Syrische Flüchtlingskinder: «Ankommen nach Krieg und Flucht»
Familienleben

Ankommen nach Krieg und Flucht

Wenn Kinder Krieg erleben und fliehen müssen, dann lassen sie vieles zurück. Was sie häufig mitnehmen sind Angst und Trauer, aber auch Hoffnung. Angekommen in der neuen Heimat gilt es viele Hürden zu meistern. Ein Bericht über Kinder, Lehrer und Therapeuten, die vieles unternehmen, um dem Trauma zu trotzen.
Text: Dr. Patrick Jiranek & Dr. Omar Kassab
Bilder: Happiness Again Traumatherapiezentrum / zVg
Eindrücke haften in uns fest. Jeder Mensch kennt Reize, die über Nase, Ohren oder Augen einen Weg in unser Gedächtnis finden. So kann der Geruch von frisch gemähtem Gras innere Bilder, Gefühle wecken: etwa frohe Stunden beim Fussball, Sommertage im Freibad oder Ferien auf dem Bauernhof. Manche dieser Eindrücke werden Teil unserer Identität. Und sie gehen bis weit in die Kindheit zurück.
Susanne Attassi gründete das Happiness Again Traumatherapiezentrum in Amman, Jordanien. Lesen Sie im Interview mit ihr, was die Aufgaben des Zentrums sind: «Manche haben gesehen, wie Vater oder Mutter umgebracht worden sind».
Susanne Attassi gründete das Happiness Again Traumatherapiezentrum in Amman, Jordanien. Lesen Sie im Interview mit ihr, was die Aufgaben des Zentrums sind: «Manche haben gesehen, wie Vater oder Mutter umgebracht worden sind».
Es gibt Kinder, die erleben, wie ihre Eltern oder nahestehende Menschen von Bomben zerfetzt, gefoltert oder entführt werden. Auch diese Eindrücke können sich einnisten, sogar traumatisieren. Man spricht von Trauma, wenn Menschen eine existentielle Bedrohung erleben und sie daran verzweifeln. Susanne Attassi vom Happiness Again Traumatherapiezentrum in Amman, Jordanien, berichtet von syrischen Kindern, die gesehen haben, «wie Vater oder Mutter umgebracht worden sind». Andere wurden Opfer von Vergewaltigungen.

Trauma als ständiger Begleiter

Eine Form der Traumafolgestörung, gekennzeichnet durch anhaltende Beschwerden, nennen Fachleute posttraumatische Belastungsstörung, PTBS. Sie äussert sich zum Beispiel durch unkontrollierbare «Flashbacks». Das sind Bilder vor dem inneren Auge, von traumatischen Szenen, die unvermittelt auftauchen. Diese können wachgerufen werden durch plötzliche Reize, wie Geräusche oder Gerüche, die mit traumatischen Erinnerungen verbunden sind. Starker psychischer und körperlicher Stress sind die Folge. Menschen mit PTBS leiden an ständiger Anspannung, Reizbarkeit, Schlafproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch Depression, Angststörungen, Drogenabhängigkeit oder ein erhöhtes Selbstmordrisiko können mit dem Krankheitsbild einhergehen.

Das Spannungsfeld syrischer Flüchtlingskinder

Bei einer Kriegstraumatisierung steigt die Wahrscheinlichkeit einer PTBS deutlich an. Neben den Kriegserlebnissen selbst sind es auch Fluchterfahrungen, die traumatisieren können.
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Matthis Schick ist Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich. 
Matthis Schick ist Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich. 
Der Umgang mit Trauma unterscheidet sich zwischen älteren und jüngeren Menschen. «Kinder sind zwar verletzlicher, aber auch lern- und anpassungsfähiger als Erwachsene», erklärt Matthis Schick, Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich. Doch kann auch das Trauma der Eltern bei den Kindern Belastung und Konflikte erzeugen, etwa, wenn Eltern reizbar, impulsiv oder emotional nicht erreichbar sind. Spannungen können auch auftreten, wenn das Trauma die Eltern stärker beeinträchtigt und sie in ihrer Integration nicht weiterkommen. Daraus können Wertkonflikte entstehen. Wenn syrische Kinder zum Beispiel im neuen Umfeld ihren Kleidungsstil verändern. 

Zudem geraten Kinder öfter in Rollenkonflikte: so übernehmen sie, weil sie die Sprache häufig schneller beherrschen, früh Verantwortung für die Eltern. Denn ohne Unterstützung ihrer Kinder können viele Eltern keine Behördengänge oder Arztbesuche absolvieren. Diesen Effekt nennen Fachleute «Parentifizierung» der Kinder. Schliesslich können Kinder in Gewissenskonflikte und unter Erwartungsdruck geraten: etwa, wenn Eltern äussern, dass ihnen selbst, im Gegensatz zu den Kindern, alles im alten Heimatland genommen wurde. Die Kinder sollen nun, in der neuen Heimat, alle Chancen nutzen. 

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