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Familienleben

Wenn Papa trinkt

In der Schweiz trinkt jede fünfte Person zu viel: Alkoholmissbrauch ist eine Volkskrankheit. Und ist ein Vater oder eine Mutter süchtig, leidet die ganze Familie. Beat Schaffner* war jahrelang alkoholkrank. Zusammen mit seiner Frau Margrit erzählt er, was die Sucht mit ihrer Familie gemacht hat – und wie sie die Krankheit überwinden konnten. 
Text: Falco Meyer 
Bilder: Stephan Rappo / 13 Photo
Draussen bricht der Winter herein, in einem einzigen nassen Windstoss. Aber Beat und Margrit* sind drüber hinweg, über die Kälte, über die Schwere, die Verwirrung, den Krach, die Depression. Stattdessen ist Arbeit angesagt: an sich selbst, an der Beziehung, an der Familie. Beat und Margrit haben drei Kinder. «Wir sind endlich angekommen», sagt Margrit. «Wir mussten mit Mitte 30 erst einmal herausfinden, wer wir sind, ohne den Alkohol.»

Beat ist trocken, und zwar schon seit mehr als zehn Jahren. Davor war er es nie. «Ich bin so geboren», sagt er. Beat konnte nie trinken, ohne sich zu betrinken, ohne die Kont­rolle zu verlieren. Das erste Mal als Ministrant. Beat hat mit zwölf den Messwein probiert. Und ist dann die Kirchentreppe hinuntergestolpert. «Ich kann mich an das Gefühl noch gut erinnern», sagt er und lacht, «ich hatte gummige Knie.» 
Als Beat zum ersten Mal verliebt war, kaufte er sich eine Flasche Whisky. «Um es nicht mehr zu spüren», sagt er. So ein Gefühl kannte er nicht, hielt er nicht aus. Eine Strategie, die er bald bewusst einsetzte. Zum Beispiel, wenn er als junger Mann seine depressive Mutter besuchte. «Ich habe es kaum ausgehalten, mit ihr am Tisch zu sitzen. Bis ich ein Glas Weisswein bekommen habe. Dann wurde das Gefühl erträglich.» Beat trank, wenn es darum ging, Emotionen auszuhalten, gute wie schlechte. Es gibt keinen zwingenden Grund für Beats Alkoholkrankheit in seiner Biografie. Sie war schlicht und einfach: eine destruktive Überlebensstrategie, die sich verselbstständigt hat. 

Keiner hat etwas gemerkt

«Mir hat er von Anfang an gesagt, dass er sich nicht unter Kontrolle hat», erinnert sich Margrit. «Aber ich dachte als naive Zwanzigjährige: Wenn er es ja weiss, dann ist das kein Problem. Dann kann er es ändern.» Dass er das überhaupt nicht konnte, dass das für einen Alkoholiker gar nicht möglich ist, das habe sie damals nicht gewusst. Zu dieser Zeit standen die Studentin und der gelernte Bäcker am Anfang ihrer Beziehung.

Mit 25 schrieb Margrit ihre Diplomarbeit. Das Thema: Alkoholismus. Beat füllt heimlich einen der Fragebogen aus, die herumliegen. «Es hat mich einfach interessiert.» Das Ergebnis hat ihn erschüttert: «Sie sind Alkoholiker, suchen Sie sich Hilfe

Beat war kein Penner. War nie aggressiv. Beat war erfolgreicher Unternehmer, Familienvater, Kol­lege. So wirkte es für Aussenstehende. Die Familie wohnt in einer kleinen Gemeinde im Kanton Aargau. 7000 Einwohner, man kennt sich, kennt Beat wegen seines Unternehmens. Trotzdem: Gemerkt habe von seinen Problem keiner etwas, sagt das Paar. Bis heute gibt es Leute, die denken, sein Entzug sei völlig übertrieben gewesen. «Die denken, das bisschen Alkohol, deshalb bist du noch lange kein Alkoholiker. Aber das stimmt nicht», sagt Beat. «Es ist nicht die Menge, es ist der Kontrollverlust.» Sobald er ein Glas getrunken hatte, ging es los. Die guten Vorsätze waren weggespült. Am Schluss war er komplett betrunken, hat lautstark philosophiert, war der Grösste. 
Als die Eltern Mitte 30 waren, musste die Familie erst einmal herausfinden, wer sie war, ohne den Alkohol.
Am Tag danach war Beat jeweils wieder zurechnungsfähig. Zumindest teilweise. «Ich habe mich immer rasiert, geduscht, bin immer pünktlich arbeiten gegangen», sagt er. Den Schnaps hat er irgendwann gegen Bier und Wein getauscht. «Da konnte ich die Menge etwas besser dosieren.»

Beat und Margrit waren nicht die verwahrloste Klischee-Alkoholiker-Familie – sie sind damit die Regel, nicht die Ausnahme. Der Alkoholismus ist eine Schweizer Volkskrankheit: Rund 250'000 Menschen sind hierzulande alkohol­abhängig. Und jede fünfte Person trinkt Alkohol missbräuchlich: Zur falschen Zeit, zu viel, zu oft. Jeder zwölfte Todesfall in der Schweiz ist auf Alkohol zurückzuführen. Das sind Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit aus dem Jahr 2016.
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Die Kinder waren nicht mehr wichtig

«Wenn wir in unserer Beziehung Krach hatten, dann wegen dem Alkohol», erinnert sich Margrit. Aber schlimmer als das Torkeln, das Lallen war der ständige Vertrauensbruch, wenn Beat am Abend für die Kinder zuständig war, während Margrit unterwegs war. «Natürlich bringe ich sie rechtzeitig ins Bett», versprach Beat dann, «natürlich klappt alles gut.» Nur, wenn dann die Freunde da waren und Beat die erste und dann die zweite Flasche Wein getrunken hatte, dann war das nicht mehr wichtig. «Dann sind die Kinder halt irgendwann irgendwo eingeschlafen, wenn sie müde waren», sagt Beat. Seinen Knockout haben sie jeweils nicht mehr mitbekommen. Obwohl: Als Alkoholiker verträgt man viel. «Nach aussen hat man mir das nicht angemerkt, dass ich an einem Abend zwei Flaschen Wein oder fünf bis zehn Bier getrunken hatte», sagt Beat heute. «Als Alkoholiker rechnest du in einer anderen Liga.»

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