Väter in Teilzeit
Familienleben
Seite 2

80-Prozent-Anstellung mit 120 Prozent Arbeit

Wenn Führungskräfte in Teilzeit arbeiten, wird das nach Erfahrung von Diana Baumgarten, die an der Uni Basel im Zentrum Gender Studies forscht, von Arbeitgebern gerne missverstanden. «Es heisst oft: 80-Prozent-Anstellung bei 120 Prozent Arbeit», sagt sie.

«Es ist ja so», bestätigt Alain Mazenauer, «in meinem Vertrag stehen 32 Stunden pro Woche, aber ich arbeite deutlich mehr. Ich gebe vier Tage Vollgas.» Dienstag bis Freitag seien es oft lange und intensive Tage, dafür hat er von Anfang an darauf bestanden, dass der Montag als ­freier Tag gesetzt und unantastbar ist. «Ich habe vorgeschlagen, einen Teil meines Teams auf andere Führungspersonen zu verteilen», sagt er. Sein Chef nahm diese Idee an. Unterm Strich sind alle Beteiligten zufrieden mit der Situation. Mazenauer: «Und für mich ist es ein sehr gutes Gefühl, zu wissen, dass ich für unseren Sohn eine wichtige Bezugsperson bin.»
Das Arbeitspensum reduzieren und dann stressfrei ­Familienzeit geniessen? So einfach ist es leider nicht.
Erst kürzlich veröffentlichte die Frauenzeitschrift «Annabelle» eine Umfrage unter Frauen. Viele Mütter stellen sich eine partnerschaftliche Aufteilung der Kinderbetreuung am liebsten so vor, dass die Väter zu 80 Prozent berufstätig sind und sie als Mütter etwas weniger, gerne 50 Prozent. Aktuellste Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen, dass Männer zunehmend Teilzeit­arbeit nachgehen. Die Zahlen steigen im Jahresvergleich langsam, aber stetig. So arbeiteten 2020 in der Schweiz 459 00 Männer Teilzeit, das sind 16 00 mehr als im Vorjahr,  152 00 Männer mehr als 2010.

Markus Gygli aus Bern, Vizepräsident des Verbands männer.ch, sieht das positiv und fordert, dass die rechtlichen Bedingungen in Richtung Parität ausgelegt werden. «Unabhängig vom Geschlecht sollte es beiden Eltern besser möglich sein, ihr Arbeitspensum zu reduzieren», so Gygli. «Paare sollten sich gleichberechtigt aufteilen können.» Eine gerechte Lastenverteilung sei erst dann möglich.

Viele können sich eine Reduktion des Arbeitspensums nicht leisten

In einzelnen Kantonen gebe es für Arbeitnehmer bereits das Recht, einen geringen Zeitanteil von 10 bis 20 Prozent zu reduzieren. Aber das sei noch die Ausnahme. Eine grundsätzliche Herausforderung für die Schweiz sei die Überarbeitung von Rollenbildern, sagt der 53-Jährige. «Männer fürchten, als nicht leistungsorientiert zu gelten.» Teilzeit-Führungsmodelle für Männer seien noch rar. Gesellschaftliche Realität sei leider auch, dass Teilzeitstellen «ein Luxus sind, den sich viele Familien gar nicht leisten können».

Der Staat sollte Eltern und ihre Bedeutung für das Land stärker gewichten, wünscht sich Gygli. Kindertagesstätten sollten nichts kosten. Elternzeit­modelle, vom Staat gefördert wie in Deutschland, würden aus seiner Sicht helfen.
«Für mich ist es ein sehr gutes Gefühl, zu wissen, dass ich für meinen Sohn eine wichtige Bezugsperson bin», sagt Alain Mazenauer.
«Für mich ist es ein sehr gutes Gefühl, zu wissen, dass ich für meinen Sohn eine wichtige Bezugsperson bin», sagt Alain Mazenauer.
Er selbst arbeitet auf 60-Prozent-Basis als Organisationsentwickler bei den SBB und ist noch teilselbständig. Für die beruflichen Perspektiven von Frauen hält er es für wichtig, dass Männer häufiger noch stärker reduzieren, damit Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub zu einem höheren Prozentsatz wieder einsteigen können. Dann hätten Arbeitgeber auch ein grösseres Inter­esse daran, in die Laufbahnen von beiden Geschlechtern gleichermassen zu investieren.

