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Familienleben
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Das Pendant des schlechten Vaters gibt es nicht?

Zumindest nicht in dieser Form. Die Mütter sind immer schuld. Sie werden als Schuldige identifiziert, wenn sie durch Überforderung bei der Erziehung ihrer Kinder – in mancher Hinsicht – versagen, zum Beispiel bei Essstörungen oder Schulproblemen. Väter können etwa als Manager am Ende ihrer Karriere immer noch sagen: Ich habe meine Kinder wegen des Berufs kaum gesehen. Man stelle sich vor, eine Frau sage, sie habe sich leider nicht um ihre Kinder kümmern können. Trotzdem wird Frauen heute suggeriert, sie könnten alles haben. Mütter müssen sexy, erfolgreich und immer für die Kinder da sein. Das hat eine totale Erschöpfung zur Folge. Ich nenne das die «Vereinbarkeitslüge». Ob als Hausfrau, Teilzeit- oder Vollzeitberufstätige, immer stolpert sie in die «Mutterfalle», weil Mutterschaft und Existenzsicherung einander ausschliessen. Und auch, weil Männer immer noch weit mehr verdienen. Mütter bleiben als Hausfrauen ab­­hängig, als Teilzeitberufstätige sind sie auf weitere Einkommen durch den Staat oder den Ehemann angewiesen und als Vollzeitberufstätige dauererschöpft.

Manche leben sich im Mutterdasein aus. 

Viele Frauen definieren sich tatsächlich über Mutterschaft, weil sie sowieso kaum in die obersten Etagen kommen. Das liegt aber auch daran, dass sie ihr Leben um die Kinder herum planen. Das ist eine Wechselwirkung. Karriere bedeutet oft, allzeit verfügbar zu sein, und das wollen Frauen selten. Deshalb komme ich beim Thema Familie immer wieder auf den Arbeitsmarkt zu sprechen. Dort müssen sich die Regeln ändern. Denn auch die Männer geraten unter die Räder des Patriarchats. Am Leben ihrer Kinder sehr beteiligte Väter berichten, dass sie sich aktiv gegen die Forderung nach ständiger Verfügbarkeit im Job stellen müssen. Sie müssen bewusst die Karriere hinten anstellen und zum Beispiel klar sagen, dass sie nach vier Uhr nicht an Sitzungen teilnehmen können, weil ihr Kind aus der Schule kommt. Diese bewussten Väter sind noch immer in der Minderheit. 

Wie ginge es denn besser?

Wichtig ist, dass man ein stabiles Netz hat, auf das man sich stützen kann. Kinder und Mütter vom Rest der Gesellschaft zu isolieren, ist für beide gesundheitsschädlich. Wir wissen auch, dass manche Frauen und Männer als Mütter und Väter nicht oder nur wenig geeignet sind, oder sie können zeitweise ausfallen. Es gibt aber häufig keine oder nur sehr wenige andere Ansprechpartner für Kinder. Dazu kommt, dass die Familie nach wie vor der grösste Gewaltschauplatz gegen Frauen und Kinder ist – auch entgegen allen Mythen, in denen die Familie als Sehnsuchtsort dargestellt wird.
Die in Insbruck geborene Mariam Irene Tazi-Preve ist Professorin in den USA.
Die in Insbruck geborene Mariam Irene Tazi-Preve ist Professorin in den USA.

Wie können Mütter entlastet werden?

Sie müssen zuallererst aufhören, ein schlechtes Gewissen zu haben, und verstehen, dass das «Mutterelend» gesellschaftliche und historische Gründe hat. Zweitens müssen sie aufhören zu glauben, dass die Kleinfamilie der ideale Ort sei, um Kinder aufzuziehen. Drittens sollten Frauen beginnen, Familie als matrilinear  (lateinisch: in der Linie der Mutter) zu verstehen. Familie so verstanden bedeutet Verwandtschaft über die Mutter, nicht über Heirat oder einen teilweise oder oft abwesenden Vater. Denn mit Männern ist aufgrund ihres Eingebundenseins in das herrschende System, das die Berufstätigkeit vor die Bedürfnisse der Familie reiht, kaum zu rechnen. Auch gibt es immer wieder Ansätze für andere Wohn- und Lebensformen, in denen man sich gewisse Bereiche teilt, die Kinderbetreuung, Mahlzeitenzubereitung, Haushalt.

Sie sprechen davon, dass es das «Private» nicht gibt. 
Ja. Innerhalb des Systems geht es immer um Macht, Geld oder Moral. Das widerspricht allen Bedürfnissen nach Empathie und Sicherheit in einem Familienleben. Die meisten Menschen sind auf Arbeit zur Existenzsicherung angewiesen. Beruf und Familie sind zusammen aber eine unzumutbare Belastung, die Mütter, Väter und Kinder überfordert. Analysen zu Vereinbarkeitsfragen zeigen diese Überforderung und das Leiden am System, was sich in Krankheitssymptomen wie Stress, Burnout und Depressionen äussert. Deshalb sollten Frauen aufhören, an das Märchen von Karriere und einfacher Vereinbarkeit zu glauben. Die Karrierefrau mit Kindern, die das mühelos schafft, ist eine Erfindung der Medien und der Wirtschaft. 
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Und viertens?

