Bewegung: Kind läuft mit Mutter über Baumstamm
Kindergarten

«Herr Holtz, bewegen sich unsere Kinder heute zu wenig?»

Stimmt es, dass Kinder heute keine Purzelbäume mehr schlagen können? Bewegen sie sich zu wenig? Haben wir Grund zur Sorge? Oberarzt und Praxispädiater Sepp Holtz klärt auf. 
Interview: Claudia Landolt
Bild: Pixels

Herr Holtz, macht Bewegung klug?

Grundsätzlich kann man sagen, dass Bewegung die Durchblutung anregt. Der Wachheitsgrad bei Kindern, die sich bewegen, ist höher. Empirische Daten gibt es aber nur wenige. Wir stellen einen leichten Zusammen­hang fest: Ein kleiner Teil der Ko­gnition, rund zehn Prozent, lässt sich mit Bewegung und Motorik erklä­ren. Auch spielt die Individualität eine grosse Rolle. Es gibt Kinder, die sich viel bewegen müssen, andere weniger.

Es heisst, Kinder würden sich ab Schuleintritt immer weniger bewegen. Stimmt das?

Nein. Die Forschung zeigt etwas anderes: Kinder zwischen acht und neun Jahren haben das grösste Bewe­gungsbedürfnis. Deshalb fällt ihnen das Sitzen während 45 Minuten in der Schule oft sehr schwer.
Zur Person:  Sepp Holtz ist klinischer Dozent für Pädiatrie an der Universtität Zürich und Praxispädiater. Zusammen mit seiner Tochter Noa betreibt er den Podcast «Familienbande», welcher Eltern die Möglichkeit bietet, sich von Experten Rat bei Fragen rund um den Nachwuchs zu holen. www.kispi.uzh.ch › Familienbande.  (Bild: pluspunkt-zentrum.ch)
Zur Person:
Sepp Holtz ist klinischer Dozent für Pädiatrie an der Universtität Zürich und Praxispädiater. Zusammen mit seiner Tochter Noa betreibt er den Podcast «Familienbande», welcher Eltern die Möglichkeit bietet, sich von Experten Rat bei Fragen rund um den Nachwuchs zu holen. www.kispi.uzh.ch › Familienbande.
(Bild: pluspunkt-zentrum.ch)

Was ist mit Purzelbaum, Hampelmann und Co.? Haben tatsächlich immer mehr Kinder damit Probleme?

Das ist nicht bewiesen. Dieser Ein­druck stimmt nicht mit unseren Daten überein.

Lassen sich Koordination und Gleichgewicht trainieren?

Jein. Was ich Eltern jeweils sage: Wenn ich noch nie über einen Baumstamm balanciert bin, mache ich es beim ersten Mal nicht sehr gut. Wenn ich es aber nochmals mache, geht es besser, aber immer noch nicht extrem gut. Man kann es üben, aber nur innerhalb des biologischen Potenzials. Motorik hat ihr eigenes Programm. Ob ein Kind also den Purzelbaum kann, hat mit seinem eigenen inneren Programm zu tun. Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo sagte: Kein Kind lernt krie­chen, weil man ihm vorkriecht. Hin­zu kommt: Die Variabilität ist riesig. Es gibt keine saubere Grenze, ab wann ein Kind was genau motorisch leisten muss.
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Gestatten Sie mir ein Beispiel: Ein Kind turnt nicht gern, wird im Turnen als Letztes gewählt. Ist das Grund zur Sorge?

Man kann auch ohne Motorik gut durchs Leben kommen. Kinder ent­wickeln da erstaunliche Strategien. Diese gilt es zu erfragen. Ein Anhalts­punkt ist etwa das Verhalten des Kindes im Kindergarten oder auf dem Pausenplatz. Was macht das Kind in der Pause? Spielt es mit anderen Kindern? Mit den Mädchen oder mit den Buben?

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich erinnere mich an einen Jungen, der sich in der Pause hinter einem Busch versteckte und dort sein Znü­ni ass. Er wagte es nicht, mit den anderen auf dem Pausenplatz zu spielen, weil er wusste, dass er nicht mithalten konnte. Damit verpasste er nicht nur soziale Kontakte, sondern konnte auch sein motorisches Potenzial weder üben noch aus­schöpfen. Dieses Kind brauchte also unsere Unterstützung. Die Frage aber ist: Wie sehr definiert sich ein Kind über den Sport? Hat es andere Begabungen oder Stärken? Eltern sollten dann diese betonen. Viel­leicht wird das Kind zwar im Turnen als Letztes gewählt, ist aber im Rechnen spitze. Dann ist das nicht so schlimm. Nicht alle Kinder definie­ren sich über den Sport.

Was raten Sie den Eltern?

Die Kinder bei ihren Stärken abho­len und die Schwächen ihrer Kinder akzeptieren, statt diese beheben zu wollen. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass ein Kind, das in anderen Berei­chen als zum Beispiel dem Turnen positive Erlebnisse hat, sich auch dort mehr zutraut – also da mutig ist, wo es vielleicht noch nicht ganz so gut ist.

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