Familienleben

Wie helfe ich meinem Kind in einer Trauersituation?

Kinder gehen mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen anders um als Erwachsene. Wie Eltern einem trauernden Kind beistehen und ihm helfen können.
Text: Claudia Füssler
Bilder: Harry + Lady / Plainpicture und iStock 
Es ist eine Banalität, und doch muss sie wieder und wieder ausgespro­chen werden: Sterben ist normal. Es gehört zum Leben dazu wie Krankheit und Geburt, wie überschäumendes Glück und tiefe Verzweiflung, wie leichte Sommertage und schwere Novemberabende. Menschen ster­ben, weil sie alt sind oder krank, weil sie einen Unfall haben oder weil sie nicht mehr leben möchten.

Wenn jemand stirbt, ist das trau­rig und oft sehr schmerzhaft. Doch das ist nicht das Problem. Das Pro­blem ist vielmehr, wie wir damit umgehen: Die Trauer um einen Ver­storbenen ist nicht mehr gesell­schaftsfähig. Diese Emotion ist so negativ besetzt wie nie zuvor. Sie darf nicht sein, und wenn doch, dann bitte wirklich nur kurz. Unsere Leistungsgesellschaft verlangt nach fröhlichen Gesichtern und arbeits­fähigen Menschen. Wir tragen am Tag der Beerdigung grosse Sonnen­brillen und sagen zu uns selbst: zusammenreissen.

Ist Trauer heutzutage verboten?

Doch indem eines der wichtigsten Gefühle, zu dem wir fähig sind, der­art stigmatisiert wird, legen wir den Grundstein für zahlreiche psychi­sche und physische Krankheiten: Schlafstörungen, Depressionen, Suchtverhalten. Die Trauer lässt sich nämlich nicht verbieten, sie sucht sich ihren Weg. Der Preis, den eine Gesellschaft dafür zahlt, ist hoch: «Hätten die Erwachsenen von heute als Kinder mehr Raum gehabt,  um ihre Trauer zu leben, hätten wir heute deutlich weniger mit schwierigen Trauerprozessen und ihren Folgen zu tun», sagt die Berner Trauer- und Sterbebegleiterin Christine Leicht.
Wir haben verlernt zu trauern: die Trauer anzunehmen und zu durchleben.
Wir haben verlernt zu trauern: die Trauer anzunehmen und zu durchleben.
Den gesunden Umgang mit Trauer und Tod lernen wir bereits als Kind. Oder besser: Wir lernten es. Bis ins Zeitalter der Industrialisierung hinein wurde auch bei uns zu Hause gestorben. Kein Kind wurde nach draussen geschickt, damit es den Sterbenden nicht sieht. Der Verstorbene wurde tagelang aufgebahrt, Freunde, Nachbarn und Familie kamen, um sich zu verabschieden, sie brachten Essen, erinnerten sich gemeinsam. 

«Geburt, Krankheit und Tod waren völlig natürliche Vorgänge, an denen die komplette Familie und Verwandtschaft teilgenommen haben», erzählt Christine Leicht. «Erst als die Grossfamilien zerfallen sind, die Grosseltern anderswo lebten, Tanten und Onkel weit entfernt arbeiteten und keiner mehr Zeit hatte, wurde all das ausgelagert.»
Durch altersgemässes Begreifen kann ein Kind seine Gefühle rund um das Verlusterlebnis ausdrücken.
Kranke kommen heute ins Spital, Alte ins Pflegeheim und Sterbende auf die Palliativstation. Weil Kinder den Tod nicht mehr als Teil des Lebens erfahren, brauchen sie umso mehr Unterstützung dabei, ihn begreifen zu können. Nur durch das altersgemässe Begreifen und Verstehen kann ein Kind seine Gefühle rund um dieses Verlusterlebnis ausdrücken.

Vor allem, sagt Christine Leicht, brauchen sie auch die Erlaubnis für diese Gefühle. Stirbt ein Elternteil, ein Bruder oder eine Schwester, sind die Eltern oder der überlebende Elternteil nur schwer in der Lage, neben der eigenen Trauer und Aufrechterhaltung des Alltags ihr Kind in seinem individuellen Trauerprozess genügend zu unterstützen.
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Auch Lehrpersonen sollen Verantwortung übernehmen

Göttis, Grosseltern, Menschen aus dem sozialen Umfeld sollten miteinbezogen werden. «Hier müssen auch Schulen, Kindergärten, Kitas und andere Betreuungsinstitutionen Verantwortung übernehmen lernen und nicht einfach sagen, dies sei Privatsache», sagt Leicht. Fachkräfte aus Pädagogik und Betreuung sollten sich entsprechend weiterbilden lassen. «Tod und Trauer sind in den vergangenen 100 Jahren ein solch grosses Tabu geworden, dass es vielen Menschen Angst macht. Es wird Zeit, das anzugehen», sagt Leicht.

