Familienleben

Serie: Wie Familie gelingt – Teil 1

Eine Beziehung fürs Leben

Der Bund zwischen Eltern und Kind ist von grösster Bedeutung – über das Baby- und Kleinkindalter hinaus. Entscheidend sind Zeit, Geduld sowie die Bereitschaft, immer wieder zu verstehen zu geben, dass man sein Kind liebt.
Text: Annette Cina 
Bilder: Kirstin Lewis
Das emotionale Klima, in dem ein Kind aufwächst, hat grossen Einfluss auf seine persönliche Entwicklung. Kinder brauchen Schutz und Zuwendung. Sie müssen das Gefühl haben, einen sicheren Hafen zu haben, in den sie jederzeit zurückkehren können. Einen Hafen, der ihre Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Nähe, Geborgenheit, Halt und Verlässlichkeit erfüllt. 

Mit der Bindung zwischen Eltern und Kind wird diese Grundlage schon sehr früh gelegt. Erst dann ist es für ein Kind möglich, die Welt zu entdecken und selbstbestimmt einen eigenen Weg zu gehen. 
Wie Familie gelingt Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina.
Wie Familie gelingt
Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für
Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina.
Die Eltern-Kind-Beziehung ist der Grundstein jeder Beziehung, die Kinder später eingehen. In dieser ersten Beziehung wird erlernt, was Vertrauen, Liebe, Zugehörigkeit, Stabilität und Zutrauen bedeuten, wie die Beziehung trotz Schwierigkeiten weiterbestehen kann und wie man trotz Streit und Unstimmigkeiten das Gefühl haben kann, geborgen zu sein und geliebt zu werden. Sind diese grundlegenden Voraussetzungen langfristig nicht erfüllt, besteht ein Risiko, dass die Entwicklung des Kindes gehemmt wird.

Ohne Beziehung kein Lernen

Die tragfähige, positive und stabile Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Person stellt einen der wichtigsten sozialen Schutzfaktoren dar, die eine positive Entwicklung des Kindes ermöglichen. Dies zeigt sich in unzähligen Studien, die sich mit der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen befassen und zu verstehen versuchen, was junge Menschen benötigen, um sich ihren Möglichkeiten entsprechend zu entwickeln. Ein Grund liegt darin, dass ohne Beziehung kein Lernen möglich ist. In einem liebevollen Umfeld lernt das Kind, sich über seine Erlebnisse, Hoffnungen, Wünsche und Ängste auszudrücken. Es erlernt Respekt und seine Gefühle wahr- und anzunehmen. 
In einem liebevollen Umfeld lernt das Kind, sich über seine Erlebnisse, Hoffnungen, Wünsche und Ängste auszudrücken. 
Ein Kind lernt durch Nachahmung und Unterstützung. Es lernt durch Verstehen, Vertrauen, Zuspruch und Motivation sowie durch die Möglichkeit, die Konsequenzen seines Psychologie & Gesellschaft Tuns zu erfahren. Daher ist Erziehung ohne Beziehung nicht möglich. In diesem Punkt wird deutlich, wie viel Gewicht dieser besonderen Interaktion zwischen dem Kind und seinen Eltern zukommt. Auch ist insbesondere im Jugendalter oftmals eine positive stabile Beziehung der letzte Punkt, an den sich Eltern und Jugendliche halten können. Denn auch im Jugendalter gilt: Eine gute Eltern-Kind-Beziehung hilft Jugendlichen, sicher durch die Stürme des Jugendalters zu steuern. 
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Wen mag ich? Und warum?