Kurioserweise sind aber ausgerechnet Väter in der Schweiz faktisch weniger in Teilzeitbeschäftigung angestellt (12 Prozent) als der Rest der Männer (etwa 18 Prozent). Eine Familiengründung trage oft zur Stabilisierung der beruflichen Laufbahnen bei, heisst es in der Untersuchung von Diana Baumgarten und Kolleginnen. «Die meisten Väter verbleiben – unabhängig vom Erwerbsmuster der Partnerin – während der gesamten Familienphase überwiegend hundertprozentig im Beruf.» Es gibt Studien, in denen Väter gefragt wurden, in welchen Bereich sie mehr investieren wollen würden, wenn sie mehr Zeit zur Verfügung hätten. Das Ergebnis: in den Beruf. Wollen sich Väter also tatsächlich zu Hause mehr engagieren oder geben sie das nur vor?
Anzeige
Es gibt Studien, in denen Väter gefragt wurden, in welchen Bereich sie mehr investieren würden, wenn sie mehr Zeit hätten. Ergebnis: in den Beruf.
Tobias Oberli von der Fachstelle UND sagt: «Ich bin mit dieser ­Fragestellung nicht so glücklich.» Es gebe ja schliesslich auch andere Studien. Man könne auch nicht von «den Männern» und «den Vätern» sprechen, Wünsche und Vorstellungen seien etwas Individuelles. Es sei so, dass es für Männer schwieriger sei, eine Verkürzung der Arbeitszeit zu realisieren. Sie müssten dies oftmals «durchsetzen». Während ein Anspruch für Frauen, insbesondere Mütter, in fast allen Branchen ungeschriebenes Gesetz sei. Allerdings oft verbunden mit Verlust von fachlicher und personeller Verantwortung.

In manchen Berufen längst gängig

René Kuster aus Gommiswald im Kanton St. Gallen gehört zu jenen Vätern, die ganz bewusst Parität leben, beruflich wie privat. «Ich war schon immer zur Hälfte zu Hause», sagt der 40-Jährige. Sein Sohn ist heute elf Jahre alt. Seit einigen Jahren leben sie als Eltern getrennt und praktizieren alternierende Obhut. Alltagsaufgaben, Arbeit um Haushalt und Kinderbetreuung erledigen wie selbstverständlich beide.
 
Seine Arbeitszeit verkürzte René Kuster bereits direkt nach der Geburt auf 70 Prozent. «Aus meinem Umfeld gab es nie negative Reaktionen auf meine Teilzeit­anstellung», sagt er. «Im Gegenteil, die Rückmeldungen waren durchwegs positiv.» Schulsozialarbeiter würden oft ohnehin zu maximal 80 Prozent arbeiten, weil sie im Jahresarbeitszeitmodell angestellt sind und die Schulferien dadurch frei haben.

Diana Baumgarten vom Zentrum Gender Studies teilt den Eindruck, dass Teilzeit-Arbeitsmodelle in manchen Berufsgruppen für Männer gängig geworden sind. In anderen Branchen sei es für Männer aber offenbar umso schwerer, Teilzeit zu etablieren. Dabei assoziierten viele von Baumgarten befragte Väter eine gute Vaterschaft «in erster Linie mit der Zeit, die ein Vater mit seinem Kind verbringen kann».

Als grösstes Hindernis auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung bei Hausarbeit und Kinderbetreuung sieht Männerberater Lu Decurtins aus Zürich eine nach wie vor bestehende Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern. «Das ist ein totaler Missstand», sagt der 57-Jährige. Deshalb komme es dazu, dass sich junge Familien für alte Rollenbilder entscheiden: Frau bleibt zu Hause, Mann geht das Mehr an Geld verdienen.
Männerberater Lu Decurtins hofft, dass viele Väter im Homeoffice während der Pandemie den Wert von Familienzeit erkannt haben.
Decurtins warnt Männer davor, sich den Erwartungen konservativer Arbeitgeber zu fügen und Vollzeit zu arbeiten, obwohl sie sich nach Familienzeit sehnen. Für solche Väter könne es bei einer Scheidung «zur grössten Bauchlandung kommen, die sie je erlebt haben». Denn wer sich vorher wenig in die Kinderbetreuung eingebracht habe, wird das unter Umständen auch später nicht mehr tun können.

