt. Zudem gingen ­Bacteroides mit einer besonders raschen Reifung des Mikrobioms einher.

<div><strong>Claudia Landolt </strong>kam als Stadtkind mit Dreck kaum in Kontakt. Anders ihre Jungs: Kaum konnten sie ich fortbewegen, stopften sie sich ­schaufelweise Erde und Sand in den Mund.</div>
Claudia Landolt kam als Stadtkind mit Dreck kaum in Kontakt. Anders ihre Jungs: Kaum konnten sie ich fortbewegen, stopften sie sich ­schaufelweise Erde und Sand in den Mund.

Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 1. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Endlich Chindsgi» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der ersten Klasse.  Leider ist dieses Heft aktuell vergriffen, jedoch erscheinen die Spezialhefte jeden Frühling und Herbst neu. Die Magazine sind einzeln bestellbar und werden von der Stiftung Elternsein allen Kindergärten in der Deutschschweiz kostenlos zur Verfügung gestellt. 
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 1. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Endlich Chindsgi» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der ersten Klasse.  Leider ist dieses Heft aktuell vergriffen, jedoch erscheinen die Spezialhefte jeden Frühling und Herbst neu. Die Magazine sind einzeln bestellbar und werden von der Stiftung Elternsein allen Kindergärten in der Deutschschweiz kostenlos zur Verfügung gestellt. 

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