Was Paare stark macht
Familienleben
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Paare in der Vereinbarkeitsfalle

Sarah, 42 und Fabio, 43 Jahre alt, wohnen in Zürich und haben ­achtjährige Zwillinge. Er arbeitet 80 Prozent in einem Beratungs­unternehmen, sie 40 Prozent im Personalwesen. Fabio hat als Projektleiter «noch immer einen interessanten Job», wie Sarah sagt. Sie muss mit Administrationsarbeiten vorliebnehmen, seit sie nach der Geburt ihrer Kinder kürzertrat. Fabio habe sie zwar ermutigt, ihr Pensum zu erhöhen, sagt Sarah, und ihr versichert, sie dabei zu unterstützen. Sarah gibt zu, dass es ihr an Initiative mangle. «Ich habe aber auch Zweifel daran, dass Fabio ­diesen Schritt wirklich mittragen würde», gibt sie zu bedenken. «Zu Hause bliebe wohl trotzdem alles an mir hängen.» An seinem Papatag ziehe Fabio es vor, mit den Söhnen etwas zu unternehmen, statt Haushalt zu machen. «Abends räume ich erst mal auf und fluche», sagt Sarah. «Unlängst ist es zu einem wüsten Streit gekommen. Nicht wegen der Unordnung, sondern aufgrund dessen, was ich von Fabio zu hören bekam: Er habe auch mal das Recht zu entspannen, zumal ja er allein für unsere Wohnung bleche.»
Ein gutes Team und dank Auszeiten ein starkes Paar: Tabea und Jonas Plattner aus Hindelbank BE. Lesen Sie ihre Erzählung: «Kinder ziehen weiter, der Partner bleibt»
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Die Herausforderung, Familie und Beruf zu vereinen, sorgt auch für emotionalen Stress, gerade wenn enttäuschte Erwartungen ins Spiel kommen. «Ganz gleich, wie ­fortschrittlich Paare vor der Geburt des ersten Kindes eingestellt waren: Die meisten finden sich danach in einem traditionellen Modell wieder. Die Frau kümmert sich hauptsächlich um Kinder und Haushalt, der Mann leistet Erwerbsarbeit», sagt Dominik Schöbi, Professor für Klinische Familienpsychologie an der Universität Freiburg. Das könne auf beiden Seiten zu Unzufriedenheit führen. Wer zu Hause bleibe oder auf ein Kleinpensum reduziere, müsse oft weit­gehend auf berufliche Selbstverwirklichung verzichten. Manchmal fehle es auch an Anerkennung durch den berufstätigen Partner, der denke, Familienarbeit sei leichter als ein Vollzeitjob. Aber auch die Rolle des Hauptverdieners, vornehmlich besetzt durch Männer, setzt diese zuweilen unter Druck, weiss Schöbi: «Sie tragen die finanzielle Hauptlast, sollen aber trotzdem so oft wie möglich am Familienleben teilnehmen. Das kann aufreibend sein.» So gibt die Rollenverteilung oft Anlass zu Neid, Missgunst und einem Wettstreit darüber, wer das schwerere Los gezogen hat.

Stress mitteilen und nachfragen

«Die Partnerschaft bietet eine einmalige Ressource, um mit Stress besser umzugehen», sagt Bodenmann. «Wir haben die Möglichkeit, ihn gemeinsam zu bewältigen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.» Das erste Gebot ist gemäss Bodenmann, Stress anzusprechen. Das bedeutet, dem anderen mitzuteilen, was einen belastet, aber auch selbst nachzufragen, wenn die andere Person verstimmt wirkt. Klar: Nach einem frustrierenden Tag im Job haben wir oft keine Lust, auch noch darüber zu sprechen. Fragt der andere nach, was los sei, liegt die Antwort auf der Hand: nichts. «Das Gegenüber merkt jedoch, dass etwas nicht stimmt», sagt Bodenmann. «Gehen wir nicht auf sein Angebot ein, darüber zu sprechen, kann das als Ablehnung empfunden werden. Die andere Person fühlt sich zurückgewiesen, weil wir uns ihr offensichtlich nicht anvertrauen wollen. Das enttäuscht und verletzt einen, man distanziert sich. Entfremdung ist programmiert.»
Themen, die einen belasten, gehören nicht zwischen Tür und Angel besprochen. Man muss sich Zeit nehmen dafür.
Besser wäre es, ehrlich zu sagen, dass man einen schlechten Tag ­hatte und gerade nicht darüber reden möge. «Wichtig ist, das Thema zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufzugreifen», sagt der Paarforscher, «etwa, wenn die Kinder im Bett sind.» Denn, so lautet Bodenmann zufolge Regel Nummer zwei für erfolgreiche Stressbewältigung: Themen, die einen belasten, gehören nicht zwischen Tür und Angel besprochen – man muss sich Zeit nehmen dafür. Dabei gelte es allerdings ein paar Regeln zu beachten: «Wir haben Hunderte von Paargesprächen über Stressereignisse analysiert und beobachtet: Der Zuhörende erteilt in der Regel bereits Ratschläge, noch bevor er richtig verstanden hat, was den Partner beschäftigt. Das bringt den Gestressten zum Schweigen.» Wie es besser geht, zeigen Bodenmann und sein Team an der Universität Zürich Paaren mit dem Modell des Unterstützungsgesprächs.

Lukas und Fabienne sind 45, ­beide Lehrpersonen und haben zwei Teenagertöchter. Das Paar aus Zürich ist seit 16 Jahren verheiratet. Lukas, der seine Beziehung mit Fabienne als glücklich bezeichnet, hat erfahren, dass seine Frau dies nur bedingt so sieht. «Sie sagt, wir seien zwar ein gutes Team, unsere Beziehung sei jedoch träge geworden», sagt Lukas. «Sie spüre von mir keine Bemühungen, Schwung in unsere Liebe zu bringen, und warf mir vor, ihre Anstrengungen in ­dieser Hinsicht zu ignorieren. Nie könne ich mich aufraffen, sei es für einen spontanen Restaurantbesuch, einfallsreicheren Sex oder einen Tanzkurs.» Lukas findet, Fabiennes einseitige Sicht auf die Dinge werde ihrer Realität als Paar nicht gerecht: «Die gemeinsamen Unternehmungen als Familie, unser Teamwork, die gute Beziehung zu den Kindern: Das gehört doch mit in die Waagschale.» Seine Frau betreibe, so scheine es ihm, geradezu Problembewirtschaftung. «Sie redet mich an die Wand», sagt Lukas, «bis mir der Kopf raucht und ich mich auf den Balkon verziehe – was sie als Beweis dafür wertet, dass ich nicht an unserer Beziehung arbeiten will.»
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