Was Paare stark macht
Familienleben
Seite 3

Warum Frauen nörgeln und Männer dichtmachen

Nörgeln ist keine Musik in den Ohren des Partners – und dass das weibliche Geschlecht zu diesem Verhalten neigt, übrigens auch kein Klischee. Aber: «Eine angemessene Kritik der Frau ist längerfristig günstig, weil sie Veränderungen anstösst», sagt Paarforscher Bodenmann. In Untersuchungen habe sich das Nörgeln der Frau gar als Indikator für die Stabilität einer Ehe herausgestellt: Partnerschaften, in denen sich die Frau nie kritisch äussere, hätten ein höheres Scheidungsrisiko. Die Frau will Tacheles reden, der Mann klinkt sich aus: laut Bodenmann ein ­klassisches Szenario in Paarkonflikten. Die verbale Überlegenheit der Frauen, wenn es um emotionale Themen geht, gilt als hinlänglich bekannt. Den Grund dafür orten Forscher in der weiblichen Sozialisation. Noch heute werden Mädchen seit frühester Kindheit in Beziehungsarbeit geschult – oder besser gesagt: auf die Mutterrolle vorbereitet. 

Dazu gehört, sich für das Gelingen des sozialen Miteinanders einzusetzen und ein feines Gespür für dessen Zustand zu entwickeln. Die Fähigkeit, Emotionen in Worte zu fassen, ist dabei entscheidend. «Ratgeber für Paare richteten sich lange Zeit nur an Frauen», sagt Bodenmann, «und eine Studie zu Partnerschaftstipps in Frauenzeitschriften zeigt, dass diese jahrzehntelang das Bild vermittelten, Beziehungspflege sei hauptsächlich Frauensache.»
Das Leben lehrte sie Achtsamkeit für schöne Momente: Sefora Cuoco und Civan Oezdogan mit ihrer Tochter. Lesen Sie ihre Erzählung: «Eine einzige Achterbahnfahrt»
Das Leben lehrte sie Achtsamkeit für schöne Momente: Sefora Cuoco und Civan Oezdogan mit ihrer Tochter. Lesen Sie ihre Erzählung: «Eine einzige Achterbahnfahrt»
Im Konfliktfall begünstigt all dies bei Männern ein Verhalten, das der US-Paarforscher John Gottman als «stonewalling» bezeichnet – mauern: Die Frau spricht ein Problem an, der Mann blockt ab. Es gibt auch Frauen, die mauern; laut Gottman ist es jedoch in rund neun von zehn Fällen der Mann, der dichtmacht. Meist aus Überforderung, weiss Gottman. Der Mann sei dann «physiologisch überflutet»: Sein körperlicher Zustand gleiche dem eines Blackouts, das sich durch erhöhte Herzfrequenz und einen hohen Wert an Stresshormonen im Blut äussere. Dann helfe nur noch, sich ein Timeout zu erbitten. Gottman rät Paaren, das Konfliktthema bald darauf in einem ruhigeren Moment wieder aufzugreifen. Damit der Zweitversuch nicht auch im kommunikativen Desaster ende, sollten sie allerdings gewisse Verhaltensweisen vermeiden.

