Familienleben
Seite 2

«Jugendliche sollten eigene Lösungen vorschlagen»

Während der Pubertät kommt es oft zu Streit mit den Eltern. Fallen böse Worte, sollen Mütter und Väter in einem ruhigen Moment die zugrunde liegenden Konflikte thematisieren, rät Psychotherapeutin Gabrielle Marti. 
Interview: Anna Gielas

Frau Marti, gerade Jugendliche gehen oft auf Konfrontationskurs mit den Eltern. Wie sollten diese reagieren, wenn ihr Teenager «Ich hasse dich» zu ihnen sagt?

Diese Aussage ist bei Jugendlichen meist nicht wörtlich zu verstehen. Es sind akute Ohnmachts-, Wut- und Verzweiflungsgefühle, die Heranwachsende zu solchen Sätzen bewegen. Da Jugendliche aufgrund ihres Entwicklungsstandes oft impulsiv reagieren und Konsequenzen wenig berücksichtigen, gilt es ihnen einen «bedingten Welpenschutz» einzuräumen.

Dieses Entwicklungsverständnis hilft Eltern, im eskalierten Streit emotional Abstand zu gewinnen, damit sie auf «Ich hasse dich» nicht gleichermassen impulsiv reagieren wie ihre Kinder. Danach braucht es meist Zeit, um die eigenen Gefühle zu ordnen. Erst dann sollte man das Gespräch über den Auslöser des Wutausbruches mit dem Kind wieder aufnehmen. Bei Jugendlichen – im Gegensatz zu Kindern – kann dies auch erst nach ein paar Tagen sein.
«Lassen Sie sich Zeit um  die eigenen Gefühle zu ordnen, bevor Sie mit dem Kind ein Gespräch über den Wutausbruch aufnehmen» rät Psychotherapeutin Gabrielle Marti.
«Lassen Sie sich Zeit um  die eigenen Gefühle zu ordnen, bevor Sie mit dem Kind ein Gespräch über den Wutausbruch aufnehmen» rät Psychotherapeutin Gabrielle Marti.

Wie sollte dieses Gespräch ablaufen?

Hilfreich ist, wenn Mutter und Vater für einen geeigneten Ort und Zeitpunkt sorgen. Dies kann auch ausserhalb der vier Wände sein. Eltern können das Gespräch mit dem Jugendlichen beginnen im Sinne von «Ich habe dich gestern extrem wütend erlebt und möchte gerne verstehen, was dahintersteckt». Mit dieser Haltung ermöglichen Eltern, dass ihr Kind respektvoll seine Standpunkte vertreten lernt und sich ernst genommen fühlt.

Und dann?

Geht es darum, mit den Jugendlichen über die Konsequenzen des von den Eltern kritisierten Verhaltens zu sprechen. Mütter und Väter sollten im Gespräch einen Eindruck über die Fähigkeiten ihres Teenagers gewinnen: Ist ihr Kind in der Lage, die Folgen des problematisierten Verhaltens abzuschätzen? Wie viel Entscheidungsfreiheit ist sinnvoll? 

Oft macht es Sinn, gegensätzliche Positionen zwischen Jugendlichen und ihren Eltern konkret zu benennen, um diese im Anschluss daran aushandeln zu können. Dabei ist es hilfreich, dass Eltern wie Jugendliche nicht nur ihre Position vertreten, sondern auch die zugrunde liegenden Sorgen und Wünsche. Bei der Suche nach Kompromissen ist es hilfreich, den Sohn oder die Tochter aufzufordern, eigene Lösungsvorschläge einzubringen und altersgerecht Verantwortung zu übernehmen. Schriftliche Vereinbarungen von Regeln können zur Klärung und Verbindlichkeit beitragen.

Es gibt auch Situationen, in denen Eltern und Jugendliche über längere Zeit nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen. 

Wenn Konflikte über wesentliche Dinge längere Zeit nicht gelöst werden können und die Beziehung in einem Machtkampf blockiert ist, ist es hilfreich, eine Beratung aufzusuchen. Fachstellen wie psychologische Jugendberatungsstellen oder das Nottelefon für Eltern können da hilfreich sein, damit Eltern und ihre heranwachsenden Jugendlichen wieder miteinander ins Gespräch kommen.
Anzeige

Zur Person:

Gabrielle Marti ist eidg. anerkannte Psychotherapeutin MSc und Leiterin der psychologischen Jugendberatungsstelle der Stadt Zürich.

Weiterlesen:

Das Thema Eltern-Burnout ist das grosse Dossier-Thema unserer April-Ausgabe 2019. Bestellen Sie jetzt unser Magazin.



0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.