Viertens braucht es generell eine Kultur des Teilens von Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Familien­management, da wir sonst nicht weiterkommen. Und fünftens müssen wir uns vom Irrglauben verabschieden, dass Arbeit frei und glücklich macht. 

Wirtschaftsvertreter setzen sich für Frauenförderung ein.

Das Interesse an der weiblichen oder mütterlichen Arbeitskraft hat nichts mit Gleichstellung zu tun. Auch steht nicht das Wohl der Kinder im Vordergrund. Im gegenwärtigen neo­liberalen Wirtschafts- und Politiksystem geht es einzig darum, den Profit des Unternehmens oder das Wirtschaftswachstum des Landes zu vergrössern. Es will, dass die «Menschenproduktion», also die Bereitstellung von Arbeitskräften und Konsumentinnen und Konsumenten, klaglos funktioniert.

Sie sprechen davon, dass es das «Private» nicht gibt. 

Ja. Innerhalb des Systems geht es immer um Macht, Geld oder Moral. Das widerspricht allen Bedürfnissen nach Empathie und Sicherheit in einem Familienleben. Die meisten Menschen sind auf Arbeit zur Existenzsicherung angewiesen. Beruf und Familie sind zusammen aber eine unzumutbare Belastung, die Mütter, Väter und Kinder überfordert. Analysen zu Vereinbarkeitsfragen zeigen diese Überforderung und das Leiden am System, was sich in Krankheitssymptomen wie Stress, Burnout und Depressionen äussert. Deshalb sollten Frauen aufhören, an das Märchen von Karriere und einfacher Vereinbarkeit zu glauben. Die Karrierefrau mit Kindern, die das mühelos schafft, ist eine Erfindung der Medien und der Wirtschaft 

Sie selbst haben erfahren, was es heisst, in patriarchalen Strukturen aufzuwachsen.

Meine Mutter wurde sehr jung mit mir schwanger, von einem älteren Mann anderer Nationalität, dem das Studium wichtiger war und der ein Jahr nach meiner Geburt das Land verliess. Damals war die Sozialfürsorge berüchtigt dafür, minderjährigen Müttern ihre Kinder wegzunehmen. Meine Mutter musste sich daher dem Willen meiner Gross­eltern unterwerfen, wo wir beide wohnten. Sie bekam nie das Sorgerecht, das blieb beim Jugendamt, und sie erhielt auch keinerlei finanzielle Unterstützung. Auch ihre Schulbildung konnte sie nicht abschliessen. Sie heiratete später, war damit nach aussen hin rehabilitiert, machte Abitur und holte ihr Studium nach. Die Geschichte meines Familiennamens, die ich in meinem Buch schildere, zeigt die patriarchale Verfasstheit von Rechtsprechung und staatlicher Bürokratie, die letztlich unsere gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse widerspiegelt.

Von Marian Irene Tazi-Preve kurz erklärt:

Mütter: Frauen werden in unserem gesellschaftspolitischen System gezwungen, sich zwischen dem Verzicht auf Kinder, dem Verzicht auf Berufstätigkeit und der Dreifachbelastung bei propagierter Vereinbarkeit zu entscheiden.
Väter: Männern wird suggeriert, die Gewinner zu sein, sie sind aber ebenso in die Vorgaben des Systems eingespannt. Ihnen wird somit verunmöglicht, den Preis zu erkennen, den sie für ihr persönliches Leben zahlen müssen.
Kinder: Um das System aufrechtzuerhalten, erfolgt eine dementsprechende Sozialisation der Kinder. Ihnen wird somit die Möglichkeit genommen, als nächste Generation das System grundsätzlich in Frage zu stellen und zu verändern. Voraussetzung für die  Erwerbspartizipation der Eltern ist das klaglose «Funktionieren» der Kinder. 


1 Kommentar
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Von Simonetta am 30.08.2017 11:46

Herzlichen Dank für diesen wichtigen, glasklaren Artikel. So fundiert und deutlich spricht selten jemand zu uns Eltern. Ein richtiger Augenöffner, für Mütter und Väter (hätte gerne etwas über mehr die Väter gehört). Ich würde gerne wissen, ob das Thema der Vereibarkeit(slüge) auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums so stark thematisiert wird. Ich arbeite (100% und mehr, leitende Funktion, internationale Tätigkeit) im Ausland, postsowjetischer Kontext, bin Mutter eines kleinen Kindes, habe einen erwerbstätigen Partner und werde hier NIE auf die Vereinbarkeit angesprochen (muss auch keine Fragen zu irgendwelchen Hüten beantworten - gottseidank!) Zu Hause in der Schweiz aber ständig. Warum ist das so? Warum ist es schon in Frankreich kaum ein Thema? Ist diese Kleinfamilie als allselig machendes Konzept nur bei unsverbreitet?

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