Die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern ist ein sehr facettenreiches und komplexes Geschehen, das durch die unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst wird. Wie aber kann sich eine liebevolle, positive und stabile Beziehung entwickeln? Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, für sich zu überlegen: Welche Menschen mag ich? Und warum? Warum fühle ich mich bei manchen Mitmenschen geborgen, bei anderen weniger? In der Regel mögen wir Menschen, die sich für uns interessieren, die uns zuhören, die uns helfen, wenn wir dies brauchen, und uns immer wieder auf die eine oder andere Weise zeigen, dass sie uns gern haben. Menschen, die sich Zeit nehmen für uns, damit wir uns austauschen, etwas erleben oder einfach gemeinsam «sein» können; Menschen, die uns Ruhe und Wertschätzung geben. Und eigentlich ist dies bei den Kindern nicht viel anders. 
Es ist normal, dass in Familien nicht immer alles rundläuft. Wichtig ist, in all diesen Turbulenzen das Miteinander nicht zu vergessen.
Es ist normal, dass in Familien nicht immer alles rundläuft. Wichtig ist, in all diesen Turbulenzen das Miteinander nicht zu vergessen.
Auch Kinder und Jugendliche brauchen genau diese Erfahrungen: Erfahrungen, dass ihnen die Eltern zuhören, sich für sie interessieren, sie unterstützen. Sie spüren, dass man sie gern hat, auch wenn einmal Missstimmung herrscht. Und sie benötigen es noch viel mehr als wir Erwachsenen, da sie abhängig von ihrem Umfeld sind. Im Säuglings- und Kleinkindalter ist insbesondere die Feinfühligkeit der Eltern entscheidend, die Äusserung des Kindes zu verstehen und angemessen auf diese zu reagieren. 
Die Eltern-Kind-Beziehung ist der Grundstein jeder Verbindung, die Kinder später eingehen. In dieser Beziehung wird gelernt, was Vertrauen, Liebe und Stabilität bedeuten.
Dies ist oftmals ein beidseitiges Lernen: Die Eltern lernen das Kind kennen und das Kind die Eltern. Das Kind lernt im besten Fall, wie es seinen Eltern zeigen kann, wenn es etwas braucht, und dass es sich auf seine Eltern verlassen kann. Neben dem Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit entwickelt sich dabei beim Kind – etwas verborgen – das wichtige Konzept der Selbstwirksamkeit und damit das eines positiven Selbstbildes: das Gefühl, Kontrolle zu haben und etwas bewirken zu können. Und dies können Eltern dem Kind durch Hinschauen, Verstehen und angemessenes Handeln schon früh schenken. Diese Feinfühligkeit ist auch später noch wichtig, denn sie sagt eigentlich aus, dass die Eltern das Kind verstehen und darauf reagieren können.

Wie bleibt eine Beziehung stabil?

1. Interesse zeigen
 
Die Grundlage jeder Beziehung ist Interesse. Es ist wichtig, dem Kind zu signalisieren: Es interessiert mich, was du tust, denkst und fühlst. Und dies sollte auch interessieren! Denn durch die Erzählungen der Kinder nehmen sie uns mit in ihre Welt, ihre Gedanken und ihre Gefühle. Die Basis für Verstehen ist ein Sich-Einlassen in die Welt des Kindes oder des Jugendlichen. Denn Kinderwelten und Teenagerwelten sind keine Erwachsenenwelten. Durch interessiertes Nachfragen mit dem Ziel, das Kind verstehen zu wollen, können wir ihm immer wieder zeigen, dass es uns wichtig ist. Damit Kinder und Jugendliche Zutrauen fassen können, muss achtsam mit Kritik umgegangen werden. Denn Vertrauen entsteht nur dann, wenn das Kind merkt, dass mit dem, was es erzählt und äussert, auch respektvoll umgegangen wird. Und auch wenn im Teenageralter von den Jugendlichen zeitweise wenig bis gar nichts (mit)geteilt wird: Sich interessiert an ihrem Handeln und Denken zu zeigen, aber auch respektieren zu können, wenn sie sich nicht äussern wollen, kann Türen öffnen.
3. Sich füreinander Zeit nehmen
 
Beziehungen können nicht wachsen und sich verändern, wenn sie zwischen Tür und Angel gepflegt werden. Austausch und Selbstöffnung brauchen Zeit und Vertrauen. Rituale wie z. B. gemeinsame Essenszeiten, Morgen- oder Abendrituale geben die Möglichkeit, Gemeinsamkeit zu spüren und miteinander zu sprechen. Auch gemeinsame Unternehmungen (als Familie oder mit dem einzelnen Kind) ermöglichen neue Erlebnisse, das gegenseitige Kennenlernen und die Erfahrung, dass trotz unterschiedlichen Gefühlen und Stimmungen die Grundbeziehung nicht tangiert wird. Daher gilt es, immer wieder nach Möglichkeiten zu suchen, die Gelegenheit für ein Gespräch bieten. Das kann auch mal das gemeinsame Anschauen einer Sendung sein, für die sich das Kind interessiert.
2. Zuneigung zeigen
 