Noch vor wenigen Jahren hatten manch junge Väter regelrecht Angst davor, Familienarbeit zu übernehmen, blickt Lu Decurtins zurück. «Zu mir kam ein Vater in die Beratung, der hat immer erst die Bett­laken auf der Wäscheleine im Garten aufgehängt, um sich mit dem Rest der Wäsche vor den Blicken der Nachbarn verstecken zu können», erzählt Decurtins, selbst Vater von drei inzwischen erwachsenen Kindern und langjähriger Teilzeit­mann. Die Männer machten sich ihre ­Blockaden im Kopf selbst, auch heute noch.

Die Corona-Pandemie stimmt Lu Decurtins hoffnungsvoll, dass vor allem Väter durch die Erfahrung mit Homeoffice den Wert von Familienzeit besser erkennen. Das müsse aber erst noch bewiesen werden, ergänzt er skeptisch. Seine Botschaft an alle, die den Wunsch nach Teilzeit spüren, aber die Frage danach fürchten: «Wenn Mann will, geht das.»

<div><strong>Adrian Hoffmann </strong>ist Redaktor der baden-württembergischen Tageszeitung «Heilbronner Stimme» und selbst Vater in Teilzeit mit einem 70-Prozent-Arbeitspensum.</div>
Adrian Hoffmann ist Redaktor der baden-württembergischen Tageszeitung «Heilbronner Stimme» und selbst Vater in Teilzeit mit einem 70-Prozent-Arbeitspensum.

Lesen Sie mehr zum Thema Väter und Kinderbetreuung:

  • Heute wohne ich bei Papa
    Früher war es in der Schweiz üblich, dass Trennungsväter ihre Kinder maximal jedes zweite Wochenende zu sich nahmen. Eltern, die es anders machten, galten als Exoten. Heute haben immer mehr Männer das Ziel, auch nach einer Trennung im Leben ihrer Kinder präsent zu bleiben.

  • Wenn Väter präsent sind, gewinnen alle
    Noch immer gelten die Mütter als die engsten und wichtigsten Bezugspersonen ihrer Kinder. Dabei sind die Väter genauso fähig. Sie müssen aber selber aktiv werden.

  • Frau Stamm, warum fühlen sich Väter oft nur als Babysitter?
    Wann sind Männer «gute Väter»? Was braucht es, damit sie eine gute Beziehung zu ­ihren Kindern aufbauen können? Was braucht es vonseiten der Mütter, damit dies gelingt? Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm über die Zwänge in der ­modernen Familie – und warum Väter aufhören sollten, die Mütter zu imitieren. 

1 Kommentar

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Marianne am 04.08.2021 13:44

Liebe Redaktion, liebe Väter
Jeder Artikel, der sich mit dem Thema "Männer in Teil- und Familienzeit" beschäftigtc, ist ein wertvoller Beitrag zu einer notwendigen Diskussion. So weit so gut. Was mich als Mutter und Teilzeitarbeitende aber immer wieder an diesen Artikeln stört, ist dass die Probleme, welche Männer bei der Umsetzung ihrer Teilzeitwünsche antreffen, EXAKT DIE GLEICHEN sind, wie sie Frauen auch haben.
Der Unterschied liegt in der KOMPROMISSBEREITSCHAFT: Frau ist bereit, weniger zu verdienen. Frau ist bereit, 80% bei 50% Lohn zu arbeiten (übrigens auch Frau findet die Doppelbelastung anstregend, aber pssst, sie ist ja glückliches Mami und top im Job). Frau ist bereit, weniger Führungsaufgaben zu haben. Wäre Mann dazu auch bereit, stünden ihm die selben Türen offen.
Zwei Stolpersteine sind da noch: a) Ja, die Anderen könnten das bitzli sonderbar finden - kopfhoch: eine 80% berufstätige Mutter wird auch schräg angeschaut! b) die Lohndifferenz zwischen Mann und Frau macht es tatsächlich zusätzlich unattraktiv, diesen Weg zu beschreiten - leider - dran bleiben tut hier Not!
Am besten gefällt mir daher der Schlusssatz "wenn Mann will, geht das" - Jawohl!

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.