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Kindergarten

Probleme und Streitereien am Esstisch?

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul über Streitereien am Tisch, die Frage, was Eltern tun können, wenn das Kind «nichts isst» – und warum es ratsam ist, den Nachwuchs bei der Lösung eines Konflikts miteinzubeziehen.
Text aus: Jesper Juul: Essen kommen. Familientisch – Familienglück,
Beltz 2017. Mit freundlicher Genehmigung von www.familylab.ch
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Wenn Kinder «wählerisch» sind, also nur sehr wenige Gerichte essen mögen, dann ist dieses Verhalten nicht angeboren. Es sind immer die Eltern, die durch ihr bewusstes oder unbewusstes Handeln ihr Kind beeinflussen. Was aber bedeutet wählerisch? Ist ein Kind wählerisch, weil ihm zehn Gerichte nicht schmecken? Oder wenn es 30 bis 40 Speisen nicht isst? Ich kenne die genaue Definition nicht. Eltern, die Angst haben, ihr Kind könnte wählerisch werden, oder der Meinung sind, dass es bereits der Fall ist, sind aber gut beraten, sich klar darüber zu werden, was sie mit dem Wort eigentlich meinen.

Der Ausdruck «wählerisch» ist einer von vielen negativ besetzten Begriffen, die wir im Zusammenhang mit Kindern verwenden. Ihnen gemeinsam ist, dass sie aus einer Zeit stammen, als Erwachsene das Verhalten von Kindern automatisch negativ interpretierten, weil sie nicht unmittelbar einen Sinn dahinter entdecken konnten.

Ein Kind, das ein gleichwürdiges Interesse an seinen Geschmackserlebnissen spürt, wird weitaus mehr dazu neigen, einem bestimmten Gericht beim nächsten Mal eine neue Chance zu geben, wenn es auf dem Tisch steht. Ein Beispiel: «Der Reis ist heute gelb, weil ich Curry hineingegeben habe. So hast du ihn noch nie probiert. Was meinst du?» Dagegen wird das Kind, das die Besorgnis, die Überredungsversuche, das Beharren und andere Formen der Manipulation der Eltern wahrnimmt, mit dem schlechten Geschmack über das ganze Erlebnis im Mund alleingelassen.

Persönliche Erlebnisse prägen die Ernährung

Das Geschmacksrepertoire von Kindern entfaltet und entwickelt sich in den ersten sechs bis sieben Lebensjahren. In diese Zeit fallen die persönlichen Erlebnisse, die ihre Ernährung für den Rest des Lebens regulieren werden. Ab dem Schulalter treten lange Phasen auf, in denen sie keinen gesteigerten Wert auf diese Erlebnisse legen, sondern das essen, was ihre Altersgruppe nun einmal isst.

Erst wenn sie erwachsen sind, beginnen sie von Neuem, individueller zu handeln und an die Erfahrungen und Erlebnisse der ersten Jahre anzuknüpfen. Kochen Sie deshalb weiterhin ganz beruhigt aus guten Zutaten gutes Essen, das den übrigen Familienmitgliedern gut schmeckt. Und: Der tiefere Sinn besteht nicht darin, dass alle Familien mit Kindern ein À-la-carte-Restaurant eröffnen, sondern dass sich alle Mitglieder in der Familie am Tisch gleichermassen willkommen und wertgeschätzt fühlen.

Dauernde Sorge ist schädlich

Mit der Behauptung, «ihr Kind esse nichts», meinen Eltern zum Glück meistens «fast nichts» und nicht allzu selten «sehr viel weniger, als es unserer Meinung nach essen sollte». Entscheidend ist nicht, wie viel das einzelne Kind isst, sondern ob es wächst, sich normal entwickelt und wie viel Lust es auf das Leben hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Eltern, die sich sehr viele Gedanken darum machen, dass ihr Kind «nichts» isst, eine schlechte Ausgangsposition haben. Damit meine ich, dass sie aus unterschiedlichen Gründen die Hauptaspekte ihrer Energie, Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe darauf konzentriert haben, dass ihr Kind genug zu essen bekommt. Nicht einfach nur genug, sondern das «Richtige» und davon gern reichlich.

Eltern haben gute Gründe für ihr Verhalten, müssen aber damit so schnell wie möglich aufhören. Nicht nur mit Blick auf die physische Ernährung des Kindes, sondern vor allem, weil die ständige Sorge sich schädlich auf das Selbstwertgefühl und die Lebensenergie des Kindes auswirkt. Folglich besteht bei der unbegründeten Sorge der Eltern die Gefahr, dass es sich zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung auswächst. Kinder zweifeln an ihrem eigenen Wert als Menschen. Nicht weil die Liebe eine falsche Form angenommen hat, sondern weil Kinder absolutes Vertrauen zu ihren Eltern haben. Deshalb kommen sie immer zum Schluss, sie müssten den Fehler bei sich suchen, sobald etwas nicht stimmt.
Der Appetit aller Kinder schwankt von Zeit und Zeit.
Hinzu kommt: Der Appetit aller Kinder schwankt von Zeit und Zeit. Es gibt Phasen, in denen ihr Organismus viel Nahrung braucht, und andere, in denen er mit weniger auskommt. Normale, muntere und gesunde Kinder können leicht bei vielen Mahlzeiten hintereinander vergessen, ihren Teller leer zu essen, wenn sie mit Spielen, ihren Freunden oder Hausaufgaben beschäftigt sind. Bieten Sie ihnen zwischendurch etwas zu essen an, aber vermeiden Sie Ermahnungen und schlafen Sie ruhig. Die Kinder werden daran nicht sterben.
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