Dass es sich bei trauernden Kindern und Jugendlichen nicht um ein Randphänomen handelt, zeigen zahlreiche aktuelle Untersuchungen. Demnach haben knapp 80 Prozent der 16-Jährigen bereits einen Todesfall im engen Verwandten- oder Bekanntenkreis erlebt. Eine Umfrage unter Lehrpersonen hat ergeben, dass bei 69 Prozent von ihnen mindestens ein Schüler oder eine Schülerin in der Klasse sitzt, der oder die im vergangenen Jahr einen Elternteil, einen Freund oder ein Geschwister verloren hat.
 80 Prozent der 16-Jährigen haben bereits einen Todesfall im engen Verwandten- oder Bekanntenkreis erlebt.
 80 Prozent der 16-Jährigen haben bereits einen Todesfall im engen Verwandten- oder Bekanntenkreis erlebt.
Lehrpersonen berichten, dass die­se Kinder häufig Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, sich oft zurückziehen, vermehrt fehlen und auch ihre schulischen Leistungen nachlassen. «Das sind typische emo­tionale Reaktionen», sagt Gunther Meinlschmidt, Professor für Klini­sche Psychologie an der Universität Basel.

Diese Kinder zeigten sich auch plötzlich viel ängstlicher und seien vermehrt in Sorge um die ver­bliebenen Familienmitglieder. «Das alles ist nach einem solchen Erlebnis völlig normal», sagt Gunther Meinl­schmidt. Und es sei auch normal, wenn solche Symptome eine ganze Weile andauern.

Meinlschmidt warnt davor, die Trauer zu pathologisieren. Trauer brauche Zeit. «Die meisten denken, das Trauern sei ein Prozess, der schnell vorbeigehe. Doch er dauert tatsächlich oft länger», sagt der Psychologe. «Viele Menschen unterschätzen auch, dass das Trauern wirklich Energie kostet und die Trauer in sehr unterschiedlichen Gewändern daherkommt.» Erst wenn einem bewusst sei, dass sich Trauer – bei Kindern und Erwachsenen gleichermassen – auch in Wut, Ärger, Frust oder Langeweile zeigen kann, könne man diese Phasen akzeptieren.

Es geht auch um Träume und Pläne

Trauer zeigt sich in allen Bereichen des Lebens, sie wirkt sich aus auf die Psyche, die Emotionen, die sozialen Bindungen und die körperliche Verfassung. «Die Leute denken oft: Man trauert um eine Person», sagt Meinlschmidt, «doch es ist so viel mehr: Ich trauere um alle Bedürfnisse, die nicht mehr erfüllt werden, um alle Träume und Pläne, die ich mit der Person hatte und die nun verpuffen, um all meine Hoffnungen, die mit ihr im Zusammenhang standen.»

Kinder würden – im Gegensatz zu Erwachsenen – häufig gar nicht richtig als Trauernde wahrgenommen, sagt Trauerbegleiterin Beate Weber. «Sie werden meist erst dann registriert, wenn sie auffällig werden – entweder besonders aggressiv oder besonders still», sagt Weber.
Jeder zweite Jugendliche würde ein Jahr seines Lebens für einen einzigen Tag mit seinem verstorbenen Elternteil hergeben.
Wie gravierend sich der Tod eines Elternteils auf ein Kind auswirken kann, zeigt eine Studie, in der junge Erwachsene befragt worden sind, die als Kind den Vater oder die Mutter verloren haben. 56 Prozent von ihnen sagen, sie würden ein Jahr ihres Lebens hergeben, wenn sie nur einen Tag mehr mit dem verstorbenen Elternteil hätten. Mehr als zwei Drittel sagen, ihr Leben wäre viel besser, wenn dieser Elternteil noch leben würde, fast 80 Prozent geben an, noch häufig an den Verstorbenen zu denken.

Die Frage, wie lange man trauern dürfe, wird in der Fachwelt heftig diskutiert. Die am häufigsten genannten Zahlen liegen bei sechs bis zwölf Monaten. Zwölf Monate deshalb, weil Jahrestagen eine besondere Bedeutung zugesprochen wird. «Es dauert, so lange es eben dauert», sagt Meinlschmidt. «Die Trauer kann auch lange danach noch plötzlich aufbrechen.»

Was, wenn die Trauer nicht vergeht?

Wichtig sei, dass betroffene Eltern sich auf ihr Gespür verlassen und sich bei Bedarf Unterstützung holen. Das sei kein Zeichen von Schwäche, sondern oft eine sinnvolle Hilfe für die gesamte Familie. Diese Unterstützung müsse nicht unbedingt ein Psychotherapeut sein, betont Meinlschmidt.

Dass ein Kind mit dem Tod eines nahen Menschen tatsächlich nicht klarkommt, zeige sich vor allem bei längerfristigen Veränderungen. Wenn nach mehr als einem halben Jahr nach dem Verlust noch immer massive Ängste den Alltag des Kindes bestimmen, es wieder ins Bett nässt, es zum Störenfried in der Klasse wird oder die schulischen Leistungen dauerhaft einbrechen, kann es ratsam sein, sich an Experten zu wenden.

