Was Paare stark macht
Familienleben
Seite 4

Mit Erwartungen überfrachtet

«Früher trennten wir uns, weil wir unglücklich waren, heute, weil wir noch glücklicher sein könnten», fasst die New Yorker Paartherapeutin und Bestsellerautorin Esther Perel zusammen. «Wir wenden uns einer einzigen Person zu in der Hoffnung, sie könne uns bieten, was früher eine ganze Dorfgemeinschaft vermittelt hat, nämlich ein Gefühl von Zugehörigkeit, Bestimmung und Kontinuität», schreibt Perel in ihrem Buch «Was Liebe braucht. Das Geheimnis des Begehrens in festen Beziehungen». Und fährt fort: «Gleichzeitig erwarten wir von einer verbindlichen Beziehung, dass sie sowohl romantisch als auch emotional und sexuell erfüllend ist. Kann es noch verwundern, dass so viele Beziehungen unter dieser übergros­sen Last zusammenbrechen?» Der Wunsch nach Stabilität und Geborgenheit, aber auch der nach Aufbruch und neuen Reizen seien Grundbedürfnisse des Menschen, die in unterschiedliche Richtungen drängten, sagt Perel. Ein Partner könne sie auf Dauer nicht alle erfüllen.
Kinderzeit: Chiara Erni-­Biondi mit ihrem Sohn Charlie-Corsin. Lesen Sie ihre Erzählung: «Irgendwann reichts»
Kinderzeit: Chiara Erni-­Biondi mit ihrem Sohn Charlie-Corsin. Lesen Sie ihre Erzählung: «Irgendwann reichts»
Wir könnten jedoch versuchen, ein Nebeneinander unserer widerstrebenden Bedürfnisse zuzulassen, schlägt Perel vor. In einer Partnerschaft brauche es Phasen von Nähe und Geborgenheit, ebenso solche von Kühnheit und Wagnis: «Intimität sucht Nähe, doch das Verlangen brauche Distanz.» Ein und dieselbe Person über längere Zeit interessant zu finden, gelinge nur, wenn wir es fertigbrächten, «auch in vertrauter Umgebung einen Sinn für das Unbekannte zu entwickeln».
«Früher trennten wir uns, weil wir unglücklich waren, heute, weil wir ­glücklicher sein könnten», schreibt Esther Perel.
Für Perel bedeutet dies unter anderem, sich als eigenständige Person zu begreifen, diese auch unabhängig vom Partner zu pflegen und dem anderen mit Neugier zu begegnen, statt davon auszugehen, ihn in- und auswendig zu kennen. Oder, wie Perel es mit Proust formuliert: «Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen.»

<div>Für die freie Autorin <strong>Virginia Nolan</strong> bestätigt spätestens diese Recherche, was sie ihrer Grossmutter nie glauben mochte: Liebe ist – unter anderem – Arbeit.</div>
Für die freie Autorin Virginia Nolan bestätigt spätestens diese Recherche, was sie ihrer Grossmutter nie glauben mochte: Liebe ist – unter anderem – Arbeit.

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