Syrische Flüchtlingskinder: «Ankommen nach Krieg und Flucht»
Familienleben
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Ankommen in der neuen Heimat, mit schwerem Gepäck

Doch neben der Eltern-Kind-Dynamik gibt es weitere Hürden, die der Integration von Flüchtlingsfamilien im Wege stehen. Selbst in einem sicheren, stabilen Land wie der Schweiz, wie Matthis Schick beschreibt: «Faktoren wie unsicherer Aufenthaltsstatus, Schwierigkeiten mit der gesellschaftlichen und sprachlichen Integration, Trennung von Angehörigen und prekäre Wohnverhältnisse fallen psychopathologisch stark ins Gewicht. Diese Belastungsfaktoren erzeugen post-migratorischen Stress, der schwer wiegt und das Risiko für psychische Erkrankungen erhöht». Problematisch ist auch, dass viele Flüchtlinge nicht in die Traumabehandlung kommen. Psychisches Leiden und auch die zugrundeliegenden traumatischen Erfahrungen sind oft stark stigmatisierend. Das heisst, die Betroffenen schämen sich, fürchten soziale Ächtung. Es sei «sehr berührend, mit welchem Aufwand das Trauma bisweilen versteckt wird, obwohl die Symptome sehr stark sind». Etwa, wenn Betroffene panisch reagieren, sobald es an der Tür klingelt. Deshalb gilt es, Vertrauen aufzubauen, bevor eine Traumatherapie beginnen kann. Auch gegenüber staatlichen Einrichtungen. Denn Kinder und ihre Eltern haben in Syrien erlebt, dass der Staat verfolgt, foltert und tötet. Dieses Vertrauen aufzubauen ist in einem ersten Schritt über Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und Lehrpersonen möglich. Sie haben den dauerhaften und entscheidenden Zugang zu den Familien.

Der Schulalltag von Flüchtlingskindern

Demnach spielt für Flüchtlingskinder die Schule eine zentrale Rolle. Sie liefert Tagesstruktur und sozialen Kontakt. Diese beiden Ressourcen bieten Kindern Vorteile, die den Eltern weitestgehend verwehrt bleiben. Denn sie leben meist abgeschottet im Flüchtlingsheim, ohne Arbeit und Freundeskreis, mitten im Asylverfahren.

Maram, die im Alter von 12 Jahren von Syrien in die Schweiz geflüchtet ist, erinnert sich: «In meiner Klasse war niemand mit arabischem Hintergrund, mit dem ich hätte reden können. Am Anfang hatte ich also grosse Angst und ein sehr schwaches Selbstbewusstsein, grosse Selbstzweifel. Ich hatte immer Angst Fehler zu machen»
Maram flüchtete im Alter von 12 Jahren von Syrien in die Schweiz.
Maram flüchtete im Alter von 12 Jahren von Syrien in die Schweiz.
Ein Schlüssel sowohl zur Integration als auch zur Traumatherapie ist die deutsche Sprache. Markus Busin, Lehrer im Zürcher Langstrassenquartier, erinnert sich, dass es vor ca. 15 Jahren noch sogenannte «Aufnahmeklassen» gab. Darin waren nur Kinder aus dem Ausland vertreten, die parallel zu den regulären Schulklassen unterrichtet wurden. Sie wurden von einzelnen erfahrenen Lehrpersonen geleitet und verfolgten das Ziel, den Anschluss an den regulären Unterricht zu ermöglichen. Vereinzelt gibt es derartige Klassen auch heute noch, zum Beispiel, wenn es sich um eine grössere Gruppe betroffener Kinder handelt. Generell kommen die Kinder aber inzwischen direkt in die regulären Klassen, in das nächstgelegene Schulhaus. Dort erhalten sie zum Beispiel zusätzlichen Deutschunterricht oder werden von Unterrichtsassistenzen begleitet.