Was unser Bindungsverhalten prägt

In seinem «Love Lab» hat Gottman seit 1975 mehrere Tausend Paare untersucht. Regelmässig lud er Frischvermählte in sein Labor ein, wo sie Konfliktthemen besprechen sollten. Das Gespräch wurde aufgezeichnet, anschliessend verorteten Gottman und sein Team jede wörtliche Äusserung, aber auch Mimik und Gestik der Gesprächspartner auf einer Skala von +5 («liebevolle Zuwendung») bis –5 («offene Verachtung»). Die Forscher erhoben im Lauf der Jahre regelmässig, welche Paare noch verheiratet waren. Sie wollten wissen, was die geglückten von den gescheiterten Ehen unterschied – und fanden in den Laborgesprächen der ehemals Frischverheirateten den entscheidenden Hinweis: Paare, die noch zusammen waren, hatten sich dadurch ausgezeichnet, dass sie mit positiven Interaktionen negative kompensierten – und zwar im Verhältnis von etwa 5:1. Das Fazit der Forscher: Es kommt weniger darauf an, wie oft wir streiten, sondern ob wir in der Lage sind, verletzende Äusserungen durch Worte und Gesten der Anerkennung und Versöhnung auszugleichen.
Es kommt darauf an, ob wir verletzende Äusserungen durch versöhnende Worte ausgleichen können.
Auch Persönlichkeitsmerkmale haben Einfluss auf unsere Partnerschaften, weiss Familienforscher ­Schöbi: «Emotional stabile und selbstsichere Menschen sind in ihren Beziehungen in der Regel zufriedener.» Eher hinderlich seien demgegenüber emotionale Instabilität oder ein geringes Selbstwert­gefühl. Wie Menschen in dieser Hinsicht ticken, hat viel mit ihren Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit zu tun. Ob wir unsere engsten Bezugspersonen als zugewandt, verlässlich und liebevoll oder als distanziert, unberechenbar oder abweisend erlebten, prägt demnach unser Selbstbild und Bindungsverhalten als Erwachsene. 
Anzeige
Für Vater und Mutter Plattner dreht sich vieles, aber nicht alles um ihre vier Söhne Janic, Ramon, Joel und Mauro. Lesen Sie ihre Erzählung: «Kinder ziehen weiter, der Partner bleibt»
Für Vater und Mutter Plattner dreht sich vieles, aber nicht alles um ihre vier Söhne Janic, Ramon, Joel und Mauro. Lesen Sie ihre Erzählung: «Kinder ziehen weiter, der Partner bleibt»
Emotional instabile Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl hätten oft Mühe, selbst mit kleinen Unstimmigkeiten angemessen umzugehen, sagt ­Schöbi: «Ist der Partner nach einem schlechten Arbeitstag gereizt, beziehen sie seine Laune auf sich selbst und distanzieren sich. Sie ­neigen auch dazu, positive Zeichen falsch zu deuten: Kommt der Partner fröhlich nach Hause, fühlen sie sich womöglich zurückgewiesen, weil das Gegenüber Freude ausserhalb der Beziehung erfahren hat, und gehen wieder auf Distanz.»

Solche Bewältigungsstrate­gien zielten darauf ab, den Schmerz einer drohenden Ablehnung abzuschwächen, führten aber auf Dauer erst recht dazu, dass das Gegenüber sich abwende. Die gute Nachricht: Es kann gelingen, solche Muster abzulegen. «An der Seite eines stabilen und selbstsicheren Partners betrachten sich emotional instabile Menschen auf Dauer selbst positiver und können lernen, negative Verhaltensmuster zu durchbrechen», so Schöbi. Auch eine Psychotherapie oder enge Freundschaften könnten eine solche Veränderung anstossen.

Manchmal gehen einer Trennung keine grösseren Konflikte voraus. Dass Paare, die mit ihrer Beziehung im Grunde genommen zufrieden sind, getrennte Wege gehen, sei ein zunehmendes Phänomen, sagt Paarforscher Bodenmann: «Es betrifft gegenwärtig rund einen Viertel aller Scheidungen.» Oft seien solche ­Paare schon länger zusammen, ­hätten grössere oder jugendliche Kinder und die Aussicht auf die kommenden Jahre werfe die entscheidende Frage auf: Wars das schon?

Hier färbe unsere Konsum­gesellschaft mit ihrer Wegwerfmentalität auf Beziehungen ab, glaubt Bodenmann. Der allgegenwärtige Wunsch nach Selbstverwirklichung schmälere unsere Bereitschaft, Bestehendes zu pflegen, zumal Onlinedienste und Dating-Apps mit scheinbar aufregenderen Alternativen lockten: «Viele wollen dann lieber etwas Neues, statt ins Alte zu investieren.» Dabei gehe gerne vergessen, dass Rückhalt, Geborgenheit und Stabilität durch einen Partner nicht beliebig ersetzbar, sondern das Produkt einer langjährigen gemeinsamen Reise seien.

Die Ehe datiert aus Zeiten, als die Lebenserwartung kurz und individuelle Freiheiten klein waren. Heute leben wir länger und selbstbestimmter. Das ist ein Segen. Ebenso, dass wir dabei etliche Wahlmöglichkeiten haben. Die Erwartung lautet allerdings auch, dass es dieses Privileg auszukosten und die richtige Wahl zu treffen gilt. «In einer Liebesbeziehung kann dies bedeuten, dass wir uns, indem wir uns für einen Partner entscheiden, immer auch gegen eine Anzahl anderer Partner entscheiden, die womöglich passender sein könnten. So entsteht eine permanente Sehnsucht, die dem Gefühl erfüllter Liebe zuwiderläuft», sagt die Paar- und Sexualtherapeutin Helke Bruchhaus Steinert.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.