Chindsgi oder Kindergarten?  Die Mundart bringt keinen Nachteil
Kindergarten

Chindsgi oder Kindergarten?  Die Mundart bringt keinen Nachteil

Sollen Kindergartenkinder im Dialekt oder in Hochdeutsch unterrichtet ­werden? Das ist eine Frage, die in der Schweiz oft zu hitzigen Diskussionen führt. Jetzt hat eine Studie gezeigt, dass der Dialekt keinen negativen Einfluss auf den Erwerb der Schriftsprache hat.
Text: Claudia Landolt
Bilder: Kyla Ewert
Mundart ist mehr als nur eine sprachliche Kunstform, sie ist ein Lebensgefühl. Und immer ein hoch emotionales Thema. Das zeigte sich zuletzt bei der Volksinitiative «Ja zu Mundart im Kindergarten», über die in mehreren Kantonen abgestimmt wurde. Während Zürich 2011 und der Kanton Aargau 2014 die Initiative annahmen, wurde sie 2016 im Kanton Zug verworfen.

Das Ja im Aargau hatte Folgen: Seit Inkrafttreten der Regelung im Schuljahr 2016/17 verwendet die Kindergartenlehrperson wieder Begriffe wie «Hitzgi», «Znüni» und «Finkli». Auf Hochdeutsch sind nur noch kurze Unterrichtssequenzen wie Vorlesen oder Singen erlaubt.
Gestritten wird meist darüber, ob fremdsprachige Kinder zu wenig gefördert würden, wenn nur Mundart gesprochen wird.
Eine Studie fördert nun Erstaunliches zutage: Lehrpersonen, die mit den Kindern nur Mundart sprechen, beeinflussen das Erlernen der (hochdeutschen) Schriftsprache weder positiv noch negativ.

Zusammen mit der Hochschule für Logopädie Rorschach und den Pädagogischen Hochschulen Graubünden, Weingarten (Deutschland) und Vorarlberg (Österreich) erforschte die Pädagogische Hochschule St. Gallen drei Jahre lang, welche Auswirkungen Dialekt und Hochdeutsch als Unterrichtssprachen auf die Sprachentwicklung von Kindern haben.

200 Fachpersonen und 849 Kinder in 117 Kindergärten machten bei «Sprikids» mit. In der Schweiz waren Kindergärten aus Zürich, St. allen, Graubünden und dem Aargau beteiligt. Im Kanton Zürich wird in Kindergärten seit 2011 nur noch Dialekt gesprochen. Im Kanton St. allen gibt es keine Vorgabe und in Graubünden wird ein ausgewogenes Verhältnis empfohlen.

Kaum Fortschritte beim Schreiben im Kindergarten

Die Studie zeigt, dass die Wahl der Sprache im Kindergarten keinen Einfluss auf die Schreibentwicklung hat», sagt Franziska Vogt, Leiterin des Instituts Lehr- und Lernforschung der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Wichtig für die sprachliche Entwicklung sei die Art und Weise, wie die Kinder die Zweisprachigkeit im Kindergarten erleben.

Die Kinder machten für die «Sprikids»-Studie zweimal im Kindergarten und einmal im Frühling der 1. Klasse einen Schreib- und einen Sprachtest: Sie mussten einerseits zu Bildern das richtige Wort hinschreiben und machten andererseits einen Test, bei dem sie Laute hören, Reime erkennen und Silben klatschen mussten.

Beim Schreibtest zeigte sich, dass im Kindergarten bereits 36 Prozent der Kinder, respektive beim zweiten Test am Ende der Kindergartenzeit 38 Prozent, einzelne oder mehrere Laute der in Bildern dargestellten Wörter richtig verschriften können. Am Ende der ersten Klasse sind 82 rozent der Kinder in der Lage, die Laute der Wörter annähernd oder vollständig korrekt zu schreiben. Der Sprachtest deckte sich weitgehend mit dem Schreibtest: Jene Kinder, die Mühe mit dem Erkennen von Lauten hatten, schnitten auch beim Schreibtest schlechter ab.
Das Testergebnis veränderte sich nicht, wenn man jene Kinder separat betrachtete, deren Lehrpersonen nur Dialekt gesprochen hatten. «Wir konnten keinen statistisch bedeutsamen Einfluss der Sprachverwendung von Dialekt oder Hochdeutsch auf den Erwerb der Schriftsprache feststellen», sagt Franziska Vogt.

Studienleiterin Vogt macht auf eine Besonderheit der Befragung aufmerksam: Von den 849 Kindern wurden nur 120 ausschliesslich in Hochdeutsch unterrichtet. «Dies ist eine zu kleine Zahl, um abschätzen zu können, welchen Einfluss der ausschliessliche Gebrauch von Hochdeutsch haben könnte», so Vogt.
 
Dass Kindergartenlehrpersonen ausschliesslich Hochdeutsch sprechen, ist in der Schweiz ohnehin nicht die Regel. Gestritten wird meist darüber, ob fremdsprachige Kinder nicht genug gefördert würden, wenn nur Mundart gesprochen wird.

Dazu haben die Forscherinnen eine klare Meinung: «Es ergibt keinen Sinn, im Unterricht Dialekt zu sprechen, aber ein fremdsprachiges Kind Hochdeutsch anzusprechen», sagt Vogt. «Kurze Wechsel sind für ­Kinder mit Deutsch als Zweitsprache nicht nachvollziehbar.»
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