Herausforderungen bei der Integration

«Gedanken macht man sich schon darüber, wenn ein neues Kind mit wenig bis keinen Deutschkenntnissen in die Schule kommt», schildert Thomas Gerber, dessen Sohn Leon syrische Flüchtlingskinder in der Klasse hatte. «Ob es aber die Unterrichtsqualität beeinträchtigen könnte, darüber mache ich mir keine Sorgen».

Für Lehrpersonen gibt es eine klare Vorgabe. Sie sollen sich auf ihre pädagogische Rolle beschränken, was nicht immer einfach ist. «Wir können Kriegstraumata nicht bearbeiten. Für das sind wir nicht ausgebildet und für das ist auch das Setting in einer Schulklasse einfach falsch», erklärt Markus Busin. 

Zu erkennen, welches Kind traumatisiert ist, hängt von der Vorinformation ab. Kommt ein Kind aus einem Kriegskontext, dann achten Lehrpersonen meist besonders auf eine mögliche Traumatisierung. An den schulpsychologischen Dienst vermittelt werden dann vor allem Kinder, die laut sind. Kinder ohne Verhaltensauffälligkeiten in der Klasse, entgehen wiederum dem Radar und somit auch einer Therapie. 

Mitschüler Leon beschreibt es so: «Vielleicht waren die Flüchtlingskinder ein bisschen ängstlicher und zurückhaltender als andere Kinder. Sie haben nicht jedem vertraut, aber das hat sich mit der Zeit gebessert. Ich mochte sehr an ihnen, dass sie immer so zuvorkommend, hilfsbereit und nett waren. Das war schon speziell und cool.»
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Probleme für die Integration der Kinder entstehen, wenn sie verunsichert sind: durch ihre Erlebnisse, aber auch weil sie die Sprache nicht sprechen. Markus Busin achtet deshalb darauf, die neuen Kinder nicht unnötig zu exponieren. Ausserdem vermeidet er direktes Nachfragen zu traumatisierenden Erfahrungen. Vielmehr stellt er sicher, dass die Kinder später von sich aus über ihre Erlebnisse sprechen können, wenn sie das möchten.

«Ich habe gespürt, dass Lehrer und Schüler Angst hatten mich über meine Vergangenheit zu fragen, sehr zurückhaltend, fast vorsichtig waren.Sie dachten vermutlich, dass ich selbst Angst hätte über meine Erlebnisse zu sprechen», erklärt Flüchtlingskind Maram.

Für die Integration in die Schulklasse sind gemeinsame Erlebnisse manchmal sogar wichtiger als Sprache. Auch in einem mehrtägigen Klassenlager, bei einem Sportfest oder Kuchenverkauf kann eine neue, geteilte Identität entstehen. Ohne einen zusätzlichen Aufwand können bereits die Tagesstruktur des Schulalltags und die gemeinsamen Erlebnisse einen wichtigen Schutzraum für die Kinder bieten. Gleichzeitig jedoch sieht Markus Busin bei psychologischen Massnahmen für Flüchtlingsfamilien ein grosses Defizit: «Da werden Familien und Kinder doch sehr alleine gelassen. Ich denke mir, es wäre wichtig, wenn diese Kinder so schnell wie möglich Unterstützung bekommen. Das muss nicht gleich psychologische Therapie sein, sondern schlichtweg jemand, der ihnen wieder in den Alltag hilft».

Ähnlich schätzt es auch Thomas Gerber ein: «Man hatte irgendwie das Gefühl, das Kind sucht einen Halt, und den bekam es durch die Kinder und nicht durch irgendwelche institutionellen Hilfestellungen.» Für die Mitschülerinnen und Mitschüler sieht Thomas Gerber einen Mehrwert: «So wird das soziale Verhalten der Kinder aktiviert, wie es sonst sicher nicht der Fall wäre. Ausserdem bekommen die Kinder durch die Erzählungen ein ganz anderes Bild als aus den Nachrichten. So sind die Menschen, die man in den Nachrichten sieht, plötzlich keine Fremden mehr.»

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