Zum Beispiel an eine Trauer- und Sterbebegleiterin wie Christine Leicht. Die Bernerin rät vor allem zu altersgerechter Sprache und Ehrlichkeit: nichts beschönigen, nichts leugnen und das Kind mit allen nötigen Informationen versorgen. Denn von einem offenen Umgang mit dem Sterben und dem Tod, sagt Christine Leicht, profitiere es mehrfach: «Es fühlt sich zum einen nicht ausgeschlossen von etwas, das offenbar so enorm ist, dass es alle irgendwie umtreibt», sagt sie. Und: «Zum anderen wird die kindliche Neugier befriedigt: Etwas passiert, und ich will begreifen, was da los ist.»
Lassen Sie Ihr Kind an Ihrer Trauer teilhaben.
Lassen Sie Ihr Kind an Ihrer Trauer teilhaben.
Darüber hinaus werden dem Kind keine Wahrnehmungsstörungen eingeredet. Das geschieht schnell, wenn die weinende Mutter behauptet, es würde ihr gut gehen und ihr sei nur etwas ins Auge geflogen. «Die eigene Trauer und Hilflosigkeit dem Kind mitzuteilen ist wichtig, um das Kind am Trauerprozess teilhaben zu lassen. Es fühlt sich so ernst genommen», sagt Christine Leicht.

Bei all diesen Schritten steht die Trauerbegleiterin Familien zur Seite, sowohl in der akuten Phase als auch noch lange danach. Der Bedarf gestaltet sich von Familie zu Familie sehr unterschiedlich. In einer Familie schaute sie zum ersten Mal ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter vorbei und kam dann mehrmals die Woche, bis sich die Abstände immer weiter vergrösserten.

«Zu etwa drei Vierteln widme ich meine Zeit den Kindern, zu einem Viertel berate ich die Eltern», sagt Leicht. Damit die Gefühle der Kinder Ausdruck finden können, bastelt, malt oder musiziert Leicht mit ihnen. Denn oft fehlt ihnen noch das Vokabular, um ihre Gefühle auszudrücken. «Auf diese Weise können sich Kinder besser öffnen und sind bereit zu erzählen», sagt Leicht. «Ich bin eine neutrale Person, das spürt das Kind.» Manchmal sind Schicksale so schlimm, dass auch die Expertin den Austausch sucht und sich mit Kolleginnen und Kollegen bespricht.

Den Verstorbenen einen neuen Platz geben ...

Im Gespräch mit den Kindern versucht Christine Leicht immer auf das einzugehen, was sie im Zusammenhang mit dem Tod beschäftigt. Ein sechsjähriges Mädchen habe ihr zum Beispiel erzählt, dass sie oft, wenn sie die Treppe im Haus hinuntergehe, ihren Papi neben sich spüre. «Ich habe sie gefragt, was sie denkt, wo er jetzt ist, und sie meinte, im Himmel», erzählt Leicht. «Da hat ihr älterer Bruder sofort interveniert und gesagt: ‹Du spinnst, das geht doch nicht.› Und das physikalisch begründet.» Da habe sie den Jungen gefragt, wo er denn denke, dass sein Papi jetzt sei. «In meinem Herzen, hat er geantwortet.»

Den Verstorbenen einen neuen Platz zu geben ist eine der Aufgaben von Christine Leicht. Dafür philosophiert sie viel mit den Kindern. Wo könnten Grossmami, Mami, Papi jetzt sein? Im Herzen? Im Himmel? Auf einem Stern? «Da ist vieles möglich», sagt Christine Leicht. «Das Einzige, das ich nicht akzeptiere, ist, wenn ein Kind sagt, der Vater sei jetzt in Marokko und komme es in einigen Jahren besuchen.»
Kinder und Erwachsene haben unterschiedliche Bilder vom Verbleib des Verstorbenen.
Das Bild, das sich ein Kind vom Tod und vom Verbleib des Verstobenen macht, sei enorm wichtig. Natürlich komme einem jungen Erwachsenen die Vorstellung, die er mit 5 Jahren hatte, mit 20 vielleicht nicht mehr plausibel vor, so Christine Leicht. «Aber mit fünf Jahren hat ihm dieses Bild vielleicht das Leben gerettet».

Zur Autorin:

Claudia Füssler hat mit vielen Menschen gesprochen, die bereit waren, über die schlimmsten Momente in ihrem Leben zu reden. Das hat sie tief berührt und sie versucht seither, sich so wenig wie möglich über Alltagskram aufzuregen.

Links und Buchtipps:

  • familientrauerbegleitung.ch 
  • promethea.ch 
  • kindertrauer-leicht.ch 
  • verein-regenbogen.ch
  • Petra Jenni-Furrer: Ich habe Dich im Herzen. Pattloch Verlag. 48 Seiten, 19.90 Fr.
  • Elfi Nijssen/Eline van Lindenhuizen: Benjamin. Patmos Verlag.
    24 Seiten, 14.80 Fr.
  • André Hötzer: Das Schmetterlingsprinzip. Books on Demand.
    56 Seiten, 29.90 Fr.
  • Theresa Maria Zeitz: Nasse Nasenspitzen-Küsse.
    Deutsche Literaturgesellschaft. 39 Seiten, 21.90 Fr.
  • Claudia Conradin: Ohnmacht, Zuversicht und Liebe.
    Books on Demand. 216 Seiten, 24.90 Fr.

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