Kinder brauchen immer wieder das Gefühl, dass man sie liebt. Dabei reicht es nicht aus, ihnen dies zu sagen – sie müssen es auch spüren. Im Kleinkindalter fällt dies vielen Eltern einfach: Die Kinder werden bei Stress und Unwohlsein aufgenommen, beruhigt, umarmt und geküsst. Dies verändert sich im Laufe der Zeit, das Ausdrücken von Zuneigung nimmt oftmals ab. Aber auch Jugendliche brauchen, dass ihnen gezeigt wird, dass man sie wirklich gerne hat. Die Richtlinie ist: Es muss für beide Seiten stimmen. Wenn es beispielsweise ein Jugendlicher nicht mehr mag, dass er vor seinen Kollegen umarmt wird, ist allenfalls ein herzliches Schulterklopfen zu einem anderen Zeitpunkt eine Alternative. Eltern dürfen sehr kreativ und herzlich sein. Aber auch hier gilt zu beachten, dass das Ausdrücken von Liebe und Zuneigung sowie das Annehmen dieser Gefühle gelernt werden muss. Und wo, wenn nicht in der Familie?
4. Sich Sorge tragen
 
Es kann keine vertrauensvolle Beziehung entstehen, wenn Eltern sich selbst nicht Sorge tragen. Stress, Probleme oder andauernde Konflikte beeinflussen unsere Stimmung und unsere Möglichkeiten, auf unsere Kinder einzugehen. Daher ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu spüren und diese nicht andauernd zu überschreiten. Ebenso wichtig sind Offenheit und Ehrlichkeit bezüglich der eigenen Gefühle und des eigenen Befindens. Kinder können mit den Gefühlen der Eltern besser umgehen, wenn sie diese verstehen und einordnen können. 

Daher ist es ratsam, Kindern zu erklären, warum man vielleicht etwas gereizter reagiert als sonst – aber auch darauf hinzuweisen, dass dies wieder vorbeigeht und man dann wieder mehr Zeit hat. Es ist normal und gehört zum Leben, dass in Familien nicht immer alles rundläuft. Wichtig ist, in all diesen Turbulenzen das Miteinander nicht zu vergessen. Hinweise, dass eine Beziehung zwischen Eltern und Kindern gut ist, gibt es viele: Wenn die Kinder auf die Eltern zukommen, ihnen verschiedene Gefühle zeigen, ihnen von ihrem Alltag erzählen, sich öffnen, um Rat fragen, dann sind dies Vertrauensbeweise. Und damit können Eltern die wichtige Aufgabe erfüllen, ihre Kinder zu begleiten in all den Schwierigkeiten, die da kommen. Denn Beziehung gibt Zutrauen, Vertrauen und Sicherheit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Es lohnt sich, in eine liebevolle Beziehung zu investieren. Eine gute Eltern-Kind-Beziehung ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren für die gesunde Entwicklung des Kindes.

  • Für Erziehung braucht es Beziehung. Erziehung kann nur auf der Basis von Beziehung und Zutrauen gelingen. 

  • Beziehung kann nur gelingen, wenn die Eltern sich selbst auch Sorge tragen und auf sich achten. 

  • Für eine gute Beziehung braucht es Zeit, Interesse, Erlebnisse, Austausch, das Zeigen von Gefühlen wie auch Ehrlichkeit.

Zur Autorin

Dr. phil. Annette Cina ist Psychologin und Psycho-therapeutin. Sie arbeitet am Institut für Familienforschung und -beratung als Koordinatorin und Oberassistentin und ist in eigener Praxis als Psychotherapeutin tätig. Die 48-Jährige ist verheiratet und Mutter eines Sohnes und zweier
Töchter. Sie lebt mit ihrer Familie in Fribourg.

Die Serie in der Übersicht:

TEIL 1 Beziehung Eltern – Kind
TEIL 3 Vater, Mutter, Eltern sein
TEIL 4 Sorgerecht der Eltern
TEIL 5 Geschwister – die längste Beziehung des Lebens
TEIL 6 Adoption
TEIL 7 Staat und Familie
TEIL 8 Familienmodelle
TEIL 9 Wurzeln und Flügel
TEIL 10 Kontaktrecht

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